Verein aus Osnabrück betreut Opfer Wie Frauen in die Prostitution gezwungen werden


Osnabrück. Wie geraten Frauen in die Zwangsprostitution? Wie schaffen sie es heraus? Martina Niermann vom Verein Solwodi Osnabrück hilft Opfern seit 15 Jahren. Sie berichtet, dass auch Voodoo eine Rolle spielt, um die Frauen gefügig zu machen.

In einer Schutzwohnung in Osnabrück bringt der Verein die Frauen unter, die anderswo in Deutschland aus der Prostitution geflohen sind oder befreit wurden.

Frau Niermann, viele der Frauen, die Solwodi betreut, stammen aus Nigeria. Wie ist das zu erklären?

Nigeria ist ein Land mit einer großen Armut. Die Frauen müssen ihre Familien ernähren und haben wenige Möglichkeiten. Ihnen wird erzählt, dass man in Europa als Kindermädchen, im Hotel oder in der Gastronomie viel Geld verdienen kann, von dem es sich gut leben lässt und das die Frauen noch viel Geld nach Hause schicken können.

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Wie werden die Frauen gefügig gemacht?

Die Frauen müssen sich vor ihrer Abreise einem Voodoo-Zauber unterziehen. Sie müssen schwören, dass sie nichts verraten. Sonst würde man entweder die Kinder töten oder die Frauen würden verrückt werden. Wenn sie nach Deutschland kommen, wird ihnen gesagt, dass sie Schulden haben: Für Flug, für Passbeschaffung, für Kleidung und für Unterkunft müssen sie bezahlen und das sind horrende Preise. 20.000 Dollar sind da gar nichts. Die müssen sie erst einmal abarbeiten. Wenn die Frauen nicht als Prostituierte arbeiten wollen, werden sie geschlagen, werden vergewaltigt, solange, bis sie psychisch gebrochen sind und es tun.

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Wie sieht der Alltag der Frauen in der Prostitution aus?

Hart. Sie müssen teilweise 10 bis 16 Stunden am Tag arbeiten. Wenn sie im Bordell sind, haben sie manchmal einen Slip an, oft müssen sie auch nackt sein. Manche wohnen im selben Zimmer, in dem sie arbeiten müssen. Andere wohnen in einem Haus in der Nähe und werden in das Bordell gefahren. Die Frauen werden meistens alle drei bis vier Wochen in eine andere Stadt weiterverkauft. Viele der Frauen halten das nur mithilfe von Alkohol oder anderen Drogen aus.

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Wie gelingt es den Frauen, sich aus der Prostitution zu befreien?

Meistens nur mithilfe der Polizei. Durch Razzien, die leider viel zu wenig stattfinden, weil die Polizei völlig unterbesetzt ist. Die Vorbereitung einer Razzia dauert lange und ist mit einem enormen Aufwand verbunden.

Mit was für Problemen haben die Frauen zu kämpfen, wenn sie aus der Zwangsprostitution raus sind?

Sie sind die traumatisiert. Sie haben Angst im Dunkeln. Wenn sie bei uns in der Schutzwohnung sind, ist immer ein Licht an, wenn sie schlafen. Sie haben bei uns ein eigenes Zimmer und einen Schlüssel. Das heißt, sie können die Tür selbst absperren, sie wird nicht von außen zugemacht, sondern von innen. Sie haben natürlich auch körperliche Defizite. Es wird untersucht, ob sie sich mit HIV angesteckt haben, oft haben sie Verletzungen im Intimbereich oder anderswo. Die Frauen wurden ja geschlagen. Viele brauchen eine Therapie, das scheitert aber oft daran, dass die Frauen kein Deutsch sprechen und Therapeuten nicht mit einem Dolmetscher arbeiten wollen, weil sie Sorge haben, dass die Antworten der Frauen verfälscht werden.

Wie gestaltet sich der Alltag der Frauen in der Schutzwohnung?

Wir versuchen, ihnen ein strukturiertes Leben zu geben. Zuerst müssen die Gesundheitsfragen abgeklärt werden. Gleichzeitig bemühen wir uns um eine Alimentierung für die Frauen. Sie werden von der Polizei vernommen. Wir vermitteln Rechtsbeistand. Sie müssen sich angewöhnen, mit Frauen zu leben, die aus anderen Kulturen kommen und die sie sich nicht freiwillig ausgesucht haben. Das ist nicht einfach. Für uns ist es wichtig, dass die Frauen einen Grund haben, warum sie morgens aufstehen. Dieser Grund ist oft ein Sprachkurs, den wir bezahlen. „Sprachlosigkeit“ ist nämlich der erste Schritt in die Ausbeutung. Der Kurs geht meistens bis Mittag. Dann können sie kochen oder sich ausruhen. Wenn wir hier noch Gesprächstermine haben, finden die mit den Klientinnen statt. Der Rest ist freie Zeit.

Genießen die Frauen einen besonderen Schutz vor Abschiebung?

Nein. Wenn sie eine Aussage machen, bekommen sie einen Aufenthaltsstatus . Gerade bei Nigerianerinnen habe ich aber noch bei keiner einzigen, die bei uns gewohnt hat, erlebt, dass es zu einer wirklichen Aussage beziehungsweise zu einem Prozess gekommen ist, weil sie aus Angst vor dem Voodoo-Zauber nicht aussagen. Irgendwann werden die Ermittlungen eingestellt und der Aufenthaltsstatus fällt weg. Allerdings stellen wir mit ihnen zusammen immer auch sofort einen Asylantrag, der in der Regel bewilligt wurde.

Was wird aus den Frauen?

Viele machen eine Ausbildung in der Pflege. Da ist fast immer eine Arbeitsmöglichkeit vorhanden.


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