Ahlstrom zieht sich zurück Osnabrücker Tradition lebt weiter: Kämmerer ist wieder Kämmerer

Von Wilfried Hinrichs

Ab Januar 2017 heiß Kämmerer wieder Kämmerer. Der finnische Konzern Ahlstrom hat sein Unternehmen verkauft. Foto: hinAb Januar 2017 heiß Kämmerer wieder Kämmerer. Der finnische Konzern Ahlstrom hat sein Unternehmen verkauft. Foto: hin

Osnabrück. Zurück zu den Wurzeln: Kämmerer ist wieder Kämmerer. Der finnische Ahlstrom-Konzern hat seine Tochtergesellschaft an die Kämmerer Paper Holding GmbH verkauft. „Die Mitarbeiter haben die Nachricht sehr positiv aufgenommen“, sagt Kämmerer-Chef Jürgen Oess.

Die mehrfachen Besitzerwechsel in den vergangenen Jahren haben eine seltsame Gemengelage an der Römereschstraße geschaffen, die sich Außenstehenden nur schwer erschließt. Die Papierfabrik ist geteilt – zwischen der Ahlstrom Osnabrück GmbH und der Kämmerer GmbH. Ahlstrom gehört die Papiermaschine (PM) 6, eine von drei Papiermaschinen auf dem Gelände. Knapp 70 Leute arbeiten für Ahlstrom. Alles drumherum gehört der Kämmerer GmbH mit rund 330 Beschäftigten, die Wartungs- und Servicedienstleistungen für Ahlstrom erbringt. So bleibt es bis Ende des Jahres.

Ab Januar verschwindet der Name Ahlstrom von allen Firmenschildern und Visitenkarten. Kämmerer ist dann wieder Kämmerer –und zwar komplett. Der Ahlstrom-Konzern mit Sitz in Helsinki verkauft zum Jahreswechsel die Ahlstrom Osnabrück GmbH an die Kämmerer GmbH. Über den Kaufpreis haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart. Auch der 50-prozentige Anteil von Ahlstrom am gemeinsamen Kraftwerk geht an Kämmerer über.

„Die Mitarbeiter haben die Nachricht von der Wiedervereinigung sehr positiv aufgenommen“, berichtet Jürgen Oess, Geschäftsführender Gesellschaft der Kämmerer GmbH. Der Standort knüpft damit an die über 200-jährige Tradition der Papierherstellung an der Hase an. Die Ahlstrom-Zeit, die 1976 begann, geht mit dem Jahr 2016 zu Ende. Und Oess ist froh darüber: „Gerade für die Beziehung zu unseren Kunden ist das wichtig, einen Ansprechpartner im Werk zu haben. Sie können jetzt direkt und schnell Kontakt zu uns aufnehmen.“ Umwege über die Konzernzentrale in Finnland fallen in Zukunft weg.

„Wohngemeinschaft“

Oess beschreibt das bisherige Nebeneinander von Ahlstrom und Kämmerer als „eine Art Wohngemeinschaft“, die harmonisch gewesen sei, aber zusätzliche Kosten verursacht habe. Die „Wiedervereinigung“, so Oess, stärke die Marktposition des Spezialpapierherstellers in Osnabrück, der nach eigenen Angaben jährlich 160 Millionen Euro umsetzt.

Seit 1808 wird an der Hase Papier produziert. 1908 übernahmen die Brüder Gustav und Rudolf Kämmerer die Papierfabrik und lieferten Isolierpapier für Stromkabel – ein gewaltiger Wachstumsmarkt damals. 1976 stieg Ahlstrom ein. Der Name Kämmerer blieb nur noch im Volksmund erhalten.

Kartellbehörden mischten mit

2012 ging die Spezialpapiersparte des Ahlstrom-Konzerns mit dem Mitbewerber Munksjö aus Schweden, was die Wettbewerbshüter der Europäischen Kommission auf den Plan rief. Um eine zu große Marktmacht des neuen Unternehmens zu vermeiden, durften die Papiermaschinen 3 und 4 nicht mitverkauft werden. Diesen Teil erwarb für 20 Millionen Euro der Finanzinvestor Perusa aus München. Dieses neue Unternehmen gab sich 2014 einen alten Namen: Kämmerer GmbH.

Um die Verwirrung komplett zu machen: Perusa ist inzwischen auch wieder ausgestiegen. Der Finanzinvestor verkaufte 2015 seine Mehrheitsanteile an zwei private Investoren, die in der Papierbranche unterwegs sind: die FK Paper Beteiligungsgesellschaft und die Querino GmbH. Weitere Anteile besitzen Kämmerer-Manager. Gemeinsam haben sie jetzt auch die PM 6 von Ahlstrom erworben.

Fünf Standbeine

Zu den Gesellschaftern gehört auch Geschäftsführer Jürgen Oess, der voller Zuversicht voraus blickt. „Wir haben in den letzten drei Jahren gut fünf Millionen in die Anlagen investiert“, sagt Oess. Der Wettbewerb sei scharf, die Branche sehr kapitalintensiv. „Aber wir sind sehr gut aufgestellt mit unseren fünf Standbeinen.“

Kämmerer produziert auf der PM 3 mit einer Kapazität von 25000 Tonnen pro Jahr vollimprägnierte Dekorpapiere für die Möbelindustrie. Damit werden zum Beispiel Möbeloberflächen gestaltet. Auf der PM 4 (Kapazität 15000 Tonnen) entsteht Schleifrohpapier, das ist das Basismaterial für Schmiergelpapier. Und die PM 6 liefert die Grundlage für Tapeten, Außenposter und Haftetiketten. Diese Maschine kann 100000 Tonnen pro Jahr produzieren. 50 Prozent der Kunden sitzen in Deutschland, je 25 Prozent in Europa und Übersee.