Flucht ohne Happy End Wie eine Osnabrücker Gymnasiastin ihrem Urgroßvater nachspürte

Von Joachim Dierks und Matthias Liedtke

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Osnabrück. Abigail Mathew ist 14 Jahre alt und Schülerin des Ratsgymnasiums. Im Unterricht tauchte die Frage auf, wer denn einen berühmten Osnabrücker Juden kenne. Klare Sache, Felix Nussbaum, der Name fiel sofort. Abigail hatte aber noch mehr in petto. Aus Familienerzählungen wusste sie, dass ihr Urgroßvater einst Mitgliedern der Familie Nussbaum zur Flucht in die Niederlande verholfen hatte. Damit trat sie eine Lawine los.

Familiengeschichte als Unterrichtsstoff

Ihre Lehrerin Irmgard Hindahl wurde hellhörig und witterte die Chance, eine authentische Geschichte mit persönlichem Bezug in den Unterricht einfließen zu lassen. Abigail möge doch bitte einmal die Fakten zusammentragen, die ihr zugänglich seien, und ein Referat darüber halten. Abigail löcherte ihren Vater Mark Mathew. Der wusste Manches, aber nicht alles und verwies an die nächste Instanz, seine Mutter Monika Mathew, geborene Hellmeister. Beide lieferten so viele Informationen über den Urgroßvater Wilhelm Hellmeister (1904 – 1957), dass Abigail locker darüber referieren konnte und eine Zwei dafür einheimste.

Doch damit fing die Geschichte eigentlich erst an. Abigail war nämlich in den diversen Schilderungen auf einige Widersprüche gestoßen und hatte nun Blut geleckt. War Wilhelm Hellmeister Angestellter und später Teilhaber der „Autoverwertung Gossel Nussbaum“, wie es in alten Notizen stand? Nein, Gossel war kein Vorname, sondern ein verstümmelter Nachname. Alfred Gossels und der Bruder des Malers Felix Nussbaum, Justus Nussbaum, beide jüdischer Herkunft, betrieben ihre Eisenwarenhandlung angeblich in der Kleinen Hamkenstraße 4. Ein winterliches Foto zeigt Justus Nussbaum und Wilhelm Hellmeister auf dem Schrottplatz. Doch die Wohnhäuser im Hintergrund – können die mitten in der Innenstadt an der Kleinen Hamkenstraße gestanden haben?

Standortbestimmung

Abigail fragte Fachleute, die sich mit dem Stadtbild Vorkriegs-Osnabrücks auskennen. Hubertus Wilker vom Medienzentrum verneinte, das könne unmöglich in der Innenstadt gewesen sein. Auf einem weiteren Bild des verschneiten Schrottplatzes von 1936 erkannte er einen Lattenzaun, der wie die Abgrenzung zu einem Bahndamm aussieht. Und die gewölbten Dächer von Bahnwaggons. Und auf noch einem anderen Foto die Domtürme plus rechts daneben den Turm der Marienkirche in größerer Entfernung. So war die Blickrichtung bestimmt, und so kam man schließlich dahinter, dass der Schrottplatz an der Sandbachstraße 7 war. In der Kleinen Hamkenstraße befanden sich lediglich Kontor und Wohnung.

Abigail und ihr Vater suchten die Stelle an der Sandbachstraße auf. Sie ermittelten, dass nach dem Krieg Adolf Ellermann an gleicher Stelle in gleicher Branche tätig war. Heute gehört das Gelände zum Bus-Depot der Stadtwerke und ist Mitarbeiter-Parkplatz. Mittlerweile war Abigail so weit in ihre Familiengeschichte und die damit verknüpfte Geschichte zweier Osnabrücker jüdischer Familien eingestiegen, dass die Idee entstand, darüber eine Video-Dokumentation zu drehen. Rats-Lehrer Jörg Scherz, bei dem sie inzwischen Geschichtsunterricht hatte, bestärkte sie darin, die Doku als Beitrag zum Niedersächsischen Geschichtswettbewerb einzureichen. Vater Mark, der früher beruflich im Filmgeschäft tätig gewesen war, versprach Unterstützung.

