Frühe E-Mobilität in Osnabrück Rendezvous der Straßenbahnen auf der Lotter Straße


Osnabrück. Wer nicht wenigstens 60 Jahre alt ist, darf nicht mitreden. Denn er kann so eine Begegnung der rumpelnden und bimmelnden Art nicht (bewusst) miterlebt haben. Das Straßenbahn-Zeitalter währte in Osnabrück von 1906 bis 1960. Es stand für eine gemütliche Art der Fortbewegung.

56 Jahre sind vergangen, seit ein Straßenbahnwagen letztmalig ins Depot an der Lotter Straße einbog – somit zwei Jahre mehr als die gesamte Betriebsdauer von den Anfängen 1906 bis zur Verschrottung 1960. Vielen Osnabrückern fiel der Abschied von der ihnen ans Herz gewachsenen „Elektrischen“ schwer, weil sie fast jeden Punkt in der Innenstadt leicht erreichbar machte.

Dazu steht nicht im Widerspruch, dass sie wegen ihrer Behäbigkeit belächelt wurde, solange es sie gab. Wie es in diesem Gedicht aus dem Jahr 1927 zum Ausdruck kommt: „Rücksichtsvoll, geduldig, willig / anschlusseifrig, dabei billig / vorsichtig sich vorwärtsschiebend / Eilen hassend, Halten liebend / und mit einem kleinen Stoß / geht die Sache schließlich los.“

Für die Verkehrsplaner zählten nostalgische Anwandlungen allerdings nicht. Sie führten ins Feld, dass die gegenseitigen Behinderungen zwischen Straßenbahn und wachsendem Autoverkehr nicht mehr hinnehmbar seien. Die „Erbkrankheit“ der Osnabrücker Straßenbahn, dass sie ganz überwiegend keinen eigenen Gleiskörper zur Verfügung hat, sondern ihn sich mit Autos, Mopeds und Radfahrern teilen muss, lasse sich in den engen Altstadtstraßen nicht kurieren. Umweltargumente in Richtung „E-Mobilität“ spielten auch schon eine Rolle, obwohl es diese Begriffe damals noch nicht gab.

Sie kamen allerdings nicht der Straßenbahn zugute, sondern dem elektrisch betriebenen Oberleitungsbus (O-Bus), der die Straßenbahn dann auch tatsächlich ablöste. Das Rathaus erlebte viele turbulente Ausschuss- und Ratssitzungen zu dem Thema. Schließlich fiel am 25. März 1958 im Rat fast einstimmig der Beschluss gegen die Straßenbahn. Am 29. Mai 1960 fuhr zum letzten Mal eine Straßenbahn auf Osnabrücks Schienennetz.

Eingleisige Linie

Für die Linie 1 (Hauptbahnhof–Heger Friedhof) kam das Aus schon ein Jahr zuvor. Osnabrücks großer Straßenbahn-Liebhaber Alfred Spühr fing die Rendezvous-Szene zweier Züge auf der Lotter Straße am 14. Juni 1959 zwei Wochen vor Betriebseinstellung ein. Da die Linie überwiegend eingleisig war, konnten sich in entgegengesetzter Richtung verkehrende Züge nur auf Ausweichen begegnen, die in der Regel auch Haltestellen waren. Eine derartige Ausweiche in Kombination mit der Haltestelle „Depot“ befand sich mitten auf der Lotter Straße im Bereich des „Gleisdreiecks“ der Depot-Zufahrt. Aussteigende Fahrgäste wurden zum Teil in den fließenden Autoverkehr entlassen. Der war freilich nicht so dicht wie heute.

Die gravierendste Veränderung der umgebenden Bebauung ist am rechten Bildrand dokumentiert. Hinter der Litfaßsäule, an der Ecke zum Kirchenkamp, befanden sich seit 1905 das von Stadtbaumeister Friedrich Lehmann persönlich entworfene Dienstgebäude der Städtischen Verkehrsbetriebe und die große Wagenhalle. Nach dem Ende des Straßenbahn-Zeitalters 1960 nutzten die Stadtwerke das Areal als Busdepot, wobei sich der Schwerpunkt der Verkehrsabwicklung mit den moderneren Anlagen auf die Fläche zwischen Augustenburger und Ernst-Sievers-Straße verlagerte. An der Lotter Straße verblieb die Zentralwerkstatt.

Mit dem Umzug des Busdepots an die Sandbachstraße im Jahr 2005 fiel der Startschuss für die Entwicklung des neuen Quartiers „Mittewest“. Auf dem aktuellen Vergleichsfoto sind Bürohaus und Parkhaus des Neubau-Quartiers zu erkennen. Jenseits der Kirchenkamp-Einmündung ist ebenfalls ein repräsentativer Neubau mit Läden, Arztpraxen und Wohnungen entstanden, der den älteren Flachbau des Möbelgeschäfts Möllmann ersetzte.


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