„Viele Bauern geben auf“ Bauernverband: Die schlimmste Milchkrise aller Zeiten


Osnabrück/Bad Iburg. Der Osnabrücker Landvolk-Chef und Vizepräsident des Landesbauernverbands Albert Schulte to Brinke spricht von der schlimmsten Milchkrise aller Zeiten: „Diese Tiefpreisphase ist aktuell so schmerzhaft, wie wir sie noch nie erlebt haben. Da resignieren natürlich auch viele und geben auf.“

Herr Schulte to Brinke, der Milchpreis zieht wieder an. Können Sie Entwarnung für die Milchbauern geben?

Den Tiefpunkt haben wir zweifellos erreicht und in manchen Bereichen sicherlich auch überschritte n. Bei 20 Cent ist da natürlich kaum noch Spiel nach unten. Es wird langsam wieder besser, weil die ausländischen Märkte wieder anziehen. Die Nachfrage in China steigt wieder, und die Erzeugung liegt unter dem Niveau des Vorjahres. Allein diese Signale bewirken eine Veränderung.

Wie hat sich der Preis für die von Ihnen verkaufte Milch entwickelt?

Wir verkaufen unsere Milch an das Deutsche Milch-Kontor (DMK). Wir lagen bislang bei 20 Cent und haben im September 22,4 Cent pro Liter Milch bekommen. Es gibt zwar auch bereits Unternehmen, die schon 27 Cent pro Liter bezahlen. Das liegt aber immer auch daran, wie ein Unternehmen aufgestellt ist.

Wie kommt es zu so großen Unterschieden zwischen den Unternehmen?

Das liegt unter anderem an der Produktpalette. Aktuell beflügelt Käse den Markt. Nehmen wir das Beispiel Ammerland, das im Frühjahr unter dem Auszahlungspreis vom DMK lag. Da Käse jetzt aber sehr gut nachgefragt ist, zieht das den Preis für die Molkereien, die viel Käse im Angebot haben, wieder nach oben. Jetzt liegt es auch daran, wie lange die Vertragslaufzeiten sind. Wenn die Kontrakte mit dem Lebensmitteleinzelhandel noch bis Ende Oktober laufen, ist die Molkerei noch an die niedrigen alten Preise gebunden.

Ist das Ende der Milchquote oder eher das russische Importverbot in Verbindung mit den sinkenden Exporten nach China für die Milchkrise verantwortlich?

Für den Preisabsturz war auch der gute Milchpreis von 2013 und 2014 verantwortlich. Das hat zu steigender Milchproduktion geführt. 2013 und 2014 hatten wir schon lange nicht mehr die Milchquote ermolken, sodass sie gar keine Rolle mehr spielte. Mit steigender Milchanlieferung, beflügelt durch die guten Erlöse, kippte der Markt. Es kamen das Russland-Embargo und die Schwäche der chinesischen Wirtschaft dazu, und der Preisabsturz war unausweichlich.

Würde der Milchpreis auch dementsprechend wieder anziehen, wenn das russische Importverbot wieder aufgehoben und die Exporte nach China wieder steigen würden?

Das kann man so nicht sagen, da das zwei Jahre währende Russland-Embargo dazu geführt hat, dass Märkte an außereuropäische Molkereien gegangen sind, die man so schnell auch nicht wieder zurückerobern kann. Die Politik hat da in den Markt eingegriffen, was dazu geführt hat, dass der Markt verloren ist. Dementsprechend bedarf es großer Anstrengungen, die Märkte wieder neu zu erschließen.

Es gibt Terminbörsengeschäfte, mit denen sich Bauern jetzt bereits für Januar 2017 Preise für mehr als 30 Cent pro Liter sichern können. Wie funktioniert das?

In unserem Fall ist das kaum möglich. Wir haben einen Vertrag mit der genossenschaftlichen Molkerei DMK. Dieser beinhaltet eine zweijährige Kündigungsfrist. Wir müssten uns also schon davon lösen und könnten dann über Warenterminbörsengeschäfte unseren Preis absichern. Das geht zwar in sehr begrenztem Rahmen auch über die genossenschaftlichen Molkereien, ist aber sehr kompliziert. Warenterminbörsen und andere Preissicherungsmodelle werden in Zukunft wichtiger werden und wir werden diese auch nutzen, um den Preis zu egalisieren und nicht mehr diese extremen Preisschwankungen zu haben. Dafür müssen wir aber sicherlich noch eine Menge lernen. Soweit sind wir noch nicht.

Ist es in Zukunft überhaupt noch realistisch, Milchpreise wie vor zwei Jahren mit mehr als 40 Cent pro Liter zu erzielen?

Das glaube ich schon. Diese Tiefpreisphase ist aktuell so schmerzhaft, wie wir sie noch nie erlebt haben. Da resignieren natürlich auch viele und geben auf. Dadurch gehen die Milchmengen zurück und es erholt sich der Markt. Hinzu kommt, dass die außereuropäischen Milchmärkte, die jetzt Russland bedienen, nicht unsere Märkte bedienen können. Die langfristigen Prognosen sind also positiv.

