Osnabrücker bleibt auf Kosten sitzen Wenn der Mietnomade weiterzieht ...

Von Jörg Sanders


Osnabrück. Er präsentierte sich nett, ruhig und höflich – doch am Ende prellte Michael Berger (Name geändert) Vermieter Reinhard Gebel um Tausende Euro. Der blickte in dem Fall sogar einmal in die Läufe von Polizeipistolen.

5300 Euro soll Berger dem Vermieter aus Voxtrup schulden. Er ist dem 57-Jährige zufolge ein Mietnomade – also eine Person, die von Wohnung zu Wohnung zieht und Mietschulden anhäuft. Gebel schildert seinen Fall im Fall im Gespräch mit unserer Redaktion.

Im Frühjahr vergangenen Jahres zog Berger* in die Dachgeschosswohnung des Voxtrupers und seiner Frau. Grund zum Misstrauen sah Gebel nicht. „Der war eigentlich ganz lieb, nett und ruhig“, erzählt der 57-Jährige. Die erste Zeit verlief das Mietverhältnis problemlos. „Dann sagte er, er würde die Miete für den kommenden Monat (September) um 50 Euro kürzen wegen einer Reparatur seines Rollers“, sagt Gebel. Er zeigte Verständnis, „man ist ja kein Unmensch“.

Fehlende Miete ab Dezember

Doch im nächsten Monat sagte Berger erneut, er werde 50 Euro weniger zahlen. Und im darauf folgenden Monat. Gebel forderte den 51-Jährigen auf, seinen Roller aus seiner Garage zu entfernen, wo er ihn bis dahin kostenlos unterstellen durfte. Ab diesen Zeitpunkt, also ab Dezember, zahlte Berger gar keine Miete mehr.

Einbruch in die eigene Wohnung

„Am 4. Januar hat er dann die Kündigung per Anwalt erhalten“, sagt Gebel. Es folgte eine zivilrechtliche gerichtliche Räumungsklage. Bis zum 30. April hatte Berger die Wohnung zu verlassen. Kurz bevor die Frist verstrich, zog er aus der teilmöblierten Wohnung aus. Ganz plötzlich und ohne Ankündigung. „Er hat alle Schlüssel mitgenommen, zwei Lampen und den Duschkopf“, berichtet Gebel. Er und seine Frau mussten am 1. Mai in ihre eigene Wohnung einbrechen. Diverse Sachen waren beschädigt, die Türschlösser mussten sie austauschen.

Polizei stoppt Gebel

Doch zuvor war es noch dicker gekommen. Als Gebel sah, dass Berger auszog, verfolgte er den Umzugswagen. An einer Tankstelle fragte er den Fahrer des Wagens, wo Berger hinzöge, als dieser nicht am Wagen war. Kurz darauf entdeckte Berger ihn aber in seinem Auto und fotografiert ihn. „Plötzlich war ein Polizeiauto hinter mir.“ Polizisten richteten ihre Waffen auf ihn, erzählt der Vermieter. „Ich musste die Hände aufs Autodach legen – wie in Amerika. Das ist schon ein komisches Gefühl.“

Bewaffneter Drogenverkäufer

Die Polizei hatte den Hinweis erhalten, in dem Auto sitze ein bewaffneter Drogenverkäufer. Gebel vermutet, Berger habe über einen Dritten die Polizei informieren lassen. Doch beweisen kann er es nicht. Der Polizei macht er keinen Vorwurf. „Die hat sich vorbildlich verhalten. Ich habe es ihr erklärt, dann war es auch sehr entspannt.“

Eine Anzeige wegen Verleumdung gegen Unbekannt verlief im Sande. Der Hinweis an die Polizei sei von einem nicht registrierten Prepaid-Handy erfolgt. Die Polizei habe ihm jedenfalls geglaubt. Berger ist mehrfach vorbestraft. 25 Einträge umfasst seine Akte, bestätigt Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer auf Nachfrage unserer Redaktion. In den vergangenen Jahren habe es sich aber primär um Verkehrsdelikte gehandelt.

Auf eigene Kosten ...

Auf seinen Kosten bleibt Gebel jedenfalls sitzen. „Angeblich hatte er nichts“, sagt Gebel. „Wir mussten die Gerichts- und Anwaltskosten selbst zahlen.“ Hinzu kamen die Mietschulden und allein 2400 Euro aufgrund der Beschädigungen.

