Premiere im Theater Osnabrück „Über meine Leiche“ hinreißend in Szene gesetzt

Handeln einen Deal aus: Janosch Schulte als Friedrich und Marie Bauer als Jana.Foto: Uwe LewandowskiHandeln einen Deal aus: Janosch Schulte als Friedrich und Marie Bauer als Jana.Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Das Schwere wird leicht gemacht, ohne es zu unterschlagen in Marlene Anna Schäfers hinreißender Urinszenierung von Stefan Hornbachs „Über meine Leiche“ im Osnabrücker Theater.

Osnabrück. Auf allen Spielebenen flackert und zittert das Licht höchst bedenklich: Alarm, Alarm! Was hat der Arzt da gerade gesagt: Dieser Humor sei zum Totlachen? Er meint ja wohl doch Tumor,, Geschwulst und zwar bösartigen, sonst gäbe es nicht dieses aufgescheuchte Gewusel von inneren Stimmen und realen Figuren.

Das Bühnenbild für Stefan Hornbachs Stück „ Über meine Leiche “ auf der Emma-Bühne des Osnabrücker Theaters jedenfalls sagt: Wir befinden uns im Kopf von Friedrich, dem jungen Mann mit der ganz frischen Krebsdiagnose. Stefan Hornbach hat mit seinem Erstling den zweiten Durchgang des Osnabrücker Dramatikerpreis es gewonnen – und die Osnabrücker Uraufführung dazu.

Hirnaktivität unter Hochdruck

Wie Abteilungen eines Hirnstübchens oder eben die Scheiben einer MRT-Aufnahme hat Christin Treunert (Bühnen und Kostüme) mehrere sich verjüngende weiße Schachteln als Spielebenen hintereinandergesetzt. Auf diesen Ebenen geistern, stolpern oder turnen fünf Darsteller umher, stecken mal kurz den Kopf in einen Rahmen, rücken eng zum Erinnerungsbild zusammen und debattieren mit Friedrich – Hirnaktivität unter Hochdruck.

Die junge Regisseurin Marlene Anna Schäfer hat eine luzide Bebilderung für einen komplexen Text mit wechselnden Erzählhaltungen und Textformen gefunden. Ihr kleines Schauspielteam trifft auch ziemlich genau Hornbachs Erzählton: stets leicht liebevoll-mokant, schon mit Abstand zum ersten Schrecken. Doch auch im Witzigen und Galgenhumorigen des Erzählten blitzen jederzeit Wut, Aufbegehren und Angst vor dem Unbekannten auf, zu dem auch der Tod gehört.

Die Schauspieler gehen mit einer Frische zu Werke, die das schwere Thema staunenswert leicht macht. Allen voran Marie Bauer. Als eigentlich lebensmüde Jugendfreundin Jana spielt sie die vitale Seite Friedrichs, mal umwerfend charmant, mal knallhart, mal rotzig, mal trotzig.

Sprechen im Kopfstand

Auch Janosch Schulte, neu und im Erstengagement in Osnabrück, wechselt als tumorgeplagter Held Friedrich mühelos zwischen den Gefühlsregistern und Erzählhaltungen hin und her, als sei es das natürlichste der Welt. Wenn er den Text sogar im Kopfstand spricht, dann geht Friedrichs Verzweiflungskampf ums innere Gleichgewicht massiv an die Nieren. Was Friedrichs Arzt völlig kalt lässt. Oliver Meskendahl tänzelt, säuselt und witzelt unnachahmlich jovial über alle Krebsendstadien und Überlebensstatistiken hinweg – satirischer ist nur die Realität, der dies abgelauscht wurde..

Ganz so stark brennen sich Christina Dom als Mutter oder Psychoonkeltante und Thomas Halle (als Gast) für Friedrichs Alter Ego nicht ins Gedächtnis. Sehr wohl tun das aber die vielen glänzenden Regieeinfälle Marlene Anna Schäfers, etwa wenn sie das lakonische „Pech gehabt“ des Arztes von allen Spielern wiederholen lässt wie ein Kopfgewitter. Stück und Inszenierung gelingt es, Tragisch-Schweres leicht und plausibel zu erzählen – großartig.


Weitere Aufführungen: 2., 10. und 18. November. Kartentel. 0541/7600076

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