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Grund: Neue EU-Richtlinie Sparkasse Osnabrück vergibt weniger Immobilien-Kredite

In die neuen Wohnungen des „Stadtpalais“ (Bild) und der „Mitte West“ in Osnabrück zog es auch Ältere, die ihr Haus auf dem Land aufgegeben haben. Um sich in der Stadt eine Wohnung zu leisten, müssen Ältere oft einen Kredit aufnehmen. Mit den neuen Kredit-Richtlinien wird das nun schwieriger. Archivfoto: Markus StrothmannIn die neuen Wohnungen des „Stadtpalais“ (Bild) und der „Mitte West“ in Osnabrück zog es auch Ältere, die ihr Haus auf dem Land aufgegeben haben. Um sich in der Stadt eine Wohnung zu leisten, müssen Ältere oft einen Kredit aufnehmen. Mit den neuen Kredit-Richtlinien wird das nun schwieriger. Archivfoto: Markus Strothmann

Osnabrück. Die Sparkasse Osnabrück hat wegen einer neuen EU-Richtlinie seit März weniger Kredite vergeben als im Vorjahr. Wie stark der Einbruch bei den Kreditzusagen ist, will die Sparkasse auf Anfrage unserer Redaktion nicht preisgeben.

Niedersachsenweit haben die Sparkassen nach Angaben des Sparkassenverbands Niedersachsen (SVN) auf Anfrage unserer Redaktion aufgrund der deutschen Umsetzung der EU-Kreditrichtlinie zwölf Prozent weniger Kredite vergeben. Nach neuem Recht darf eine Bank laut SVN einen Immobilienkredit nur vergeben, wenn feststeht, dass der Kunde die Raten während der gesamten Laufzeit des Kredites bezahlen kann: „Ist dies nicht sicher, muss die Bank dem Kunden gegenüber den Kredit ablehnen.“ Anders als bislang dürfen die Banken nach der deutschen Auslegung der Wohnimmobilienkredit-Richtlinie der Europäischen Union seit Mitte März nicht mehr berücksichtigen, dass die Immobilie selbst eine Sicherheit darstellt. Andere EU-Länder legen die neue Richtlinie anders aus und erlauben es Kreditinstituten, den Wert der Immobilien zu berücksichtigen, wenn der Kredit zum Bau oder zur Renovierung eines Hauses verwendet wird. Deutschland hat auf diese sogenannte Öffnungsklausel verzichtet.

„20 bis 50 Prozent der Kreditanträge werden abgelehnt“

Der SVN übt in einem gemeinsamen Positionspapier mit dem Genossenschaftsverband Weser-Ems, der Landesvertretung der Handwerkskammern Niedersachsen und dem Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen harsche Kritik: „Nach aktuellen Prognosen wird im Jahr 2030 jeder zweite Rentner eine Rente beziehen, die auf Sozialhilfeniveau liegt. Ein Kredit für den altersgerechten Umbau des eigenen Hauses oder eine dringend erforderliche Renovierung darf von der Bank diesen Rentnern künftig nicht mehr gegeben werden, auch wenn die Immobilie abbezahlt und ein Vielfaches des gewünschten Betrages wert ist. Die betroffenen Rentner müssten dann schlimmstenfalls ihr Haus verkaufen.“ Die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Weser-Ems schätzen den Anteil der Kreditanträge, die aufgrund dieser strengeren Regelungen künftig abgelehnt werden müssen, auf 20 bis 50 Prozent.

( Weiterlesen: NOZ-Immobilien-Atlas 2016 für Häuser )

Sparkasse Osnabrück: Das ist eine Überregulierung

Auch der Sprecher der Sparkasse Osnabrück, Wulf Padecken, sieht in der neuen Kredit-Richtlinie, die Privatleute eigentlich vor Überschuldung schützen soll, eine „Überregulierung“, da es für ältere Kunden viel schwieriger werde, ein Darlehen zu erhalten. Padecken sieht darin „eine Bevormundung der Bürger“, weil die Rückzahlung des Darlehens zu Lebzeiten des Darlehensnehmers vorgeschrieben und generationenübergreifende Lösungen der Vermögensbildung durch Immobilienbesitz höchstens nach intensiver Einzelfallprüfung möglich sei. Auch der zeitliche und sonstige Aufwand für die Sparkasse Osnabrück sei durch die neuen Regelungen deutlich gestiegen.

