Vorzeitiger Abbruch? Serdar Somuncu wird in Osnabrück von Zwischenrufer belästigt

Von Tom Bullmann

Dass er ein Herzblut-Provokateur ist, hat Serdar Somuncu bei seinem Kabarettprogramm in der Osnabrück Halle bewiesen. Foto: Hermann PentermannDass er ein Herzblut-Provokateur ist, hat Serdar Somuncu bei seinem Kabarettprogramm in der Osnabrück Halle bewiesen. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Das Programm „H2 Universe – Die Machtergreifung“ gerät zur Kapitulation. „Hassist“ Serdar Somuncu lässt sich in der Osnabrückhalle von „Ausziehen“-Rufen die Laune verderben.

Serdar Somuncu geht zu Boden. Da liegt er auf der Bühne und sagt mit leiser Stimme: „Manchmal bin ich sehr traurig“. Dann erzählt er von einem Bekannten, der an Krebs gestorben ist. Er legt das Mikrofon zur Seite, heult und jammert. Plötzlich gellt es „Ausziehen!“ durch den Europasaal der Osnabrückhalle. Das bringt das Fass offenbar zum Überlaufen: Der Kabarettist singt noch ein Osnabrücklied und verabschiedet sich mit versteinerter Miene vom Publikum.

Es sieht nach einem vorzeitigen Abbruch der Veranstaltung auf. Dabei hatte Somuncu sein Programm „H2 Universe – Die Machtergreifung“ gut gelaunt, hoch motiviert und voller Elan gestartet. „Das ist der zweite Auftritt nach einem halben Jahr Pause“, sagt er und steigert so die Erwartungshaltung des Publikums, denn: „Zum Tourstart bin ich gestern in Wuppertal aufgetreten. Danach freut man sich sogar auf Osnabrück.“ Spätestens jetzt merkt auch der letzte Besucher im Saal, dass da ein Herzblut-Provokateur auf der Bühne steht, der vor keinem Tabubruch zurückschreckt. Das fängt bei sehr offenen sexuellen Anspielungen an, die er selbst als „vulgär“ bezeichnet, und hört bei ernsthaften Abhandlungen über den maroden Zustand unserer Welt nicht auf.

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„Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“ lautet das Motto des selbst ernannten „Hasspredigers“, der seine Religion, den „Hassismus“, mit allen rhetorischen und dramaturgischen Mitteln verkauft. Schließlich verfügt der in Istanbul geborene Deutsche über genügend Erfahrung als Schauspieler und Theaterregisseur. Außerdem hilft ihm seine „ambivalente Doppelexistenz“: Als Deutscher mit türkischen Wurzeln schlüpft er immer in die Rolle, die ihm gerade am besten passt. So kann er sich als Deutscher wünschen, mal ein Nazi zu sein, als Türke empfiehlt er seinen Landsleuten, sich doch vom Acker zu machen, wenn es ihnen in Deutschland nicht gefällt. Und sogleich nimmt er den „Mullah von Osnabrück“ aufs Korn, der einst seinen Kollegen Dieter Nuhr anzeigen wollte, und beschimpft ihn ausgiebig explizit.

Lustvolle Pöbeleien

Feinsinnige Gesellschaftskritik, derbe Pöbeleien gegen „verkommene Politiker“ aller Couleur, Angriffe auf seine Nachbarn in Köln-Nippes, die sich kleiden, als kämen sie gerade von einer Himalaja-Expedition, Publikumsbeschimpfungen – lustvoll entlädt sich der „Hassias“. Bis es ihm mit dem „Ausziehen“-Zwischenrufer zu bunt wird. Seine Bitte an die Security, den penetranten Störenfried aus dem Saal zu entfernen, scheitert offenbar an dessen Identifizierung. Und da der von einem Zuschauer als „Vollpfosten“ bezeichnete Rufer keine Anstalten macht, sein „Ausziehen“-Geblöke einzustellen, verdirbt er Serdar Somuncu gründlich die Laune.

Es ist ganz offensichtlich, dass der Kabarettist mehr als 80 Minuten Programm auf Lager gehabt hätte. Doch der „Machtergreifer“ kapituliert vor dem Schreihals. Mit einem Song, den er mit dem Piano begleitet, beweist er vor seinem finalen Abgang noch eben, dass er eine tolle Soulstimme hat. Und stimmt damit auf seinen künftigen Karriereschwerpunkt ein – mit seiner Band „Sexy Revolution“. Wenn er damit auf Tour geht, kann er hohle Zwischenrufer einfach mit seiner Musik übertönen…