„Die 5300 Euro tun uns nicht sonderlich weh“, sagt Gebel. Er und seine Frau müssten damit nicht das Haus abbezahlen. „Aber was ist, wenn eine junge Familie das Geld zum Abbezahlen braucht?“, fragt er sich. „Der Mann gehört weggeschlossen.“

Verfahren eingestellt

Die Staatsanwaltschaft habe Gebel mitgeteilt, Berger nicht strafrechtlich zu belangen, berichtet er. Das bestätigt Staatsanwalt Retemeyer. Eine Anzeige wegen Betrugs habe er nicht vorliegen gehabt – wohl aber wegen der Sachbeschädigungen. „Dieses Verfahren wurde eingestellt“, sagt er. Grund seien die vielen Verkehrsdelikte. „Da fällt das nicht mehr so ins Gewicht.“ Eine Anzeige wegen Betrugs könne Gebel aber noch erstatten.

Betrugsabsicht muss nachweisbar sein

Strafrechtlich könne Berger aber nur belangt werden, wenn ihm die Betrugsabsicht zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses nachgewiesen werden könne, sagt Retemeyer. Ansonsten sei es ein zivilrechtlicher Vertragsbruch und kein Straftatbestand nach dem Strafrecht. Und da Berger anfangs regulär gezahlt habe, sei eine Betrugsabsicht womöglich nicht nachweisbar.

Neuer Ort, dieselbe Masche

Dabei ist Gebel offenbar nicht der einzig Geprellte. Nachdem Berger bei ihm ausgezogen war, bezog dieser eine Wohnung einer alten Dame. Dort zahlte Berger ebenfalls keine Miete und Kaution, erfuhr Gebel von ihr. Auch diese Episode blieb für Berger strafrechtlich folgenlos: keine Anzeige, bestätigt Retemeyer. Gebel erkundigte sich weiter: Inzwischen wohnt Berger in Georgsmarienhütte. Neuer Ort, dasselbe Spiel: keine Miete, keine Kaution. Von diesen Vermietern erfuhr er, dass sie am Montag Anzeige erstatteten.

Kontrolle statt Vertrauen

Gebel hat aus dem Fall gelernt. „Wir waren einfach naiv, das müssen wir ehrlich sagen.“ Inzwischen wohnt ein Flüchtling unter seinem Dach, den Bekannte ihm vermittelt hatten. „Aber beim nächsten Mal lasse ich mir alles vorzeigen.“

Unserer Redaktion war es nicht möglich, Bergers Kontaktdaten in Erfahrung zu bringen, um ihm die Möglichkeit einer Stellungnahme zu geben.

* Der korrekte und vollständige Name des mutmaßlichen Mietnomadens ist unserer Redaktion bekannt.


Mietnomaden

Als Mietnomade wird ein Mieter bezeichnet, der von Wohnung zu Wohnung zieht zu und nicht vorhatte und vorhat, seine Miete zu zahlen. Irgendwann verlässt er die Wohnung fluchtartig. Dabei hinterlässt er sie zwar nicht selten in einem vermüllten Zustand; doch Mietnomaden sind nicht zwangsläufig Messies.

Ist der Mieter mit seiner Miete zwei Monate im Rückstand, kann der Vermieter ihm fristlos kündigen. Reagiert der Mietnomade nicht, kann der Vermieter ihn mit einem Räumungsprozess aus der Wohnung drängen – was wiederum Zeit und Geld kostet. Geld, das der Mieter in der Regel ebenfalls niemals wiedersieht. Aber andere Möglichkeiten gibt es kaum. So darf der Vermieter nicht einfach Wasser und Strom abdrehen, um den Mieter aus der Wohnung zu verscheuchen.

Dem Mieter ist es aber noch möglich, eine sogenannte Sicherheitsanordnung zu erwirken. Bei dieser muss der Mieter auf Anordnung eines Gerichts bei einem laufenden Gerichtsverfahren eine Sicherheit in bestimmter Höhe innerhalb einer Frist hinterlegen. Das kann eine Bürgschaft sein, eine Geldleistung oder auch eine Garantie des Jobcenters. So soll der Schaden des Mieters verringert werden. Zudem kann der Vermieter eine beschleunigte Zwangsräumung per einstweiliger Verfügung erwirken – allerdings nur, wenn etwa seine eigene Existenz durch den säumigen Mieter gefährdet ist. Denn einen Mietnomaden loszuwerden, kann bis zu 36 Monate dauern.

Das sind einige Möglichkeiten der Vermieter, sich vor Mietnomaden zu schützen:

  • Personalausweis mit derzeitiger Adresse notieren
  • Auskunft bei vorherigem Vermieter einholen
  • Gehaltsnachweis vorlegen lassen, nach Nettoverdienst und Beruf fragen
  • Schufa-Selbstauskunft verlangen

Selbstauskunft des Mieters verlangen

  • Namen im Internet suchen

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