Gab es bereits eine Marktbereinigung?

Wir liegen kontinuierlich unter Vorjahresniveau. Somit könnte man in gewisser Weise auch sagen, dass das hilft.

Wie hat sich die Milchkrise in den vergangenen zwei Jahren auf Ihren eigenen Betrieb mit 120 Kühen ausgewirkt?

Die Einnahmen haben sich bei gleicher Arbeit halbiert.

Können Sie dadurch Ihre Kosten decken?

Auf keinen Fall. Wir arbeiten seit mehr als einem Jahr ohne Ertrag und müssen sogar noch drauf zahlen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wir leben von unseren Rücklagen.

Wie lange können Sie noch von Ihren Rücklagen leben?

Das weiß ich nicht. Da müsste ich noch einmal mit unserem Bankberater sprechen. Ich weiß nur: Jeder Monat zählt. Wir haben große Hoffnung, dass es jetzt wieder aufwärts geht.

Wie viele Wochenstunden arbeiten Sie im Schnitt?

60 Wochenstunden.

Wie schwer ist es, sich zu motivieren, wenn man 60 Stunden pro Woche arbeitet, dafür aber nichts verdient und sogar noch drauf zahlt?

Sehr schwer. Wenn man dann aber mit den Tieren arbeitet, dann denkt man Gott sei Dank nichts ans Konto. Man kann sich das auch nicht vorstellen, was das eigentlich für mich und meinen 38-jährigen Sohn, mit dem ich den Betrieb zusammen führe, bedeutet. Die Belastung ist enorm. Ich bekomme auch über den Landvolkverband mit, dass deshalb in vielen Familien der Haussegen aufgrund dieser Belastung schief hängt.

Haben Sie Ihrem Sohn mal geraten, etwas anderes zu machen?

Natürlich kommen diese Fragen immer mal wieder auf, aber er macht das aus vollster Überzeugung und in der Hoffnung, dass es wieder besser wird. Es ist nicht so einfach, weil man auch viel Geld in den Betrieb gesteckt hat und es ist schon ein gewaltiger Beschluss, das Tor zu schließen. Mein Sohn ist aber aus eigenem Antrieb, weil er den Beruf und die Arbeit mit den Tieren mag, Landwirt geworden, und ich habe ihn nicht dazu gedrängt. Das ist in solchen Krisen ganz wichtig. Ich bin jetzt 60 Jahre, und auch ich will mich noch so lange in unserem Betrieb nützlich machen, solange es meine Gesundheit zulässt. Die Arbeit mit den Kühen gibt uns viel zurück.

Die EU hat ein Hilfspaket aufgelegt, über das insgesamt 150 Millionen Euro an Milcherzeuger gezahlt wird, die ihre Produktion drosseln. Reduzieren auch Sie für drei Monate Ihre Milchmengen, um an die EU-Finanzhilfe zu kommen?

Nein, das kommt für uns nicht infrage . Ich befürchte, dass es da auch zum größten Teil Mitnahmeeffekte geben wird. Es werden also vorwiegend Betriebe in Anspruch nehmen, die aussteigen wollen und für die das dann noch eine hilfreiche Beigabe ist. Im laufenden Betrieb die Milchmenge um zehn bis 20 Prozent zu reduzieren, ist ohnehin schwierig, weil es die langen biologischen Zyklen gibt. Die Kuh trägt neun Monate. Es sind eben keine Maschinen, bei denen man den Milchhahn je nach Belieben kurzfristig abstellen oder wieder aufdrehen kann. Die einzige Möglichkeit wäre, Kühe abzuschaffen. Das hieße aber, wenn der Preis sich wieder erholt, bin ich eben auch erst einmal nicht mehr im bisherigen Umfang dabei und ich würde dem Markt hinterherrennen, wenn ich wieder neue Kühe anschaffen muss.

Welchen Spielraum haben Sie selbst zum Beispiel über die Direktvermarktung, um wirtschaftlicher zu arbeiten?

Es gibt Möglichkeiten wie die kleinen Milchtankstellen, die hier und da entstanden sind. Diese Milchautomaten, mit denen sich der Verbraucher selbst einen Liter Milch für etwa einen Euro zapfen kann, retten aber auch keinen Betrieb, weil die Mengen, die man darüber vermarkten kann, eher klein sind. Es sind erstaunlicherweise auch viele Menschen mit Migrationshintergrund, die noch eine wünschenswerte Beziehung zu unseren Nahrungsmitteln haben. Es gibt zum Beispiel eine Türkin, die aus dieser naturbelassenen Milch Käse oder Joghurt macht. Diese Frau kann eben noch ursprünglichen Lebensmitteln umgehen, während andere gar nicht wissen, dass man Rohmilch erst umrühren muss, bevor man sie trinkt, damit sich das abgesetzte Fett wieder verteilt.


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