Komiker heute mit neuer Show in Osnabrück Interview: Kaya Yanar über nörgelnde Deutsche und humorlose Türken

Von Claudia Scholz


Osnabrück. Der türkischstämmige Komiker Kaya Yanar kommt mit seiner Show „Planet Deutschland“ nach Osnabrück. Im Interview spricht der 43-jährige Wahlschweizer und Freizeit-Veganer über spaßempfindliche Türken, nörgelnde Deutsche, Skinheads im Publikum und Fleisch-Witze.

Herr Yanar, mal wieder in Osnabrück? Wie gefällt es Ihnen hier?

Sehr gut, sonst würde ich nicht so oft wiederkommen. 1999 habe ich das erste Mal in der Lagerhalle gespielt. Vor zwei Leuten. Mittlerweile habe ich hier sehr treue Fans.

In Ihrer neuen Show witzeln Sie über deutsche Macken. Was nervt Sie an den Deutschen am meisten?

Manchmal die Nörgelkultur. Uns geht es im Schnitt ganz gut, wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche. Und ich bin viel herumgekommen. Ich kenne mittlerweile ganz Europa, die USA, Südamerika, Brasilien, Ecuador, Kanada, Russland, China, Indien, Australien, Neuseeland, sogar Island, das war das nördlichste Land. Was die Krankenversorgung, Grundrechte, freie Meinungsäußerung, aber auch die Lebensqualität betrifft, ist Deutschland vorne mit dabei. Der Deutsche vergleicht sich aber dauernd mit anderen, ist unzufrieden, obwohl es ihm gar nicht so schlecht geht. Der eine hat mehr Geld, eine hübschere Frau, schlauere Kinder. Wir brauchen definitiv mehr Gelassenheit.

Sie sind privat sehr oft in der Schweiz. Was vermissen Sie, wenn Sie dort sind?

Meine Freunde. Weil ich aber meine Freundin dort habe, vermisse ich darüber hinaus nichts weiter aus Deutschland. Vorher war ich acht Jahre Solo und mir war es wurscht egal, in welchem Land ich war. Richtig gereicht hatte es damals nicht für die absolute Glückseligkeit. Ich vermisse, dass ich in Deutschland rasen kann und in der Schweiz nicht. Da gilt Tempolimit 120.

Welches deutsche Klischee stimmt denn?

Die Deutschen denken immer über sich nach und was typisch deutsch ist. Die Schweizer fragen nie, was typisch schweizerisch ist. Oder die Amerikaner, die sagen nie: „Thats typical american“. Die Deutschen hinterfragen immer die eigene Identität. Das hat einige geschichtliche und psychologische Gründe. Es ist typisch deutsch, auf der Suche nach der deutschen Identität zu sein.

Hätten Sie Frauke Petry gern im Publikum?

Das wäre mal ein netter Versuch . In Bremen hatte ich mal zwei rechte Skinheads im Publikum. Die Security kam zu mir und meinte: „Das sind Leute von Blood&Honour“. Ich fragte die, ob das eine Band sei. Nee, das seien ganz harte Kerle, ziemlich radikal. Ich werde die jetzt rauschmeißen. Ich wollte aber, dass die bleiben, hatte schon damit gerechnet, dass sie pöbeln. Im Gegenteil: Die haben sich zwei Stunden weggelacht. Ich bin froh, dass wir sie nicht rausgeschmissen haben. Ich habe die quasi inkludiert. Ich hatte dann diese romantische Vorstellung, dass diese Männer vielleicht zu Hause sagten: „Wir sind ja sonst gegen Ausländer, aber der war lustig.“

Können Türken über Ihre Witze lachen?

90 Prozent meines Publikums sind Deutsche. Der Türke per se ist sehr empfindlich, was Humor betrifft, viel empfindlicher als andere Völker. Der derzeitige türkische Präsident ist auch humorfrei. Das hat damit zu tun, dass sich viele Türken benachteiligt fühlen in Deutschland. Sie denken dann, man macht sich nur über sie lustig, aber ich mache mich generell über alle Kulturen lustig. Türken oder Türkischstämmigen in Deutschland geht es um Respekt.

