Das sind die Maschen der Kriminellen Trickdiebe haben alte Menschen im Visier


Osnabrück. Sie kommen meist zu zweit und wirken seriös – Trickdiebe nutzen immer öfter das Vertrauen von älteren Menschen schamlos aus. Welche Maschen es gibt und was jeder Einzelne tun kann, um Senioren zu schützen, verrät die Osnabrücker Polizeisprecherin Anke Hamker im Gespräch mit unserer Redaktion.

Immer wieder werden ältere Menschen in ihren Wohnungen bestohlen. Die Tricks variieren, doch die Masche ist die gleiche: Ein Täter erschleicht sich das Vertrauen seines Opfers und verschafft sich Zutritt zu dessen Wohnung. Er lenkt sein Opfer ab, während ein Mittäter in aller Ruhe in der Wohnung auf Beutejagd geht. Zuletzt wurden in der vergangenen Woche zwei 84-jährige und 93-jährige Damen in ihren eigenen vier Wänden in Osnabrück von unbekannten Tätern heimgesucht.

Frau Hamker, warum sind Diebstähle wie die aus der vergangenen Woche aus Ihrer Sicht so perfide?

Das Gemeine an diesen Taten ist, dass die Täter sich unter einem Vorwand das Vertrauen ihrer Opfer erschleichen. Sie gaukeln ihnen vor, nett zu sein, ihnen helfen zu wollen. Dabei machen die Täter das nur, um in die Wohnung zu kommen und an das Geld oder den Schmuck der Senioren zu kommen.

Wie gehen die Täter denn vor? Gibt es Muster, die Sie immer wieder beobachten?

Es gibt unzählige Maschen und Tricks, wobei das Grundmuster immer gleich ist. Die Täter gaukeln ihren Opfern Hilfsbereitschaft oder etwas anderes vor, gelangen in die Wohnung, lenken das Opfer ab und ein zweiter Täter sucht derweil nach Beute.

Können Sie ein Beispiel geben?

Es gibt Täter, die ihre Opfer am Supermarkt abpassen und dann vorgeben, beim Tragen der Einkaufstasche helfen zu wollen. Das tun sie auch, gehen mit in die Wohnung und lassen absichtlich die Wohnungstür auf. Andere warten ab, bis ihre Opfer vor der Haustür stehen und geben dann vor, eine Bekanntschaft von früher zu sein und einen Kaffee trinken zu wollen. Am Ende gibt es immer einen Vorwand, um in die Wohnung zu kommen. Manche Täter stehen mit einem Blumenstrauß vor der Tür, den sie vermeintlich bei einem Hausbewohner abgeben wollen, der aber angeblich gerade nicht da ist. Wieder andere geben sich als Handwerker aus.

Können Sie beschreiben, wer solche Taten begeht?

Wir können hier schon von organisierter Kriminalität sprechen. Bei den Tätern handelt es sich in der Regel nicht um Personen aus dem gleichen Ort. Vielmehr sind es gut organisierte Gruppen, die Städte und Regionen regelrecht abarbeiten. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von überregional agierenden Gruppen mit großem Radius und regelmäßigem Ortswechsel.

Wie professionell sind die Täter denn?

Sehr professionell! Sie wissen genau, was zu tun ist und denken sich dauernd neue Methoden und Geschichten aus, um in die Wohnungen zu kommen. Die Täter geben sich beispielsweise auch als Mitarbeiter von Versorgungsbetrieben aus. Oder als Polizisten. Das ist für uns natürlich besonders schlimm, weil dabei auch unsere Seriosität infrage gestellt wird. Im Grunde ist das Muster wie gesagt immer gleich: Ein Täter lenkt ab, der andere begeht den Diebstahl. Der ganze Vorgang ist schnell vorbei und dauert maximal einige Minuten. Wir beobachten, dass sich die Täter schnell mit einem Fund zufriedengeben.

Ist es schwer, die Täter zu schnappen und wenn ja, warum?

Die Täter auf frischer Tat zu erwischen, ist schwer und in der Regel passiert das auch nicht. Das liegt daran, dass die Opfer oft erst einige Zeit später merken, dass sie bestohlen wurden. Nicht selten passiert das erst Tage nach dem Diebstahl. Im Gegensatz zu Einbrüchen ist bei diesen Fällen auch keine Verwüstung zu sehen. Wir beobachten auch, dass sich viele Opfer nicht trauen, sich zu melden und erst Kinder oder andere Angehörige den Kontakt zu uns suchen. Erschwerend kommt hinzu, dass genaue Täterbeschreibungen sehr selten sind. Das hängt damit zusammen, dass viele ältere Menschen schlichtweg nicht mehr so gut sehen können. Für uns als Polizei ist es zudem schwierig, Bargeld als Beute zu identifizieren, was bei Schmuck einfacher ist. Und nicht zuletzt haben die Opfer Angst, etwas falsch zu machen. Da überwiegt die Scham, auf einen Trickbetrüger hereingefallen zu sein, weshalb die Dunkelziffer mutmaßlich hoch ist. All das ist natürlich auch Kalkül der Täter. (Weiterlesen: Betrüger gibt sich als Wasserwerker aus)

Wie erleben Ihre Kollegen die Opfer?

