Numerus clausus verpasst Wie eine Osnabrücker Studentin ihren Studienplatz einklagte

Anders als für diese Studenten blieben die Türen der Uni Osnabrück für Emma verschlossen – bis sie sich ihren Studienplatz einklagte. Symbolfoto: David EbenerAnders als für diese Studenten blieben die Türen der Uni Osnabrück für Emma verschlossen – bis sie sich ihren Studienplatz einklagte. Symbolfoto: David Ebener

Osnabrück. Mit Abiturnote 2,9 zu schlecht fürs Studium – das wollte Studentin Emma nicht akzeptieren. Als sie von der Universität Osnabrück nicht für den Lehramtsstudiengang Gesundheitswissenschaften zugelassen wurde, nahm sie sich einen Anwalt und reichte Klage beim Verwaltungsgericht Osnabrück ein. Mit Erfolg: In diesen Tagen sitzt Emma wie Tausende andere Erstsemester auch in ihren ersten Vorlesungen. Richtig glauben kann sie es noch nicht. Denn hinter ihr liegt ein weiter Weg.

„Wenn man etwas so lange gewollt hat und darauf warten musste, ob der Wunsch in Erfüllung geht, dann braucht es, glaube ich, etwas länger, das zu realisieren“, sagt Emma. Die Studentin heißt eigentlich anders, aber sie erzählt ihre Geschichte nur unter der Bedingung, nicht erkannt zu werden. Denn sie hat etwas getan, was in den Augen vieler beinahe als unverschämt gilt: Emma hat sich ihren Studienplatz vor Gericht erstritten. Selbst unter ihren Freunden und in der Familie ist sie damit auf ganz unterschiedliche Reaktionen gestoßen. Deshalb hat sie an der Universität Osnabrück niemandem erzählt, dass sie ihren Studienplatz im Fach Gesundheitswissenschaften nicht wie alle anderen über das normale Vergabesystem bekommen hat. „Ich will nicht abgestempelt werden“, sagt Emma. Reaktionen wie „Die hat nicht genug getan im Abi, die hat ihren Studienplatz nicht verdient“ will sie um jeden Preis vermeiden.

Abitur: Mit dem Kopf nicht da

Dabei hat sich Emma schon oft selbst geärgert, dass sie ihr Abitur nicht ernst genug nahm. „Ich war in der elften Klasse in Amerika auf der Highschool, dort musste ich mich nicht anstrengen. Und irgendwie habe ich das danach beibehalten. Ich war mit dem Kopf nicht da“, sagt sie selbstkritisch. Hausaufgaben – für Emma ein Fremdwort. Die Fächerkombination für die Oberstufe – entschieden in fünf Minuten. Lernen für die Abiturprüfungen – Emma nimmt sich je einen Tag Zeit. „Ich habe mir schon oft gewünscht, dass ich eine andere Einstellung gehabt hätte.“

Emma kann darüber so reflektiert sprechen, weil seit ihrem Abitur fünf Jahre vergangen sind. In der Zeit hat sie eine Ausbildung abgeschlossen und ein Studium angefangen. „Aber schon nach einem Semester war mir klar, dass ich das nicht machen wollte“, sagt Emma. Deshalb jetzt der Wechsel an die Universität Osnabrück: Emma will als Berufsschullehrerin arbeiten, Hauptfach Gesundheitswissenschaften, Nebenfächer Deutsch und Biologie. Doch die Altlasten aus der Schulzeit hängen Emma nach. Als sie sich um einen Studienplatz bewirbt, erhält sie eine Absage: „Auf dem Ablehnungsbescheid steht: Ich hätte 55 Jahre warten müssen, um den Platz regulär zu bekommen.“

Das Zulassungsverfahren – eine unüberwindbare Hürde

Alle Hochschulen grenzen die Anzahl der Studenten pro Studiengang ein – besonders in den Fächer, in denen es viele Bewerber gibt. Das Mittel der Wahl ist die Zulassungsbeschränkung, auch bekannt als Numerus Clausus (NC). „Der NC ist für uns im Grunde die einzige Möglichkeit, die Zulassung so zu gestalten, dass wir die Auslastung unserer Hochschule – auch im Sinne der Studierenden – richtig steuern können“, sagt Alexander Schmehmann, Vizepräsident für Studium und Lehre an der Hochschule Osnabrück. Im Zulassungsverfahren entscheidet sich dann – abhängig von den vorhandenen Studienplätzen und der Anzahl der Bewerber – wie viele Studenten zugelassen werden können. Schmehmann betont: „Wir wollen keine Ausschlusspolitik betreiben, sondern im Gegenteil möglichst vielen jungen Menschen ein Studium ermöglichen. Es gibt aber eben auch vereinzelte Studiengänge, in denen auf einen Platz 20 Bewerber kommen.“

Emmas Studiengang ist zwar auch, aber nicht ganz so stark überlastet. Im Wintersemester 2016/17 bietet die Universität Osnabrück im Fach Gesundheitswissenschaften 46 Studienplätze an, darauf gibt es 374 Bewerber. Die Eignungsnote liegt bei 1,8 – unerreichbar für Emma. Es ist eine Freundin, die die 25-Jährige schließlich auf die Idee bringt, den Studienplatz notfalls einzuklagen. Als sie sich im Internet über die Möglichkeiten informiert, stößt sie bald auf Britta Tornow. Die Rechtsanwältin aus Osnabrück hat sich Zulassungsklagen gegen Universität und Hochschule zum Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht. Sie sagt: „Es gibt in Osnabrück viele Studienangebote, bei denen ich mit über 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit den gewünschten Platz erstreiten kann.“ (Lesen Sie hier: So lief die Einführungsveranstaltung der Osnabrücker Erstsemester)

