Muslim wird Christ Reise ohne Wiederkehr: Iraner lässt sich in Osnabrück taufen

Im Osnabrücker Dom ist Farbod Nosrat Nezami in der Osternacht zum Christentum konvertiert. Foto: Jörn MartensIm Osnabrücker Dom ist Farbod Nosrat Nezami in der Osternacht zum Christentum konvertiert. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Im Iran durfte er kein Christ sein. Nun hat sich Farbod Nosrat Nezami im Osnabrücker Dom taufen lassen. Ob er jemals nach Hause zurückkehren kann, ist unklar.


Sonnenstrahlen fluten den kleinen Raum am Fuße des Osnabrücker Doms. Sie umfließen die weiße Kerze auf der Fensterbank, streifen eine Blume auf dem Tisch und treffen auf ein Dornenkreuz an der Wand. In diesem Zimmer im Herzen des Osnabrücker Katholizismus fühlt sich der Iraner Farbod Nosrat Nezami am wohlsten. Hier hat er ein halbes Jahr lang jeden Dienstagabend gelernt, was es heißt, ein deutscher Katholik zu sein.

 
 
Gestreiftes Hemd, Jeans, leichte Wanderschuhe, die Laptoptasche über der Schulter – seit einem Jahr studiert Farbod in Osnabrück Kognitionswissenschaften. In dem Fach geht es zum Beispiel um künstliche Intelligenz, Psychologie und Neurowissenschaft. Wie seine wissenschaftliche Karriere verlaufen wird, weiß der 25-Jährige noch nicht. Ein anderes wichtiges Ziel hat er aber schon erreicht: Er ist zum Christentum konvertiert.
Im Iran hatte Farbod christliche Kirchen besucht. Ein Priester in Teheran riet ihm jedoch, höchstens ein Mal im Monat zu kommen. Alles andere könne ihn verdächtig machen. Der iranische Staat betrachte seine Bürger grundsätzlich als Muslime, sagt Farbod in fließendem Deutsch. Wer Christ werden will, muss ins Ausland reisen. Selbst in der Botschaft des Vatikans habe man ihm nicht weiterhelfen können.
Der Iraner Farbod Nosrat Nezami im Osnabrücker Dom - hier ist er in der Osternacht zum Christentum konvertiert.
 
5000 Kilometer von Teheran entfernt liegen im kleinen Gesprächsraum am Osnabrücker Dom eine Bibel und ein Buch des Bischofs zur Firmbegleitung im Regal. Hier leitet Schwester Engratia Brinkmann Kurse für diejenigen, die katholisch werden wollen. Im Internet fand Farbod den Kontakt zu der Franziskanerin. „Beim ersten Gespräch saß sie genau hier“, erinnert sich der Iraner, lächelt breit und weist mit ausgestrecktem Arm auf den Stuhl neben ihm. „Sie hat sich angehört, was ich zu erzählen hatte.“

Dass er überhaupt mit dem Katholizismus in Berührung kam, lag an seiner Mutter, sagt der Iraner. Im Haus seiner Familie in Teheran standen goldgerahmte Bilder von Jesus und Maria. Als der Iran noch liberaler war, sei seine Mutter nach Frankreich gereist. Die Kirche Notre Dame habe ihr gut gefallen. Wenn seine Mutter eine Glaubensrichtung hätte wählen müssen, wäre sie wohl Katholikin geworden, vermutet Farbod. Aber eigentlich seien seine Eltern Agnostiker. „Mein Vater würde eine Kirche höchstens für ein klassisches Konzert besuchen.“

 
 
Farbod dagegen glaubt an Gott. Als Kind sei er häufig allein gewesen. Sein Vater arbeitete, die Mutter musste sich um den kranken Großvater kümmern. „Ich wollte immer jemanden zum Spielen haben, aber ich hatte niemanden“, sagt Farbod. „Dann habe ich mir vorgestellt, dass da jemand ist. Wie ein Freund. So konnte ich mir auch gut vorstellen, Christ zu sein.“ Gott als unsichtbarer Begleiter – diese Vorstellung teilt Farbod mit Schwester Engratia.
Die Franziskanerin war es auch, die in der Osternacht als Taufpatin hinter ihm stand. Zu Beginn zog eine Prozession mit Kerzen in den verdunkelten Dom. „Es musste dunkel sein, weil Jesus gestorben war“, erklärt Farbod. „Das Licht war aus der Welt. Dann ist Christus auferstanden und das Licht kam zurück.“ Mehrere Stunden habe die Zeremonie gedauert, bei der fünf Christen gefirmt und weitere fünf Menschen getauft wurden. „Vor mir war eine Mutter mit ihrem Sohn dran.“ Farbod sagt, er sei glücklich gewesen, endlich Katholik werden zu dürfen. „Ich habe das so lange versucht.“
 

Ein Foto der Taufkerze schickte Farbod anschließend an seine Mutter. „Sie war auch begeistert und hat mir gratuliert.“ Ob er seine Eltern je wieder zu Hause besuchen kann, weiß der Iraner nicht. Sie wollen nicht, dass er zurück kommt. „Wenn du Geld hast, fahr doch lieber nach Frankreich und wir sehen uns dort“, sage seine Mutter. Amnesty International berichtet von Konvertiten, die im Iran benachteiligt und verhaftet werden.

Dieses Foto schickte Farbod nach seiner Taufe an seine Mutter.
 
 
Der Gesprächsraum im Forum am Dom gehört immer noch zu Farbods Lieblingsräumen.
 
Obwohl er vielleicht nie in seine Heimat zurückkehren kann, wirkt Farbod gelassen. Er plane seine Zukunft in Europa. Der Islam sei für ihn übrigens nie eine Alternative gewesen, sagt der 25-Jährige. Er erzählt vom islamischen Erbrecht, in dem Frauen benachteiligt würden. In der Schule habe er im Islamunterricht gelernt, dass er nur mit dem rechten Fuß in eine Toilette treten dürfe und mit dem linken wieder hinausgehen müsse. Farbod reckt die Hände zum Himmel. „So viele komische Regeln.“ Ihm gefalle die Botschaft des Christentums besser. Ein Plädoyer gegen den Krieg und für Liebe und Mitmenschlichkeit – so versteht es Farbod. Allzu dogmatisch ist er dabei nicht. „Es ist nicht wichtig was du machst. Du musst nur glauben und gut sein.“
Fotos: Jörn Martens (4), Stefanie Witte (3), Farbod Nosrat Nezami (1)

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