ÖPNV-Reformpläne in der Stadt Braucht Osnabrück eine Ringbuslinie auf dem Wall?

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In Osnabrück führen alle Stadt- und Regionalbuslinien über den Neumarkt. Das muss nicht so bleiben, meinen Politiker, Fahrgastverbände und Wissenschaftler. Foto: Michael GründelIn Osnabrück führen alle Stadt- und Regionalbuslinien über den Neumarkt. Das muss nicht so bleiben, meinen Politiker, Fahrgastverbände und Wissenschaftler. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. In Münster umkreist seit dieser Woche eine neue Ringbuslinie die Innenstadt. Sie spart jenen Zeit und Wege, die nicht ins Zentrum wollen. Ein Modell auch für Osnabrück? Politiker und Fahrgastverbände sagen ja, Wissenschaftler vielleicht, die Stadtwerke nein.

Mit seiner Idee vom Osnabrücker Wallring als großer Kreisverkehr, der einen komplett verkehrsberuhigten Neumarkt ermögliche, ging FDP-Fraktionschef Thomas Thiele vor der Kommunalwahl hausieren. Seine Partei sehe gute Chancen, nach dem Auto- auch den Busverkehr „zu einem großen Teil aus dem Bereich Neumarkt rauszunehmen, indem zum Beispiel am Hauptbahnhof und am Adolf-Reichwein-Platz Umsteigestationen entstehen“, ließ Thiele die Bürger wissen. Zudem könnten „mit einer Ringbuslinie auf dem Wallring auch Einpendler die Innenstadt gut erreichen“.

Hätten andere Fraktionen derlei Reformvorschläge für das städtische ÖPNV-System bislang eher mit Unverständnis quittiert, will Thiele nun bemerkt haben, dass „bei dem einen oder anderen Ratskollegen langsam der Groschen fällt“. Gegenüber unserer Redaktion stellte der FDP-Vordenker sogar neue Gutachten und einen gemeinsamen Prüfauftrag für 2017 in Aussicht.

Neumarkt bleibt unverzichtbar

Auch einzelne Fahrgastverbände sprechen sich für einen Ringbus in Osnabrück aus. Der VCD-Kreisverband etwa empfiehlt eine Tangentiallinie, welche die Stadtteile direkt verbindet und an deren Umstiegspunkten stark frequentierte Ziele liegen: große Arbeitgeber zum Beispiel, Hochschulstandorte, Einkaufsläden oder Sport- und Freizeitstätten. Dieser Ring könne auch aus zwei Hälften bestehen, um weniger anfällig für Verspätungen zu sein, erklärt Verkehrsclub-Sprecher Jörn Keck. Ein solcher Kreisverkehr würde den Neumarkt entlasten, überflüssig werde der Knotenpunkt dadurch aber nicht.

Das sieht auch Jürgen Deiters so. „In Osnabrück ist der Neumarkt als zentrale Verknüpfungsstelle aller Stadtbuslinien weiterhin unverzichtbar“, sagt der emeritierte Professor für Wirtschafts- und Verkehrsgeografie der Universität Osnabrück. Bereits Anfang der Neunziger hatte er im Auftrag der Stadtwerke zum Thema Ringbuslinie geforscht. Damals riet er von ihrer Einführung ab – wegen fehlender Wirtschaftlichkeit einerseits und zumeist geringer Erreichbarkeitsvorteile andererseits.

Geprüft und abgelehnt

Sein Veto stellte der Wissenschaftler allerdings unter den ausdrücklichen Vorbehalt, dass veränderte Rahmenbedingungen wie etwa die Entwicklung von Bevölkerung und Mobilität, Siedlung und Gewerbe, Stadt-Umland-Kooperation und Tarifsystem zu einer anderen Einschätzung führen können. „Insofern könnte es tatsächlich an der Zeit sein, sich diesem Thema wieder zuzuwenden“, glaubt Deiters.

Die Stadtwerke Osnabrück sehen dazu keine Veranlassung. „Der Gedanke einer Ringbuslinie wurde bereits vor Jahren intensiv von den Stadtwerken geprüft und eindeutig abgelehnt“, sagt Sprecherin Katja Diehl. Diese Einschätzung gelte bis heute. Begründung: Im Gegensatz zu Städten wie Münster sei der Wallring in Osnabrück zu eng und innenstadtnah, um ihn für einen wirtschaftlich und verkehrlich attraktiven Busring zu nutzen.

