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Baugebiet am Finkenhügel in Osnabrück Mehr als 1000 unterzeichnen Online-Petition für Wagenburg


Osnabrück. Die Bewohner in der Wagenburg am Finkenhügel haben Anfang September eine Online-Petition gestartet, um ihr Zuhause zu retten. Mehr als 1000 Unterstützer haben schon unterschrieben. Die Stadt plant, dort Wohnhäuser zu errichten. Am Samstag sammeln die Bewohner Unterschriften in der Stadt.

Seit 19 Jahren leben die zehn Bewohner des alternativen Wohnprojektes Osnabrück (WabOS) in ausgebauten Bauwagen mitten im Grünen, zwischen Buchen, Brombeeren und Farnen, auf dem Gelände Am Hirtenhaus. Nun sollen sie für eine neue Wohnsiedlung vertrieben werden. Um sich gegen diese Pläne zu wehren, initiierten die Nonkonfirmisten eine Petition auf der Online-Plattform change.org mit dem Anliegen „Rettet die Wagenburg Osnabrück, unser Zuhause!“ Mittlerweile gibt es diese in drei weiteren Sprachen, auf Englisch, Spanisch und Französisch. „Es ist unser Anliegen mit der Petition zu zeigen, dass wir ein breites Band von Unterstützern haben, die alternative Wohn- und Lebensprojekte wie das unsere befürworten“, schrieb die WabOS in einer E-Mail an unsere Redaktion.

Man möchte deutlich machen, dass es bei einer Verdrängung der WabOS eben nicht nur um die Bewohner geht, sondern dass die Wagenburg auch ein ökologisch, sozial, kulturell und ästhetisch erhaltenswerter Ort ist. „Obwohl das Zuhause zu verlieren, selbstverständlich für uns persönlich die fatalste Bedrohung darstellt“, schreibt die WabOS.

Sind wir Bürger zweiter Klasse?

Die Bewohner der Wagenburg haben seit 2001 das 7000 qm Grundstück von der Stadt Osnabrück gepachtet. Es ist nicht erschlossen, „was bedeutet, dass wir unseren eigenen Solarstrom produzieren und vorhandenes Regenwasser nutzen bzw. wenig Trinkwasser von außen beziehen“, beschreiben die Bewohner ihre Lebensform in der Petition. Zwischen den berufstätigen Männern und Frauen zwischen Mitte 20 und Mitte 40 werden alle Entscheidungen nach dem Konsensprinzip getroffen — zum Beispiel im überdachten Gemeinschaftsbereich oder am Lagerfeuer.

Der vom Rat der Stadt aufgestellte Bebauungsplan Nr. 616 „Am Hirtenhaus“ sieht nun aber vor, aus dem Areal, das das Grundstück der WabOS mit einschließt, Bauland zu machen, um neuen Wohnraum zu schaffen. „Dabei wird übersehen, dass wir bereits bezahlbaren (!) Wohnraum darstellen und es auch in dieser Stadt leer stehende Wohnungen gibt“, schreiben die Initiatoren. Sie spekulieren, dass es der Stadt darum geht, höhere Einnahmen über die Grundstücke zu generieren – auf Kosten einer Subkultur. „Das macht uns faktisch zu Bürgerinnen zweiter Klasse“, sagen sie und finden damit Gehör bei vielen Osnabrückern.

Petition von mehr als 1200 Menschen unterzeichnet

1.146 Menschen haben bisher (Stand: 12. Oktober 2016) die Petition zur Rettung der Wagenburg unterschrieben und sprechen sich für den Verbleib des Naturparadieses und der alternativen Wohnform aus. „Ich unterschreibe, weil Freiheit und Alternativen zum ,08/15-Dasein‘ wichtig sind“, schreibt beispielsweise Inga Lindner. Melissa Kammann hingegen schätzt die Wagenburg „als alternativen Treffpunkt für ein buntes Miteinander“. Für Betty Lage hat dieses minimalistische Leben im Einklang mit der Natur Vorbildfunktion, und Birgit Nernstorff schreibt: „Es ist ein wunderschöner Teil dieser Stadt, und niemand sollte sein Zuhause verlieren, wenn es so achtet und schützt.“

Anscheinend gehört auch der DGB-Gewerkschaftssekretär für die Region Osnabrück und Emsland, Olaf Cramm, zu den Unterstützern. Er unterschrieb vor drei Wochen, „weil (Wohn-) kulturelle Vielfalt vor Spekulation mit Luxuswohnraum gehen muss“. Auch Ex-Ratsmitglied Christopher Cheeseman (früher Die Linke, heute: parteilos) setzt sich in einem Kommentar für den Erhalt ein: „Die Wagenburg kann nicht einfach rausgerissen und verpflanzt werden, und eine Vertreibung wäre ein amtliches, von der herrschenden Politik sanktioniertes Verbrechen. Wagenburg bleibt!“

Rat prüft Bebauungs-Varianten

Stadtbaurat Frank Otte beruhigt, dass der Bebauungsplan beschlossen sei, die Nutzung der Fläche aber erst noch diskutiert werden müsse: „Wenn uns die Petition mit den Unterschriften erreicht, wird diese erst einmal geprüft, und dann wird der Rat diese Stimmen bei der Entscheidung mit einbeziehen“, sagt er. „Derzeit werden ja verschiedene Varianten für die Fläche geprüft — auch ohne die Einbeziehung des WabOS-Areals. Und, wir schauen nach Alternativstandorten“, sagt der Stadtbaurat. Aus Sicht der Stadtentwicklung sei aber ganz klar, dass auf der Fläche neuer Wohnraum geschaffen werden muss, da immer mehr Menschen in die Stadt ziehen.

Neben der Online-Petition sammeln die Bewohner der Wagenburg auch Unterschriften in der Stadt. „An diesem Samstag werden wir zum Beispiel ab 10 Uhr unseren Infostand am Löwenpudel vor dem Dom aufbauen und um Unterstützung werben“, schreibt die WabOS in der E-Mail. „Wir machen weiter, bis der Erhalt der WabOS langfristig gesichert ist“, sagen die Bewohner und man werde dem Stadtrat und den zuständigen Planungsgremien kontinuierlich Konzepte und Ideen zum Bebauungsplan vorlegen.


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