„Schlimmer als Bewerbung für Job“ Albtraum Wohnungssuche: Erstsemester hilflos in Osnabrück

Von Louisa Riepe, 03.10.2016, 08:00 Uhr
Wohnungssuche auf die gute alte Art: Auch am schwarzen Brett suchen viele Erstsemester eine Wohnung. Symbolfoto: dpa

Osnabrück Rund 4.600 Erstsemester beginnen in diesem Herbst ihr Studium an Universität und Hochschule Osnabrück – und viele von ihnen sind zum Vorlesungsbeginn immer noch auf der Suche nach einer Wohnung in der Stadt. Denn um das ersehnte WG-Zimmer zu ergattern, müssen sich die Bewerber mitunter durch überfüllte WG-Castings und kuriose Persönlichkeitsfragebögen kämpfen.

Fünf Wochen, 80 Emails, sieben Wohnungsbesichtigungen – und noch immer hat Isa Pickenpack kein Zimmer in Osnabrück gefunden. Die 24-Jährige will ab dem 17. Oktober an der Universität Englisch und Geografie auf Lehramt studieren. Rund zwei Wochen vor dem Vorlesungsbeginn verzweifelt sie an der Wohnungssuche. „Dass es so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht“, sagt die Buxtehuderin.

An überzogenen Vorstellungen kann es eigentlich nicht liegen: Pickenpack sucht ein Zimmer mit mindestens 12 Quadratmetern Fläche in einem Umkreis von maximal 15 Rad-Minuten zur Universität. An die Wohnung selbst stellt sie keine höheren Ansprüche, wichtiger ist ihr, dass die Chemie mit den Mitbewohnern stimmt: „Die Menschen, mit denen man dann zusammen wohnt, kann man schließlich hinterher nicht mehr austauschen.“ Für die Miete hat die angehende Studentin ein Budget von 300 Euro zur Verfügung.

„Entweder du kommst um 16 Uhr, oder gar nicht.“

Pickenpack sucht hauptsächlich im Internet nach passenden WGs. Über die Seite wg-gesucht.de oder in der Facebook-Gruppe „Suche/Biete Wohnung in Osnabrück“ findet sie einige Angebote, die auf ihre Beschreibung passen würden. Tatsächlich scheitert es aber häufig schon an der ersten Kontaktaufnahme mit den potenziellen Mitbewohnern. „Ich habe auf meine 80 Emails etwa 20 Antworten bekommen“, sagt Pickenpack. Inzwischen freue sie sich über jede einzelne Rückmeldung. Außerdem zählt das Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. „Es kommt auch vor, dass jemand sagt: ‚Entweder du kommst am Sonntag um 16 Uhr, oder eben nicht´“, so Pickenpack.

Weiterlesen: So lief die Begrüßung der neuen Erstsemester an der Hochschule Osnabrück ab

Das liegt daran, dass sich die Vermieter oft unter hunderten Bewerbern den richtigen aussuchen können. So beschreibt es auch Nadine Bröker. Die 23-Jährige sucht nach einem neuen Mitbewohner für ihre Vierer-WG. Zwei Tage lang war Anzeige für das Zimmer an der Möserstraße bei WG-gesucht online, inzwischen hat sie mehr als 60 Anfragen per Whatsapp bekommen. „Man kann gar nicht alle beantworten, weil es so viele sind. Sonst wäre ich den ganzen Tag nur am Handy“, sagt die Lehramtsstudentin. Deshalb hat sie die Bewerber in ihrer Anzeige gebeten, sich ihr in einigen Sätzen vorzustellen. Die kurzen Texte machen es ihr leichter, eine Vorauswahl zu treffen: Haben sich die Bewerber beim Schreiben Mühe gegeben? In welchem Alter sind sie? Was studieren sie? Haben sie ein sympathisches Profilbild? Wie sieht es mit WG-Erfahrung aus? Nach diesen Kriterien sucht Bröker die vielversprechenden Kandidaten aus und lädt sie zu einer Besichtigung ein. Die große Nachfrage hat sie überrascht: „Ich denke, alle reißen sich um das Zimmer, weil es mit 26 Quadratmetern sehr groß und mit 251 Euro Miete recht günstig ist.“

Studie zeigt: Wohnungsmarkt hat sich entspannt

Dabei hat sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt für Studenten in Osnabrück eigentlich entspannt, sagt eine aktuelle Studie. Das Moses-Mendelssohn-Institut hat im Auftrag der Gesellschaft für Beteiligungen und Immobilienentwicklung (GBI) und des Online-Portals WG-gesucht das sogenannte „Studentenstädte-Scoring 2016“ erstellt. Dazu wurde der Wohnungsmarkt in 91 Hochschulstädten in Deutschland untersucht. Aus je 23 Indikatoren berechnete das Institut einen sogenannten Anspannungsindex mit maximal 100 Punkten. In Osnabrück liegt der im Jahr 2016 bei 33,5 – ein leichter Rückgang im Vergleich zu 2015.

Das liegt unter anderem daran, dass mehr Wohnungen angeboten werden als in der Vergangenheit. Die Kosten für ein WG Zimmer sind der Studie zu Folge allerdings gestiegen. Der durchschnittliche Preis liegt demnach bei 290 Euro – 3,5 Prozent mehr als im letzten Jahr, aber immer noch deutlich unter dem Mittelwert im gesamten Bundesgebiet. Der liegt bei 349 Euro. Allerdings kommen in Osnabrück auch vergleichsweise wenige Studenten in Wohnheimen unter. 8,8 Prozent sollen es laut der MMI-Studie sein.