Fluchthilfe

Als Hauptergebnis der Recherchen kristallisierte sich heraus, dass Wilhelm Hellmeister seinen beiden jüdischen Chefs am 2. Juli 1937 zur Flucht nach Amsterdam verhalf. Nicht nur das, er fuhr mit seinem Arbeitskollegen Friedrich Niehüser insgesamt mindestens sieben weitere Male und schmuggelte dabei Gemälde, Möbel und anderen wertvollen Besitz der Familien außer Landes. Teils fuhren sie mit neuen Autos rüber und kamen mit alten, schrottreifen zurück. Dass die Flucht letztlich vergeblich war, dass die zunächst von den Nazis in den besetzten Niederlanden für Rüstungsgeschäfte gebrauchten „Metalljuden“ dann doch deportiert und 1944 im KZ Stutthof ermordet wurden, steht auf einem anderen Blatt. (Weiterlesen: Flucht war vergeblich – Stolpersteine für Emma und Alfred Gossels)

„Ich habe im Laufe der Nachforschungen einen gewaltigen Respekt vor meinem Urgroßvater bekommen“, sagt Abigail, „er ist vielleicht nicht vergleichbar mit einem Oskar Schindler oder einem Hans Calmeyer, aber er war ein aufrechter Mensch mit Würde und Anstand, der treu zu seinen sehr sozial eingestellten Arbeitgebern stand, obwohl er sich damit selbst gefährdete.“

Recherche als Erlebnis

Die Recherche-Reise in die Vergangenheit, bei der sie viel über das Osnabrück zur Nazi-Zeit und über das Exil in den Niederlanden und Belgien erfuhr, betrachtet sie als ein einziges großes Erlebnis. „Ohne die vielen Menschen unterwegs, die meinem Vater und mir dabei behilflich waren, wären wir nicht so weit gekommen.“ Sie nennt Eva Berger vom Städtischen Museum, Christine Grewe vom Friedensbüro der Stadt, Hubertus Wilker vom Medienzentrum, die Historikerinnen Martina Sellmeyer und Myriam Daru, NOZ-Autor Jann Weber, Mitarbeiter in den Landesarchiven Osnabrück und Hannover sowie im belgischen Staatsarchiv und noch viele mehr.

Und der Video-Dreh für den Geschichtswettbewerb? Er wuchs sich zu einem 90-minütigen Dokumentarfilm mit Spielszenen aus, der in Kooperation mit dem Büro für Friedenskultur der Stadt noch einmal am Sonntag, 13. November, um 11.30 Uhr im Cinema-Arthouse in Anwesenheit von „Abigails Crew“ gezeigt wird.

Voll besetztes Kino bei der Premiere

Dass die Geschichte auf großes Interesse stößt, zeigte sich schon bei der Premiere am vergangenen Sonntag. Das größte Kino im Cinema Arthouse war nahezu voll besetzt. Nicht nur das, auch das Ergebnis auf der großen Leinwand zeigt, dass sich die Arbeit gelohnt hat. In hoher technischer Qualität und mit viel Kreativität und Liebe zum Detail schildert der 90-minütige Film, an dem insgesamt 75 Personen mitgewirkt haben, die Geschichte von Wilhelm Hellmeister.

Das Werk zeichnet nicht nur die Etappen der Recherche vortrefflich nach, sondern auch die recherchierte Geschichte selbst. Dabei steht der konkrete Fall exemplarisch für die damalige Situation der Osnabrücker Juden, in deren Alltagswelt Abigail Mathew eingetaucht ist, um festzustellen, dass sich diese eigentlich nicht sonderlich von der ihrer Mitbürger unterschieden hat. Umso wichtiger erscheint es, dass dieser gründlich recherchierte Fall nun in einer Form aufbereitet ist, die nicht nur Osnabrücker Geschichte auf eine Weise lebendig macht, die auch jüngere Generationen anspricht – gerade weil sie von einer Vertreterin aus ihren Reihen erzählt wird. (Weiterlesen: Reichsprogromnacht im Jahr 1938– Gedenkveranstaltungen am 9. November in Osnabrück)


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