Die Stärken und die Schwächen 31. Filmfest Osnabrück: Wie war‘s? – Die Bilanz



Berlin. Das 31. Unabhängige Filmfest Osnabrück ist Geschichte. Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen des Formats? Eine Bilanz.

Eine der emotionalsten Szenen des Filmfests war die Schlusssequenz aus „Alba“. In dem Coming-of-Age-Drama muss sich eine Elfjährige mit ihrem Vater arrangieren, weil die Mutter im Sterben liegt. Der bettelarme Mann weiß, dass er dem Kind nichts zu bieten hat. Nur eins vielleicht: Heimlich lässt er das Puzzle rahmen, mit dem sie sich seit Wochen zurückgezogen hat. Gerade, als es auf ihrem Bett liegt, stirbt die Mutter. Der Vater muss das Kind mit der Nachricht von einer Party abholen – wo sie ihn aus Scham verleugnet. Als sie später das Puzzle sieht, brechen beide in Tränen aus. Was für ein Finale!

Wer diesen Film Freunden empfiehlt, wird vielleicht von der Hauptdarstellerin reden. Oder einfach bekennen, dass er im Kino selten so geweint hat. Was er vermutlich nicht sagen wird, ist dies: „Ein interessanter Beitrag zum Thema Kinderrechte! Ein starkes Stück südamerikanisches Kino!“ Genau das aber tut das Filmfest Osnabrück, das „Alba“ in der Lateinamerika-Sparte um den Kinderrechte-Preis antreten ließ. (Die neue Leiterin des Filmfest Osnabrück: Julia Scheck im Interview)

Ein Festivalprogramm in sieben Farben: Warum so unübersichtlich?

Wenn man das Festivalprogramm aufschlägt, ist es etwa so übersichtlich wie Albas 5000-Teile-Puzzle: Rund 40 Filme konkurrieren in fünf Sparten um vier Preise; ein weiterer soll im nächsten Jahr dazukommen. Sieben Farben braucht der Plan, um all das zuzuordnen. Das kann man bunt nennen oder ein Sammelsurium. Im Guten wie im Bösen spiegelt sich darin eine gewachsene Struktur, zu der in 30 Jahren ganz unterschiedliche Kräfte beigetragen haben: das Engagement der Menschenrechtler und Umweltschützer, die das Festival als Forum der Gegenkultur gegründet haben – und ihren Mitstreitern selbst laienhafte Demo-Dokumentationen vorsetzen konnten. Das Selbstverständnis der „Friedensstadt“, die ihre Förderung an den Leitbegriff der städtischen Kultur knüpft. Persönliche Leidenschaften der Ehrenamtlichen, ohne deren Einsatz das Festival nicht arbeitsfähig wäre. Und der Kampf um ein Publikum, das in viele Interessensgruppen zerfällt.

Weil das Festival all das auf einmal bedient, gibt es die inhaltlich begründete Hauptsparte zum Frieden, zwei regional motivierte Sektionen für Kino aus Südamerika und aus Europa, zwei ästhetisch motivierte für Musik- und Genrefilme. Politisch ist das irgendwie alles. Selbst beim animierten Zombie-Film aus Südkorea betont das Programmheft die gesellschaftliche Relevanz. Das stimmt sogar – aber es ist für keinen Fan der Grund für seinen Kinoabend. (Heimatfilme auf dem Filmfest Osnabrück? Eine Querschau durch das Programm 2016)

Was ist das Hauptargument für das Filmfest Osnabrück?

Was wäre denn das entscheidende Argument? Zuallererst natürlich, dass man die oft großartigen Filme des Festivals in Osnabrück sonst nicht sehen könnte. Weil sie vom Arthouse bis zur Filmpassage durchs Raster fallen – oder überhaupt keinen deutschen Verleih haben. Die Relevanz der Festivalfilme dürfte sich in Osnabrück rumgesprochen haben. In der Nachbereitung kann man nun den anderen Aspekt betonen: Wer statt „Alba“ lieber den Staffelauftakt von „The Voice“ guckt, wird den Film wahrscheinlich nie mehr sehen. Und er hat dabei nicht die Debatte der Kinderrechte geschwänzt – sondern einfach nur was verpasst.


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