Punktuelle Querverbindungen

Mehr Umstiege und deutlicher Zeitverlust wären für Fahrgäste im Vergleich zum heutigen System, das alle Linien über den Neumarkt führt, die Folge, meinen die Stadtwerke. Auch die Kosten eines Zehn-Minuten-Takts auf einer solchen Ringlinie wären „im Vergleich zum Effekt für die Fahrgäste nicht annähernd darstellbar“.

Was sich der kommunale Verkehrsbetrieb hingegen durchaus vorstellen kann, seien Tangentiallinien „zwischen Stadtteilen, die zueinander einen neuen Bezug gewonnen haben“. Als Beispiel nennt Sprecherin Diehl Haste und Dodesheide. Dort hätten unter anderem veränderte Einkaufsmöglichkeiten „für neue Bedürfnisse bei den Fahrgästen gesorgt“. Wann und wie es hier zu konkreten Veränderungen im Osnabrücker Stadtbusnetz kommen könnte, ließen die Stadtwerke zunächst offen.


Ringbuslinie in Münster

Seit dem 10. Oktober 2016 verkehrt in Münster eine neue Ringbuslinie. Diese fährt den gesamten Innenstadtring in beide Richtungen ab und bindet auch den Regional- und Zugverkehr am Hauptbahnhof an. An den Hauptverkehrsstraßen aus den Stadtteilen können Fahrgäste auf die neue Linie umsteigen, wenn sie nicht direkt in die Innenstadt möchten. Sie sparen dadurch Fahrtzeit und kommen schneller an ihr Ziel.

Trotz der neuen Ringbuslinie bleibt das Liniennetz in Münster sternförmig auf den Hauptbahnhof als die mit Abstand meistfrequentierte Haltestelle ausgerichtet. Dort steigen nach Angaben der Stadtwerke Münster werktags rund 35.000 Fahrgäste aus den Stadtbussen ein und aus. Über 8000 davon steigen in andere Stadtbuslinien um. Das entspricht einem Umsteiger-Anteil von etwa 23 Prozent. Zum Vergleich: Am Neumarkt in Osnabrück steigen nach Angaben der Stadtwerke Osnabrück täglich 45.000 Menschen ein und aus. Für 85 Prozent der Fahrgäste ist der innerstädtische Platz Start oder Ziel. Die übrigen 7000 Buskunden steigen dort um. Damit hat der Neumarkt allein so viele Umsteiger wie der Hauptbahnhof Osnabrück als zweitgrößte Bushaltestelle in der Stadt Busfahrgäste insgesamt.

Anders als in Osnabrück, wo der Wallring die City (Neumarkt) größtenteils in wenigen Hundert Metern Abstand umkreist, befindet sich der Tangentenring in Münster etwa 1,5 Kilometer weit vom Stadtzentrum entfernt. Der Ring umschließt Münster zu etwa 80 Prozent, wurde bisher aber nur teilweise von einzelnen Linien erschlossen. Entlang der neu erschlossenen Strecken auf dem Ring wurden sechs neue Haltestellen geschaffen.

Durchgehend sind pro Richtung drei Busse unterwegs. Für eine Umrundung benötigen sie laut Fahrplan 42 Minuten. Die Ringbuslinie fährt normalerweise im 15-Minuten-Takt. Morgens und nachmittags (zwischen 6.40 und 8.30 Uhr sowie 15.10 und 18 Uhr) kommen jeweils zwei Busse hinzu und bilden einen 10-Minuten-Takt. Insgesamt sind in der Spitze also zehn Busse auf der Ringlinie unterwegs.

Die Ringlinie in Münster ist Teil eines neuen Nahverkehrsplans, der nach dreijähriger Vorbereitung im Februar 2016 einstimmig vom Rat beschlossen wurde. Darin wurde das Busnetz grundsätzlich neu geordnet. Verbindungen mit wenigen Fahrgästen wurden zurückgenommen und die Busse dort eingesetzt, wo stärkere Nachfrage herrscht. Dabei sei jedoch darauf geachtet worden, dass weiterhin alle Stadtteile erreichbar bleiben. Die Umsetzung der Ringlinie sei „weitgehend kostenneutral“ erfolgt.

Mit der Einführung der Ringlinie sei auch ein alter Bürgerwunsch erfüllt worden, heißt es bei den Stadtwerken Münster. Während der Planung habe es über 140 Anregungen von Bürgern gegeben. Gleichwohl geht der Verkehrsbetrieb davon aus, „dass eine Eingewöhnungsphase nötig ist, bis sich die Fahrgäste an einen zusätzlichen Umstieg gewöhnt haben“. Eine feste Zielvorgabe darüber, wie viele Fahrgäste die Ringbuslinie befördern muss, gebe es nicht.

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