Chef des Arbeitgeberverbands Piepenbrock: Sanktionen schaden uns mehr als Russland

Im Interview: Olaf Piepenbrock, Vorstandsvorsitzender des Industriellen Arbeitgeberverbandes Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim und Geschäftsführender Gesellschafter der Piepenbrock Unternehmensgruppe. Foto: Siegfried SachseIm Interview: Olaf Piepenbrock, Vorstandsvorsitzender des Industriellen Arbeitgeberverbandes Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim und Geschäftsführender Gesellschafter der Piepenbrock Unternehmensgruppe. Foto: Siegfried Sachse

Osnabrück. Aufgrund der guten Auftragslage in der deutschen Wirtschaft rechnet Olaf Piepenbrock, Vorstandsvorsitzender des Industriellen Arbeitgeberverbandes Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim und Geschäftsführender Gesellschafter der Piepenbrock Unternehmensgruppe kurzfristig beim Export noch mit sehr guten Perspektiven. Allerdings seien viele Unternehmen in der Region durch die politischen Sanktionen gegen Russland kalt erwischt worden.

Herr Piepenbrock, im vergangenen Jahr erzielte Deutschland noch einen Exportrekord, doch inzwischen haben sich die wirtschaftlichen Aussichten eingetrübt. Wie beurteilen Sie die Perspektiven für die kommenden Monate?

Nachdem es im Juli zu einem heftigen Rückschlag gekommen war, hat sich das deutsche Exportgeschäft im August wieder kräftig erholt. Auch ist aufgrund der guten Auftragslage in der deutschen Wirtschaft von kurzfristig noch sehr guten Perspektiven auszugehen, wobei es innerhalb der einzelnen Branchen erhebliche Unterschiede gibt. Die wichtigsten Industriezweige sind der Automobil- und der Maschinenbau. Viel spannender ist jedoch die Frage nach der mittelfristigen Entwicklung des deutschen Exportgeschäfts. Traditionell sind unsere wichtigsten Handelspartner die USA, Frankreich, England, China und Russland. Themen wie der Ausgang der Präsidentenwahl in den USA aber auch der Brexit, das Wachstum in Asien, Sanktionen gegen Russland sowie die Währungskursentwicklung des Euros werden hier von zentraler Bedeutung sein.

Stellt die aktuelle Lage die exportierenden Unternehmen vor besondere Herausforderungen?

Die derzeitigen Rahmenbedingungen, insbesondere auf der globalen politischen Ebene, sind nicht unbedingt stabiler geworden. Es gibt viele Themen, wie zum Beispiel das Handelsabkommen mit den USA, der Brexit, die Russlandsanktionen, die eine wichtige Rolle für den Export spielen. Gerade diese exogenen Faktoren sind die wesentlichen Herausforderungen, die aber nicht auf Unternehmensebene sondern nur politisch gelöst werden können. Die besondere Herausforderung für die Unternehmen besteht darin, schneller und flexibler zu agieren. Darüber hinaus müssen wir durch Innovationen die Kunden und Märkte begeistern.

Eines muss uns in Deutschland aber klar sein: Jeder vierte Arbeitsplatz hängt bei uns vom Export ab.

Und wie sieht es speziell in der Region Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim aus?

Viele der Unternehmen hier in der Region wurden durch die politischen Sanktionen gegen Russland kalt erwischt. Hier sind wichtige Märkte weggebrochen, die teilweise im Umsatzportfolio bis zu 25 Prozent ausgemacht haben. Bedingt konnten Umsätze durch Exporte in den Mittleren Osten kompensiert werden, die einen erheblichen Nachholbedarf hinsichtlich der Investitionen haben. Viel erschreckender ist aber der Punkt, dass trotz des billigen Geldes die Nettoinvestitionsquoten in Deutschland negativ sind.

Stichwort Brexit: Großbritannien ist für deutsche Firmen der drittwichtigste Handelspartner, nach den USA und Frankreich. Allein 2015 lieferten die Unternehmen für fast 90 Milliarden Euro Waren und Leistungen auf die Insel. Fast so viel wird im Gegenzug importiert. Wie aber geht es nach dem Brexit weiter? Befürchten Sie einen Einbruch oder nur eine Delle?

Das hängt entscheidend von den Austrittsverhandlungen ab. Sollte der Handel zwischen Großbritannien und der EU-Wirtschaften eingeschränkt werden, hätte dies schwerwiegende Folgen. Fest steht, dass das britische Pfund seit der Brexit-Abstimmung erheblich an Wert verloren hat und sich derzeit auf einem Fünf-Jahrestief befindet. Das schwache Pfund führt dazu, dass der Import für die englischen Firmen teurer wird, was sich negativ auf den Return on Investment auswirkt und zur Folge hat, dass Projekte nicht realisiert werden. Das wiederum wird sicherlich den deutschen Export belasten. Vor diesem Hintergrund ist die Delle schon jetzt vorprogrammiert. Ob ein Einbruch kommt, wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit adäquate Handelsabkommen geschlossen werden.

Welche Branchen werden die Brexit-Folgen am stärksten zu spüren bekommen und welche Bereiche weniger stark?