Die 25 Wohnanlagen, die das Studentenwerk in Osnabrück bereitstellt, sind allerdings ausgelastet, sagt Ursula Rosenstock. Sie ist beim Studentenwerk Abteilungsleiterin für den Bereich Wohnen. Über 1500 Plätze haben die Wohnheime insgesamt, Ende September sind alle belegt. „Das ist im Moment ein echter Engpass“, sagt Rosenstock, „die ganze Nachfrage kommt zu einem Zeitpunkt im Jahr auf uns zu – jetzt, zum Wintersemester.“ Studenten, die bis jetzt kein Zimmer gefunden haben, rät sie, die Suche auch auf den Stadtrand von Osnabrück auszuweiten. In Haste oder Voxtrup sei die Nachfrage nicht so stark und die Mieten deutlich günstiger. „Gerade in Osnabrück, wo der Nahverkehr gut ausgebaut ist, sollte man diese Möglichkeit auf jeden Fall bedenken“, so die Expertin.

Neues Wohnheim zum kommenden Sommersemester

Für die Zukunft kann Rosenstock den Studenten nämlich durchaus Hoffnung machen: „Wir haben beobachtet, dass sich die Situation zum Ende des Jahres deutlich entspannt.“ Es kann also lohnenswert sein, für die ersten Monate einen Kompromiss in Kauf zu nehmen. Ab dem nächsten Sommersemester hat das Studentenwerk dann auch eine neue Wohnanlage im Angebot: An der Natruper Straße in der Nähe des Campus Westerberg entstehen derzeit 178 Wohneinheiten. „Darunter sind auch einige Einzelappartements, das ist wirklich attraktiv“, sagt Rosenstock. Schon jetzt kann man sich für die neuen Wohnungen bewerben. Auf der Website des Studentenwerks findet sich dazu ein Anmeldebogen. „Wir nehmen dann eine Auswahl nach sozialen Kriterien vor, und alle Bewerber landen dann auf unseren Wartelisten“, erklärt Rosenstock.

Weiterlesen: Das sind die Pläne für das neue Studentenwohnheim an der Natruper Straße

Wer in eine bestehende WG einziehen will, der muss schon mehr Engagement zeigen. Nadine Bröker hat nach der ersten Auswahl per Whatsapp 12 Kandidaten für die nächste Runde ausgewählt: An zwei Tagen im Oktober dürfen sie das angebotene Zimmer besichtigen und Bröker und ihre beiden Mitbewohnerinnen kennenlernen. Der persönliche Kontakt zu den Bewerbern ist der Studentin wichtig: „Wir suchen nicht nur eine Mitbewohnerin, sondern auch eine Freundin.“ Deshalb sollen die Interessen zusammen passen, die Wellenlänge stimmen. Je eine Stunde wollen sich Bröker und ihre Mitbewohnerinnen Zeit nehmen, um die Kandidaten kennenzulernen. Dann wird eine gemeinsame Entscheidung getroffen. „Wir haben schon unsere Favoriten, wenn die uns nicht enttäuschen, sollten wir auf jeden Fall jemanden finden“, ist Bröker optimistisch.

WG-Casting und Persönlichkeits-Fragebogen

Diesen Prozess hat auch Isa Pickenpack schon mehrmals durchlaufen. Aber selbst sie war überrascht, als ihr eines Tages auf eine Anfrage ein 25 Punkte langer Fragebogen zugeschickt wurde. „Was ist deine politische Einstellung?“ oder „Wie würdest du es finden, wenn ein Flüchtling in die WG mit einzieht?“ – solche und andere kuriose Fragen sollte Pickenpack beantworten, noch bevor sie die Wohnung überhaupt gesehen hatte. „Das ist schlimmer, als die Bewerbung um einen Job“, meint Pickenpack. Ausgefüllt hat sie den Fragebogen trotzdem. Allerdings scheinen ihre politischen Einstellungen den Mitbewohnern nicht gepasst zu haben. Bis heute gab es keine Rückmeldung.

Wegen der vielen Absagen hat Isa Pickenpack ihre Strategie inzwischen geändert und ist selbst aktiv geworden: Im Portal WG-Gesucht hat sie ein eigenes Gesuch geschaltet. Darin beschreibt sie kurz, wer sie ist und was sie sucht: „ICH ---> 24 Jahre alt, offen, nett und freundlich, aus der Nähe von Hamburg, spiele Handball, arbeite in einem Kino, WÜRDE gern bei dir/euch mich vorstellen/einziehen“ heißt es da.

Nach gut zwei Wochen hat sie endlich eine Rückmeldung bekommen. Für die ersten Monate kann Pickenpack bei einer anderen Studentin einziehen. „Sie hat gesagt, sie hätte überhaupt keine Lust, 5000 Emails zu bekommen, sondern sucht sich ihre Mitbewohner lieber direkt aus“, erzählt Pickenpack. Bis zu drei Monate kann sie nun in ihrer ersten WG bleiben. Dann geht die Wohnungssuche für sie wieder von vorne los.

Lesen Sie hier: Zehn Tipps für das erste Semester in Osnabrück

Sehen Sie nicht den vollständigen Artikel? Klicken Sie hier für die erweiterte Darstellung. »

Jetzt anmelden, um mehr zu lesen
Jetzt DigitalBasis bestellen
Service

Allgemeine Geschäftsbedingungen | Kundeninformationen | Karriere | Datenschutzerklärung | Impressum | Klasse! | Paten-Projekte | Kontakt | Mediadaten | Onlinewerbung

Weitere Angebote, Partner und Unternehmen der NOZ MEDIEN

Weitere Angebote, Partner und Unternehmen der NOZ MEDIEN