Jeder geht mit so einer Erfahrung anders um. Die meisten schämen sich aber zutiefst, auf so einen Trick hereingefallen zu sein. Sie sind enttäuscht und wütend, dass ihre Hilflosigkeit von anderen ausgenutzt wird. Es gab einen Fall in Osnabrück, da ist eine Frau, die in einem Mehrfamilienhaus wohnt, einem Trickbetrüger auf dem Leim gegangen, der sich als Stadtwerke-Mitarbeiter ausgegeben hat. Offenbar hatte der Täter das Haus genau ausgekundschaftet, denn er kam genau zu dem Zeitpunkt, als alle anderen Hausbewohner auf der Arbeit waren. Zwei Monate später waren die Kollegen wieder vor Ort. Die Frau war auf einen Mann reingefallen, der sich als Telekom-Mitarbeiter ausgewiesen hatte. Der Dame war das natürlich unglaublich peinlich.

Wie helfen Sie den Opfern?

Wir können ihnen nur Hilfsangebote vermitteln, beispielsweise vom Weißen Ring. In erster Linie sind hier die Angehörigen gefordert, wenn es sie denn gibt. Das ist im Grunde ja auch genau das Problem, auf das die Täter abzielen: Sie nutzen die Einsamkeit von anderen Leuten aus. Würden die Opfer in Familien leben, gäbe es keine Trickbetrügereien dieser Art. Oft ist es ja so, dass viele ältere Menschen sich freuen, wenn es mal an der Tür klingelt oder sie jemanden zum Reden haben.

Was können die Angehörigen denn konkret tun und was sollten sie eben nicht machen?

In erster Linie sind Vorwürfe hier völlig fehl am Platz. Die alten Menschen sind schon genug geplagt mit Selbstvorwürfen und sollten eher getröstet werden. Wichtig ist, ihnen die Angst zu nehmen und ihnen beschützend zur Seite zu stehen.

Trickbetrüger gibt es aber doch sicherlich nicht erst seit ein paar Jahren?

Nein, Trickbetrügereien gab es auch schon in den 80er Jahren. Damals verschafften sich die Täter als vermeintliche Verkäufer von Töpfen oder Tischdecken Zugang zu den Wohnungen. Sie breiteten damals die Tischdecken im Türblatt aus und ein Mittäter durchsuchte quasi hinter dem Tischtuch die Wohnung. Die Diebe machen es sich zunutze, dass Geldverstecke oft eben immer die gleichen sind.

Hat diese Art der Kriminalität zum Schaden älterer Menschen denn zugenommen?

Es ist sicherlich mehr geworden.

Was kann ein jeder tun? Mehr Zivilcourage zeigen?

Zivilcourage ist immer gut, vor allem weil es sich bei den Tätern in der Regel um keine Gewalttäter handelt. Um auf das Beispiel Supermarkt zurückzukommen: Wenn Sie sehen, dass ein älterer Mitbürger angesprochen wird, könnten Sie die Personen fragen, ob sie einander kennen. Oder Sie fragen vermeintliche Handwerker im Treppenhaus, wer sie sind und was sie dort tun. Wenn es im Mehrfamilienhaus klingelt, sollte auch nicht einfach die Haustür geöffnet werden, ohne nachzufragen. Wichtig ist, dass alte Menschen nicht alleingelassen werden. Eine gut funktionierende Nachbarschaft kann schon viel bewirken.

Mit Blick auf den demografischen Wandel wird Sie das Problem wohl weiter beschäftigen?

Ja klar. Es soll in Zukunft immer mehr ältere Menschen geben und somit wird es wohl auch mehr Fälle geben. Mittlerweile scheuen sich die Täter ja auch nicht mehr davor, in Altenheime und Betreuungseinrichtungen zu gehen und dort einen Besuch bei Angehörigen vorzutäuschen.


Im Jahr 2015 hat es nach Angaben der Polizeiinspektion in Stadt und Landkreis Osnabrück 19 dokumentierte Fälle von einfachen Diebstählen zu Lasten von Senioren gegeben. 2014 waren es 23 Fälle, wobei die Dunkelziffer vermutlich deutlich höher ist. Im überwiegenden Teil der Fälle tarnten sich die Betrüger als Handwerker, um die Wohnungen zu kommen. Die Taten werden polizeilich als „einfacher Diebstahl“ geführt.

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