Friedensgespräch Zwei Drittel der Osnabrücker Türken für Erdogan?

Von Andre Pottebaum

Wohin treibt die Türkei? – Unter diesem Motto diskutierten (von links) Martin Franz (Professor für Wirtschaftsgeografie, Universität Osnabrück) Rolf Wortmann, Katharina Opladen (beide Osnabrücker Friedensgespräche) und Ramis Konya (Atatürk Verein für Bildung und Kultur) am Sonntag in der Lagerhalle. Foto: Thomas OsterfeldWohin treibt die Türkei? – Unter diesem Motto diskutierten (von links) Martin Franz (Professor für Wirtschaftsgeografie, Universität Osnabrück) Rolf Wortmann, Katharina Opladen (beide Osnabrücker Friedensgespräche) und Ramis Konya (Atatürk Verein für Bildung und Kultur) am Sonntag in der Lagerhalle. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. „Wohin treibt die Türkei?“ – Unter diesem Motto wurde am Sonntag beim friedenspolitischen Frühschoppen des Förderkreises Osnabrücker Friedensgespräche über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei debattiert. Dabei ging es um demokratische Strukturen, politische Zerwürfnisse und die Stimmung in den türkischen Zirkeln Osnabrücks.

„Mit Blick auf die undemokratischen Entwicklungen in der Türkei sehe ich schwarz. Wir schaffen in der Türkei demokratische Regeln ab. Es gibt keine gesellschaftliche Entwicklung nach innen“, sagt Ramis Konya, ehemaliger Vorsitzender des Ausländerbeirats der Stadt Osnabrück. Mit Sorge blickt der gelernte Volkswirt auf die Entwicklungen in der Türkei, auf die Verhaftungswellen und die Massenentlassungen im öffentlichen Sektor.

Vor allem die Rolle des Militärs, das jahrzehntelang als „Beschützer des Systems“ aufgetreten ist, sieht er kritisch. „Das Militär gehört in die Kaserne. Der Einfluss des Militärs verhindert demokratische Strukturen in der Türkei“, so seine Einschätzung. Bei den Zuhörern und Diskutanten wurde diese Wahrnehmung durchaus skeptisch betrachtet. „Für mich hat das Militär islamistische Tendenzen in der Türkei verhindert“, sagte ein Zuhörer.

Wirtschaftlich starkes Land

Dass in der Türkei trotz der angespannten politischen Lage nicht alles schlecht ist, offenbarte Martin Franz, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Universität Osnabrück. „Bis in die Achtzigerjahre war die Türkei wirtschaftlich abgeschlossen. Seit die AKP die Macht übernommen hat, sind die wirtschaftlichen Bedingungen kontinuierlich verbessert worden“, so Franz. Erdogan habe es geschafft, das Land wirtschaftlich zu stabilisieren, indem er es für ausländische Investitionen geöffnet habe. Gleichzeitig sei die Konsumbereitschaft in der Bevölkerung gestiegen und habe zu einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen.

„Sollten aufgrund des Putsches und der geopolitischen Lage die Investitionen in der Türkei nachlassen, wird das einen sehr starken Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben“, so seine Einschätzung. Zudem hätten die langjährigen Beitrittsverhandlungen mit der EU zu einem Aufschwung und gehobenen Standards in der Türkei geführt, auch wenn ein Beitritt der Türkei zur EU in weite Ferne gerückt sei.

(Weiterlesen: Friedenspolitischer Frühshoppen Osnabrück zum „Brexit)

Machtmensch Erdogan

Trotz der erheblichen Einschnitte nach dem Putschversuch im Juli dieses Jahres, sei der Zuspruch für Präsident Erdogan in Deutschland ungebrochen. „Die Türken in Deutschland und auch in Osnabrück unterstützen Erdogan überwiegend. Durch seine Anwesenheit in Deutschland vermittelt er den Menschen eine Art Selbstwertgefühl“, so Ramis Konya. Laut seiner Aussage würden rund zwei Drittel der hiesigen Türken die Politik des Präsidenten unterstützen, auch wenn man sehr kritisch mit den jüngsten Entwicklungen umgehen müsse.

Gerade zwischen Erdogan-Anhängern und Gegnern sei die Stimmung gereizt – eine sachliche Debatte in der Regel nicht möglich. „Ich habe mich nicht wohlgefühlt nach dem Putsch. Leute, die nichts mit der Gülen-Bewegung zu tun haben, werden denunziert und ausgegrenzt“, so ein Diskutant.  Befürworter der Bewegung, die auf den islamischen Prediger und ehemaligen Wegbegleiter von Präsident Erdogan, Fethullah Gülen, zurückzuführen ist, hätten Schwierigkeiten, sich frei über ihre Ansichten zu äußern, so der junge Mann.