Ich gehe davon aus, dass alle Branchen die Brexit-Folgen zu spüren bekommen werden. Die Automobilindustrie und der Maschinenbau werden sicherlich am stärksten belastet sein, da diese Zweige per se am Exportportfolio den größten Anteil verzeichnen.

Müssen sich deutsche Unternehmen darauf einstellen, Personal aus Großbritannien abzuziehen und die Direktinvestitionen zurückzufahren?

Bereits jetzt zeigen Studien, dass einer radikalen Abkehr der Engländer von der EU bis zu 75.000 Arbeitsplätze allein in der Finanzwelt, das heißt bei Banken und Vermögensverwaltern, zum Opfer fallen werden. Sollten es die Briten nicht schaffen für ihre Exporte Handelsabkommen zu schließen, dann gelten für ihre Exporte die Regeln der Welthandelsorganisation. Das würde bedeuten, dass in nur 29 Monaten auf bis zu 90 Prozent der britischen Güter Zölle erhoben würden.

Die Unsicherheit der Verhandlungslage führt bereits heute dazu, dass Direktinvestitionen reduziert werden. Sollten keine adäquaten Abkommen erzielt werden, werden ausländische Firmen darüber hinaus massiv Personal in England abziehen.

Deutschland exportierte 2015 Waren im Wert von rund 21,8 Milliarden Euro nach Russland, das war ein Rückgang von mehr als 25 Prozent zum Vorjahr. Aufgrund der weiterhin bestehenden EU-Sanktionen wird das deutsch-russische Handelsvolumen in diesem Jahr weiter sinken. Erwarten Sie einen ähnlichen Einbruch wie im letzten Jahr?

Es wird weiterhin einen Rückgang geben. Dieser wird aber nicht so signifikant sein wie im Jahr 2015. Fest steht: Mit den Sanktionen gegen Russland haben wir uns mehr geschadet als den Russen. Insbesondere der deutsche mittelständisch geprägte Maschinenbau hat erheblich darunter gelitten. Es gibt Unternehmen, die weit über 25 Prozent ihres Umsatzes eingebüßt haben.

Angesichts der Abschwächung des Wachstums in China sind viele deutsche Exporteure verunsichert über die weitere Entwicklung der Handelsbeziehungen mit den Chinesen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in der nächsten Zeit für deutsche Unternehmen?

China war in den letzten Jahren einer der wesentlichen globalen Wachstumsmotoren. Viele große Konzerne haben Produktionsstandorte in China etabliert, so dass sich der chinesische Markt aus seiner Eigenproduktion und damit direkt aus seiner Binnenwirtschaft bedient.

In China ist das Lohn- und Gehaltsgefüge sukzessive gestiegen. Damit wächst der Druck auf die Automatisierung. Auf diese Weise entstehen vielfältige Chancen für den deutschen Maschinenbau. Insbesondere innovative Produkte werden weiterhin gute Entwicklungsmöglichkeiten auf dem chinesischen Markt haben.

Mit dem Iran kommt in der Nahostregion ein traditionell bedeutender Geschäftspartner wieder stärker ins Blickfeld. Nach der Anfang dieses Jahres erfolgten Lockerung der Sanktionen erwartet das Land eine deutliche Belebung der Wirtschaft. Eröffnen sich dadurch auch für deutsche Unternehmen wieder bessere Absatzchancen?

Der Investitionsstau eröffnet deutschen Unternehmen hervorragende Absatzchancen. Dafür müssen sie aber vollständigen Zugang zum iranischen Markt erhalten. Derzeit bestehen immer noch Primär- und Sekundärsanktionen der USA, die gerade Finanztransaktionen erschweren. Dieses betrifft Banken, die unter anderem auch in den USA tätig sind und aufgrund dessen keine Risiken eingehen wollen. Darüber hinaus stehen deutsche Mitarbeiter, die zum Beispiel den Iran bereist haben, seit Anfang dieses Jahres unter einer Visapflicht für die USA und sind von dem Visa Waiver Programm ausgeschlossen. Das bedeutet, dass zum Beispiel ein Servicetechniker, der global im Einsatz ist, mindestens einen Tag in der US-Botschaft verweilt, da mit dem Visa-Antrag auch ein persönliches Interview verbunden ist.

Die geplanten Freihandelsabkommen TTIP und CETA der EU mit den USA und Kanada sind umstritten. Was spricht für die Abkommen?

Deutschland verdankt einen Großteil seines Wohlstands dem internationalen Handel. Die USA sind der wichtigste Handelspartner von Deutschland. Deshalb dient ein Freihandelsabkommen der Sicherung von Arbeitsplätzen sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks. Das resultiert daraus, dass Produkte und Dienstleistungen günstiger und schneller angeboten werden können, da zum Beispiel die Zölle wegfallen und gemeinsame Standards definiert sind. Die Bundesrepublik als größte Exportnation Europas würde am stärksten von einem derartigen Abkommen profitieren. Zudem entstünde mit TTIP der größte Wirtschaftsraum der Welt, der insgesamt 800 Millionen Verbraucher umfasst.


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