Begrenzender Faktor: Stühle im Vorlesungssaal

Eine Studienplatzklage funktioniert so: Der Kläger behauptet, dass die jeweilige Hochschule mehr Studienplätze zur Verfügung hat, als sie offiziell verteilt. „Ich gehe eigentlich nicht davon aus, dass bewusst Plätze verschwiegen werden“, sagt Tornow. Vielmehr handele es sich um Fehler im komplizierten Feststellungsverfahren. Denn wie viele Studienplätze vergeben werden, hängt von vielen Faktoren ab. „Das beginnt bei den Stühlen im Hörsaal. Aber es geht zum Beispiel auch darum, wie viele Lehrkräfte zur Verfügung stehen und wie viele Studenten sie jeweils betreuen können.“

Auf Fehler in diesem System hoffen Studenten, die sich einen Studienplatz erstreiten wollen. Sie stellen bei der Universität oder Hochschule zunächst einen sogenannten „Antrag auf Zulassung außerhalb der festgesetzten Kapazität“. Sie bewerben sich also auf einen der Plätze, die nicht ausgeschrieben sind. Wenn dieser Antrag abgelehnt wird oder keine Reaktion erfolgt, kann das zuständige Verwaltungsgericht per Eilantrag über die Zulassung entscheiden. Dann wird umfangreich geprüft, ob zusätzliche Studienplätze vorhanden sind. In den meisten Fällen bieten die Lehranstalten aber lieber einen Vergleich an: Das Verfahren am Verwaltungsgericht wird eingestellt, dafür bekommt der Student seinen Studienplatz zugesichert und trägt die Verfahrenskosten.

Beliebte Fächer in Osnabrück: Germanistik und Psychologie

Am häufigsten werde auf die Zulassung in medizinische Studienfächer geklagt, sagt Britta Tornow. Diese Ballungsstudiengänge gibt es in Osnabrück nicht, „besonders eng ist es hier aber zum Beispiel in der Psychologie oder beim Lehramtsstudiengang Germanistik“, so die Anwältin. In diesen Fächern ist das Einklagen schwierig, denn hier lässt sich die Universität in der Regel von einer renommierten Anwaltskanzlei vertreten und gibt Studienplätze nicht ohne Weiteres frei. Das habe einen guten Grund, sagt Universitätssprecher Utz Lederbogen: „Die Studienplatzklagen werden zum Problem für die Lehre, wenn eine Vielzahl gerichtlicher Antragsteller auf diesem Weg einen Platz erhalten würde, da aus Sicht der Universität die zusätzlichen Kapazitäten nicht vorhanden sind und die Lehrplanung somit nicht auf die zusätzlichen Studierenden ausgerichtet ist.“

Klagen sind deshalb gerade in den beliebten Fächern fast immer erfolglos, das bestätigt auch Richterin Julia Schrader. Das war nicht immer so: Etwa bis 2012 hatten Studenten auch in diesen Fächern eine gute Chance auf Erfolg, so die Sprecherin des Verwaltungsgerichts Osnabrück. Dass sich die Quote geändert hat, wirkt sich auch auf die Anzahl der Klagen insgesamt aus. Waren es 2014 noch 104 Verfahren, ist die Zahl 2015 auf 82 zurückgegangen. 2016 musste das Verwaltungsgericht Osnabrück bisher 84 sogenannte NC-Klagen bearbeiten. Nicht jede endet allerdings mit einem Urteil. „Verfahren, in denen es um andere Studienfächer als Germanistik und Psychologie geht, werden bislang in der Regel durch außergerichtliche Vergleiche mit den Hochschulen beendet“, bestätigt Schrader.

Vier Monate Wartezeit

Emma kannte diese Statistiken nicht, als sie sich entschieden hat, ihren Studienplatz einzuklagen. Auch wenn ihre Anwältin Britta Tornow ihr immer wieder sagte, dass ein Erfolg sehr wahrscheinlich ist: Emma saß auf heißen Kohlen, vier lange Monate. „Ich wollte mich nicht darauf verlassen, dass es klappt, um nicht zu enttäuscht zu sein“, sagt sie. Stattdessen lenkte sie sich mit einem Praktikum ab. Mitte September kam dann endlich die erlösende E-Mail: Die Universität Osnabrück lässt Emma zu ihrem Wunschstudiengang zu, wenn sie im Gegenzug die Klage vor dem Verwaltungsgericht fallen lässt und die Verfahrenskosten trägt. „Soll ich diesen Vorschlag annehmen?“, schrieb Anwältin Tornow dazu. Keine Frage für Emma: „Als ich verstanden habe, was das bedeutet, habe sofort alle angerufen, meine Mama, meine Zwillingsschwester, meinen Freund“, erzählt sie euphorisch.

Mit diesem Gefühl will Emma nun auch die ersten Vorlesungen angehen. „Dieses Studium ist meine letzte Chance“, sagt sie. Selbst wenn sie es in der Regelzeit durchzieht, wird sie frühestens mit 32 Jahren Lehrerin sein. „Meine Schwester und viele meiner Freunde starten gerade richtig durch, haben Geld und können sich etwas leisten. Das will ich irgendwann auch“, sagt Emma. Über 2000 Euro habe die Studienplatzklage gekostet. Jetzt ist es für Emma an der Zeit, etwas zurückzuzahlen: „Ich will meine Eltern endlich stolz machen.“

(Hier geht es weiter: Zehn Fehler, die Erstsemester in Osnabrück vermeiden sollten)


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