Löwenpudel für die beste Predigt Osnabrücker „Startup“-Pfarrer gewinnt Preacher-Slam

Von Claudia Scholz


Osnabrück. Der 26-jährige Osnabrücker Jung-Prediger Tom Herter begeisterte das Publikum beim ersten Prediger-Contest des Bistums Osnabrück mit Wortwitz. Mit Selbstironie nahm er die Fragen seiner Generation Y in den Blick. Erfahrung als Poetry-Slammer hatte der junge Pfarrer bereits.

Eine gute Predigt sollte Martin Luther zufolge wortgewaltig sein, auch gerne derbe und volksnah. Er forderte Anfang des 16. Jahrhunderts: „Ein Prediger soll Zähne im Maul haben, beißen und salzen und jedermann die Wahrheit sagen. Denn so tut Gottes Wort, dass es die ganze Welt antastet, Herrn und Fürsten, und jedermann ins Maul greift, donnert und blitzt und stürmt gegen große, mächtige Berge, schlägt drein, dass es raucht, und zerschmettert alles, was groß, stolz und ungehorsam ist.“

Wortmächtig und klug

Im 21. Jahrhundert lockt vermutlich immer noch der Pfarrer oder Priester die meisten Menschen in die Kirche, der wortmächtig, klug, sprachbegabt ist, zu guten, ungewöhnlichen Vergleichen und Allegorien greift wie in der Bibel („Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“), das aber zeitgemäß macht und nicht langweilt.

Erster „Preacher Slam“ Osnabrücks

Das Bistum Osnabrück forderte am vergangenen Freitagabend zum ersten Mal mehrere Kandidaten zum Prediger-Wettstreit, dem „Preacher Slam“ heraus. Angelehnt ist er an den „Poetry Slam“, bei dem mehrere meist junge Dichter mit Selbstgeschriebenem gegeneinander antreten. Das Format des Prediger-Contests entstand 1986 in Chicago und verbreitete sich in den 1990er Jahren weltweit. Die Herausforderung besteht darin, in möglichst kurzer Zeit über ein vorgegebenes Thema mit Tiefgang und Pep zu predigen, und die Zuhörer dadurch mitzureißen.

Osnabrücker „Löwenpudel“ als Trophäe

Das gelang dem 26-jährigen Jung-Prediger Tom Herter. Er setzte sich gegen seine katholischen und evangelischen Konkurrenten durch - drei Frauen und zwei Männer, die meisten Pfarrer oder Theologen oder beides. Der Osnabrücker brachte besonders viel Temperament und schauspielerische Begabung mit und gewann die „Löwenpudel“-Trophäe.

Mit hoher, tiefer, zum Teil lautaufbrausender Stimme, Gesang, Rap artigen Sprecheinlagen und viel Wortwitz begeisterte er die 160 Besucher im rappelvollen „Forum am Dom“ mit seiner achtminütigen Predigt zum Thema „Die letzte Rettung“ (Vorgabe waren maximal fünf bis acht Minuten). Als kannte er das eingangs erwähnte Luther-Zitat sehr gut begann der Protestant seine Predigt mit den Worten: „Am Anfang wird es laut, ihr könntet euch erschrecken ...“.

Fragen der Generation Y

Der studierte Theologe Tom Herter sprach in seiner modernen Kurzpredigt das an, was seine Altersgenossen, die Generation Y (die 1980 bis 1999 Geborenen), größtenteils umtreibt: Sinnsuche, Selbstoptimierung, Qual der Entscheidungen. Das gehe bei der Käse-Auswahl los und gipfele im religiösen Überangebot in dieser Stadt.

„Wenn Dich mal der Gedanke überkommt, in einen Gottesdienst zu gehen, musst Du Dir in dieser bezaubernden Friedensstadt ein, zwei Mal Gedanken darüber machen, was zu Dir passt: Russisch, Griechisch, Serbisch-Orthodox, katholisch, Lutherisch, reformiert, Neuapostolisch, apostolisch-katholisch, Adventisten, Methodisten, Baptisten, Freievangelische Gemeinde, Bekennende evangelische Gemeinde, Brüdergemeinde, Neues Leben und Lebensquelle. Es gibt hier Kirchen wie Käse, Du musst Dich entscheiden.“

Selbstoptimierung und Informationsflut

Auch die Flut an Informationen mache den Menschen seiner Generation zu schaffen - als Beispiel zitiert er die Meldungen unserer Zeitung, die er im Laufe eines Tages auf sein Smartphone gepusht bekam. Er geht der Frage nach: Wie kann ich es schaffen, mit meinen eigenen Herausforderungen klarzukommen und wie hilft mir das Evangelium dabei. „Früher hieß es: Wer A sagt, muss auch B sagen. Aber heute müssen alle, die A sagen, sich rechtfertigen, warum sie nicht B bis Z gesagt haben. Selbstschutz, Selbstoptimierung, Selbstrechtfertigung sind das nicht die Höllen von heute?“ Für die Generation Y könnte das gut stimmen.

Slam-Erfahrener Pfarrer

Tom Herter hat Slam-Erfahrung. Zwei Mal war er beim Poetry Slam in der Osnabrücker Lagerhalle dabei, einmal vertrat er sogar Osnabrück bei der Niedersächsisch-Bremischen Landesmeisterschaft. 2015 gründete er die „Freie evangelische Gemeinde“ (FeG) in Osnabrück. In seiner noch jungen Kirchengemeinde veranstaltet er Poetry-Gottesdienste. Er hat einen eigenen Blog. Überhaupt ähneln Logo und Website der Gemeinde einem Berliner Startup, das ganze Design ist modern, jung, bunt. Die Gottesdienste finden einmal im Monat an durchaus unüblichen Orten statt: mal in der Osnabrücker Lagerhalle, mal im Ledenhof. „Das soll Hürden nehmen“, sagt Herter.

„Startup“-Kirchengemeinde

Es geht um Themen, die vor allem junge Menschen ansprechen sollen, wie „Deine Beziehungswelt“ oder „Deine Freizeit“. Er mache zeitgemäße Kirche, vor allem für die Generation Y, die in der Kirche deutlich unterrepräsentiert sei. Wie der Gründer eines Startups habe er eine Vision und Idee, nur dass er nicht überlege, wie er ein neues Produkt auf den Markt bringen könne, sondern „wie die Botschaft des christlichen Glaubens heute wieder an Relevanz gewinnen kann.“ Das gelinge über Predigten, die nicht an den Menschen vorbeireden und die aktuellen Sorgen, Nöte und Fragen der Menschen ansprechen. Bei seiner eigenen Generation wolle er anfangen.