Ein Fall für Fays Ein Tag als Sommerschlussverkäufer



Osnabrück. „Restetage.“ Damit wirbt das Modehaus L&T zurzeit. Alles muss raus. Im neuen „Fall für Fays“ hat unser Redakteur die Rabattschlacht einmal von der anderen Seite erlebt. Er arbeitet einen Tag als „Sommerschlussverkäufer“ und geht dabei der Frage nach: Wie stressig ist die Rabattschlacht eigentlich für die Verkäufer?

Der Klassiker von Nana Mouskouri ertönt aus den Boxen. „Guten Morgen, Sonnenschein“ , singt die für viele um halb zehn morgens noch viel zu gut gelaunte Sängerin, als der Verkauf beginnt. Das ist hier Ritual an jedem Morgen. Gerade im Sommerschlussverkauf ist das Gute-Laune-Lied wichtig, denn dann ist das Modehaus besonders voll. Trotz der Schlangen vor den Kassen und des Getümmels an den Sonderverkaufsflächen heißt es: Lächeln und sich den Stress nicht anmerken lassen. Ich verkaufe in der Herrenartikel-Abteilung direkt am Haupteingang am vorletzten Samstag des Sommerschlussverkaufs. In den nächsten zehn Stunden wittern die Schnäppchenjäger wieder ihr Geschäft.

Ich soll meinen Kolleginnen helfen, dass „die Kunden zufrieden nach Hause gehen“. So instruiert mich Personalchef Björn Kunert im Vorgespräch am Morgen. Es gehe nicht nur um das Verkaufen.

Verkäuferin Edith Büscher, die mich morgens in der Herren-Abteilung einweist, gibt mir direkt nützliche Tipps an die Hand. „Ein No-Go ist: Kann ich helfen?“, sagt sie. „Der Kunde kann antworten: Nein. Und damit hast du schon verloren.“ Daher soll ich lieber offene Fragen stellen: „Was kann ich für Sie tun?“ oder „Wozu möchten Sie was kaufen?“ Ich soll den Kunden im Auge behalten und ihn im richtigen Moment ansprechen.

Edith, die ich als Kollegin natürlich duze, zeigt mir die Abteilung und veranschaulicht an der Beratung der ersten Kunden, wie ich es machen soll. Eine Kundin, die von Ediths Kollegin bedient wird, hat bereits fünf T-Shirts und Polo-Shirts auf der Hand. Doch damit ist sie immer noch nicht fertig. Die Kundin erklärt: „Wir kommen aus dem Landkreis. Und wenn wir jetzt schon einmal in der Stadt sind, dann kaufen wir auch richtig ein.“ Sie bekommt ein Sammelkauf-Heft mit Aufklebern einer Nummer, mit der sie alle weiteren Schnäppchen bekleben und von den Verkäufern zur Sammelkasse in der ersten Etage bringen lassen kann. So fällt der Einkauf leichter, und es fällt kaum auf, wie viel sie schon gekauft hat. Die fünf Teile beklebt die Verkäuferin mit ihrem Namensetikett. So wird ihr Bedienungsumsatz ermittelt. Je mehr verkauft wird, desto höher fallen die Prämien aus, die zusätzlich zum Festgehalt gezahlt werden. Das Modehaus zahlt nicht mehr nach Tarifvertrag, sondern laut Personalchef Kunert „leistungsorientiert“.

Edith hat schon einiges verkauft. Vor den Kabinen bilden sich Schlangen, und der Vorlagetisch füllt sich mit Kurzarm-Hemden, Pappe, Plastik, Klammern und Stecknadeln. Mehr als ein Dutzend Mal laufe ich mit dem Müll an diesem Vormittag vom Vorlagetisch zum etwa 30 Meter entfernten Mülleimer vor dem Büro des Abteilungsleiters. Edith steckt auf dem Vorlagetisch die bereits anprobierten Hemden aufwendig mit Stecknadeln und Klammern zusammen. Als sie mir zeigt, wie ich die Hemden stecken soll, kommen immer neue hinzu. „So, Schluss jetzt. Stecken dauert zu lange. Aufbügeln. Dagegen kommen wir sonst nicht mehr an“, sagt Edith. Der Andrang ist in der Stoßzeit ab elf Uhr so groß, dass ich selbst zum Aufbügeln nicht mehr komme und im Verkauf gebraucht werde.

