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Osnabrücker Sonntagszeitung Pleite-Verleger Norbert Fuhs bricht sein Schweigen

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Bis Januar 2014 erschien die kostenlose „Osnabrücker Sonntagszeitung“ einmal pro Woche. Foto: Jörn MartensBis Januar 2014 erschien die kostenlose „Osnabrücker Sonntagszeitung“ einmal pro Woche. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Der ehemalige Verleger der „Osnabrücker Sonntagszeitung“ hat im Betrugsprozess erstmals sein Schweigen gebrochen und seine persönliche Krise geschildert, die zum Niedergang seines Unternehmens geführt habe.

Der Strafprozess gegen den Ex-Zeitungsherausgeber Norbert Fuhs geht in die 20. Woche. Das Gericht arbeitet sich akribisch durch die 171 Fälle, die die Staatsanwaltschaft Oldenburg zur Anklage gebracht hat. Immer geht es um die Kernfrage: Hat der Ex-Verleger die Medienbrief-Interessenten in die Irre geführt und über die Risiken der Geldanlage im Unklaren gelassen? Fuhs schweigt beharrlich dazu.

Doch nun hat er doch geredet – über eine schwere persönliche Krise, ausgelöst von gesundheitlichen Problemen, Unglücken und einer brutalen Gewalttat gegen ihn. In dieser depressiven Phase habe er sein Unternehmen nicht so führen können, wie es erforderlich gewesen wäre. Er habe sich vieler Widerstände erwehren müssen. So hätten Banken in der Region ihm die Zusammenarbeit verweigert, nicht einmal Konten hätten sie für ihn anlegen wollen.

Fragen des Gerichts und der Staatsanwalt zu seiner Einlassung beantwortete Fuhs zunächst nicht. Seine Verteidigerin nahm die Fragen der Wirtschaftsstrafkammer und des Staatsanwaltes auf. Ihr Mandat werde in einer der nächsten Verhandlungstage dazu Stellung nehmen.

„Krankheiten, Unfällen und Katastrophen“

Dem Staatsanwalt waren die Aussagen des Angeklagten „zu unkonkret“. Er wüsste gern genauer, wie sich diese Serie von „Krankheiten, Unfällen und Katastrophen“ ausgewirkt hätten, sagte der Ankläger. Dass Banken ihm kein Konto einrichten und keinen Kredit gewähren wollten, könne doch auch die Ursache darin haben, „dass die Banken die Bilanzen kannten“. Der Vorsitzende Richter schob eine Frage zum Geschäftsführergehalt nach: 2011 soll Fuhs von einem Monat auf den anderen sein Gehalt als Geschäftsführer der Enorm Verlagsgesellschaft von 4500 Euro brutto auf 9000 Euro verdoppelt haben. „Wenn das stimmt, was war der Grund?“, fragte der Richter.

Laut Bundesanzeiger schloss die Enorm Verlagsgesellschaft das Jahr 2011 mit einem Verlust von 700577 Euro ab. Der nicht durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag summierte sich zu dem Zeitpunkt auf rund 6,3 Millionen Euro.

Betrügerisches Schneeballsystem?

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ex-Verleger vor, als Geschäftsführer der Enorm Verlagsgesellschaft mbH ein betrügerisches Schneeballsystem betrieben zu haben. Weil das Geschäft mit der kostenlosen „Osnabrücker Sonntagszeitung“ seit 2001 keine Gewinne mehr abwarf, hat Fuhs laut Anklage mit der Herausgabe immer neuer Medienbriefe im Wert von jeweils 5000 Euro den Betrieb aufrechterhalten und sich auch selbst bereichert. Außerdem soll Fuhs sich der Insolvenzverschleppung schuldig gemacht haben.

Die Anleger lockte Fuhs mit „Renditen“ von über sechs Prozent pro Jahr. So auch eine Ärztin aus Osnabrück, die wie viele andere Geldgeber durch Anzeigen in der „Sonntagszeitung“ auf diese vermeintlich sichere Anlageform aufmerksam wurde. Sie habe diese Werbung über mehrere Jahre verfolgt und angenommen, dass es sich um eine solide Sache handele. „Ich dachte, in Osnabrück sind seriöse Geschäftsleute, und Herr Fuhs machte einen seriösen Eindruck“, sagte die Medizinerin. Sie habe eine risikofreie Anlageform gewollt. Über den Vertragsinhalt und den Charakter eines Medienbriefes sei nicht gesprochen worden – „nie“ über die stille Beteiligung und „nie“ über ein mögliches Verlustrisiko. Fünf Medienbriefe haben die 63-Jährige und ihr Sohn besessen, 25000 Euro Einlage sind weg.

Das Geld ist weg

45000 Euro hat ein Rentner aus Hagen verloren, weil er den Zusicherungen des Verlegers vertraute. Im Zivilverfahren bekam er recht, wie er als Zeuge im Strafverfahren sagte. In erster und zweiter Instanz verurteilten die Gerichte den Verleger, die Einlagen zurück zu erstatten. Aber das Geld ist nicht mehr da.

Viele Ältere sind unter den Geschädigten. Oft sind es Erbschaften oder Ausschüttungen aus Lebensversicherungen, die in Medienbriefe investiert wurden und nun vernichtet sind. Ein 68-jähriger Osnabrücker hielt noch an seinen Medienbriefen fest, als die „Neue Osnabrücker Zeitung“ Ende Mai 2013 erstmals über die Schieflage der Enorm Verlagsgesellschaft berichtete. Herr Fuhs habe ihn beruhigt, sagte der Mann als Zeuge vor Gericht. An den Meldungen sei nichts dran, „die wollen mich nur fertig machen“, habe Fuhs geantwortet. Der Zeuge: „Ich habe ja nicht ahnen können, dass die Bilanzen gefälscht sind.“

Der Prozess wird am Montag, 10. Oktober, fortgesetzt.


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