Aber womit bringt man denn die Türken zum Lachen?

Wenn es darum geht, was die Türkei alles Tolles geleistet hat.

Das ist ja Lob, aber kein Humor.

Klar, der Türke will Lob hören, damit kriegt man sie in Deutschland. So wird sein Selbstbewusstsein gestreichelt. Aber bei Comedy geht es eigentlich nicht um Lob, sondern um Kritik.

Würden Sie auch Erdogan durch den Kakao ziehen?

Ich benutze generell keine Schmähkritik. Ich beleidige nicht. Was hat das gebracht, die ganze Nummer? Außer dass ein Zombieparagraf rausgekegelt wurde und sich Leute zu Wort gemeldet haben, die man längst vergessen hatte, und sich alle plötzlich berufen fühlten, Böhmermann zu verteidigen . Ich bin kein Kabarettist. Ich will unterhalten.

Können religiöse Menschen überhaupt über ihre eigene Religion lachen?

Die meisten, die ich kenne, sind liberal. Auch bei Witzen über Jesus und den Papst sind die Leute relativ gelassen. Wenn man dagegen über Propheten Witze macht: Da kennt man das Ergebnis. Ich mache keine Witze über Jesus, Papst oder Mohammed, weil ich weiß, dass es den Leuten sehr wichtig ist.

In Ihrer Show greifen Sie die gewagte These auf, dass Goethe Türke war. Wie kommen Sie darauf?

Ich hatte mal gelesen, dass Geschichtswissenschaftler herausgefunden hatten, dass die Vorfahren von Johann Wolfgang von Goethe Türken waren. Das kam durch die Türkenbelagerung von Wien. Da kamen einige tausend türkische Kriegsgefangene nach Deutschland, die hat man komplett in die Gesellschaft assimiliert und jetzt sind sie im Familienstammbaum von Goethe.

Das finden Sie persönlich bestimmt sehr amüsant.

Ja und das ist zum Beispiel eine Nummer, wo die Türken im Publikum aufstehen und jubeln.

Wie finden Sie Goethe?

Faust musste ich lesen, die Sprache war für mich als 17-Jährigen unerträglich . Wenn es eine moderne Version von Faust gäbe, wäre vieles leichter. Aber ich finde, der Typ war ziemlich cool. Er war Kosmopolit, ist viel rumgereist, hat sich für andere Kulturen interessiert.

Und Sie sind Teilzeit-Veganer?

Wenn ich auf Tour bin, halte ich das nicht durch. Das fängt schon beim Hotelfrühstück an, da findet man nichts Veganes.

Vor allem nicht in Niedersachsen, hier wird jede Menge Wurst produziert.

Da bin ich ja richtig. (lacht) Ich mache übrigens sehr gerne Witze über Veganer. In veganen oder vegetarischen Supermärkten pöbel ich dann laut rum: „Wo kriegt man hier denn ein ordentliches Stück Fleisch?“ oder „Wer soll diese Körnerscheiße fressen?“ Dann erschrecken sich immer alle. Gerade weil ich mich auch so ernähre, nehme ich es nicht so ernst. Die meisten Veganer verstehen keinen Spaß.

Veganismus ist ja fast zur Religion geworden.

Ich bin gegen jede Form von Dogma. Aber in Osnabrück gibt es ja auch genug Leckereien, die vegetarisch sind. Zum Beispiel diese tollen Springbrötchen. Ich liebe auch Pumpernickel.

Deutsche Männer tragen selten Hüte oder Mützen. Sie treten dagegen nie ohne Kappe auf. Ein modisches Statement?

Männer, die keine Haare mehr auf dem Kopf haben, tragen eben gerne Hüte. Ich habe zwar noch Haare, aber das ist Resthaargebiet, ein richtiger Verteilungskampf.


Restkarten für den Auftritt von Kaya Yanar am heutigen Freitag um 20 Uhr in der Osnabrück-Halle gibt es noch. Die Abendkasse der Osnabrück-Halle öffnet um 18.30 Uhr.