Der erste Kunde ist ein Jugendlicher. Auf seinen Wunsch entferne ich die Stecknadeln in seinem Hemd. Nach der Anprobe sage ich, wie gut ihm das Langarm-Hemd steht, und schon greift er zu. Von dem ersten Erfolg beschwingt, begleite ich ihn mit seinem Hemd und den beiden T-Shirts im Wert von 55 Euro zur Kasse. Danach entferne ich für einen Senior die Stecknadeln aus vier Kurzarm-Hemden. Seine Frau freut sich, dass bei dieser Marke sogar Kragenweite 42 passt, und packt alle ein. Der Verkauf der oft um die Hälfte reduzierten Waren fällt leichter, weil schon die roten Preise zum Kauf anreizen. Bis zur Mittagspause komme ich auf verkaufte Ware im Wert von rund 150 Euro. Edith hat weit mehr verkauft, aber sie ist auch Profi. Sie mag es, wenn viel zu tun ist, denn dann geht die Zeit schneller um. In meinem Sakko komme ich trotz Klimatisierung ins Schwitzen und ziehe es aus. Eigentlich müsste ich zu dem schwarz-weißen Outfit eine Krawatte und die Frauen Halstücher tragen, doch wegen der hohen Temperaturen sind wir davon befreit worden. Ab halb eins wird es ruhiger, und ich trage den Hemdenberg auf dem Vorlagetisch ab und falte die Shirts, die auf den Ablagen mit den stark reduzierten Marken kreuz und quer liegen. „Eigentlich müssten die stets akkurat gefaltet sein, doch an den Restetagen kommen wir kaum dazu“, sagt Edith.

Zur Mittagspause um eins in der Kantine ziehe ich mein Sakko wieder an, weil es danach im gehobeneren Abteilungsbereich für Krawatten und City-Hemden weitergeht. Verkäuferin Annette Mittmann berät den 23-jährigen Kunden Eduard Betz und zeigt mir, wie ich die Taillen- und Kragenweite nehmen muss. Für ein Praktikum bei einer Bank sucht er Hemden. Ich kann ihn noch davon überzeugen, dass er zusätzlich ärmellose Unterhemden kaufen sollte. Ich spüre ja selbst, wie ich im Job unter Hemd und Sakko schwitze. Er nimmt gleich zwei davon mit. Von diesem Erfolg beflügelt, gehe ich auf Ravi Sundaralingam zu. Der Mann aus Sri Lanka sucht für eine Hochzeit Krawatten für sich und seinen Sohn. Er entscheidet sich für zwei von mir empfohlene Krawatten. Ich begleite ihn bis zur Kasse, lasse mir zeigen, wie die Ware zu entsichern ist, und packe sie ein, nachdem er bezahlt hat. Von Stress ist im City-Hemden-Bereich keine Spur. Allerdings ist hier heute auch weniger Betrieb als im Bereich für Polo- und Kurzarm-Hemden.

Stress kommt bei mir erst auf, als ich die langärmligen City-Hemden stecken soll. Weil samstags dreimal so viel wie werktags verkauft wird, stecken samstags Aushilfen. Eine davon ist die fingerfertige Cansu, die etwa 200 Hemden pro Tag schafft. Ich soll die 21-Jährige entlasten. Während sie in drei Minuten ein Hemd steckt, benötige ich für eines aber etwa eine Viertelstunde. Ständig steche ich mich an den Stecknadeln, die zusammen mit den Klammern in einem Körbchen liegen. Meine Finger scheinen zu dick, um die Nadeln so zu stechen, dass sie das Hemd in der Größe eines DIN-A4-Blattes halten und im Hemd nachher nur der Nadelkopf zu sehen ist. Nach drei Hemden gebe ich auf. Ich verkaufe noch ein paar Shirts und Polo-Hemden. So vergeht die Zeit weitaus schneller. Mein „Bedienungsumsatz“ mit verkaufter Ware im Wert von rund 350 Euro ist insgesamt wohl eher gering, aber das erwartete Ziel war heute ohnehin ein anderes: Die von mir bedienten Kunden sollen zufrieden nach Hause gehen. Ich glaube, das Ziel habe ich erreicht. Als Dank spendet L+T dafür etwa ein Drittel meines Bedienungsumsatzes. Mein Spendenbarometer klettert nach diesem neunten Serienteil auf 2173 Euro. Mein Resümee: Von Stress kann an diesem Tag als Sommerschlussverkäufer keine Rede sein. Wenn viel los ist, dann macht das Verkaufen sogar richtig Spaß.

Teil 2 des Videos

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