Trotzdem 13 Prozent mehr Immobilienkredite der Kreissparkasse Melle

Überraschenderweise hat sich die deutsche Auslegung der EU-Richtlinie nach Angaben der Kreissparkassen Melle und Bersenbrück bislang zumindest statistisch nicht negativ auf ihre Geldhäuser ausgewirkt. Entgegen dem Landes- und Bundestrend hat die Kreissparkasse Melle von Januar bis Ende August gegenüber dem Vorjahreszeitraum 13 Prozent mehr Immobilienkredite vergeben. Die Auszahlungen für Baukredite lagen laut Sprecher Klaus Wienke 10 Millionen höher als im Vorjahreszeitraum. In Melle sei es gelungen, mit den Kunden eine für alle Seiten sinnvolle Lösung zu finden. Der Leiter des Immobilienzentrums Melle, Gerhard Knigge, erläutert: „Wir sehen das bei uns nicht so restriktiv, weil wir die konkreten Bedingungen genau erfragen.“ Während bei anderen Geldhäusern vielleicht befürchtet würde, dass bei einem jungen Paar mit Familienwunsch ein Partner bald nicht mehr arbeiten und der andere den Kredit alleine nicht bedienen könne, werde in Melle konkret nachgefragt, ob ein Elternteil nachher nicht zumindest mit einem 450-Euro-Job weitermachen will. „Wenn man das nicht dokumentiert, dann macht man die Finanzierung zunichte“, betont Knigge. Außerdem ist Knigge der Ansicht, dass Ältere durchaus weiterhin eine Finanzierung zwischen 30.000 Euro und 50.000 Euro für den barrierefreien Umbau ihrer Immobilie bekommen können: „Wenn die Eltern sagen, die Kinder sind bereit, den Kredit zu übernehmen, wenn wir ihn selbst in unserem Leben nicht mehr bezahlen können.“ Aus Sicht des Immobilienexperten würden viele Institute die Richtlinien überinterpretieren und viele Fragen gar nicht mehr stellen, was letztlich das Kredit-Aus bedeute.

Zuwachs von 15 Prozent bei den Wohnungsbaukrediten der Kreissparkasse Bersenbrück

Auch die Kreissparkasse Bersenbrück kann nach eigenen Angaben keinen Einbruch bei den Wohnungsbaudarlehen im 1. Halbjahr 2016 verzeichnen, sondern im Gegenteil einen Zuwachs von sogar rund 15 Prozent bei den Wohnungsbaukrediten. Sprecher Markus Greiwe macht dafür vor allem regionale Faktoren wie das relativ junge Durchschnittsalter der Kunden, günstiges Baulandpreise, die Vielzahl von Baugebieten sowie etwa die positive Entwicklung des Niedersachsenparks verantwortlich. So würde auch die Kreissparkasse Bersenbrück die negativen Auswirkungen aus der deutschen Umsetzung der EU-Richtlinie spüren, da einige Darlehensanfragen gerade von älteren Darlehensnehmern aus diesen Gründen nicht realisiert werden konnten. Dieser Effekt sei in Bersenbrück aber „überkompensiert“ worden – ein anderer Grund ist, dass die Immobilienpreise in seinem Geschäftsgebiet deutlich geringer sind als beispielsweise in den Kurorten im Landkreis, im Osnabrücker Speckgürtel oder in der Stadt Osnabrück.

IG Bau rügt: Der Kredithahn ist ziemlich zugedreht

Auch die Industriegewerkschaft Bau Osnabrück-Emsland rügt: „Der Bau neuer Wohnungen hat einen empfindlichen Dämpfer bekommen. Denn der Kredithahn ist ziemlich zugedreht.“ Die Richtlinie schreibe Kreditinstituten nun vor, bei der Vergabe von Darlehen in erster Linie auf das vorhandene Vermögen und auf die Höhe des Einkommens während der Rückzahlungsphase zu achten. Die Richtlinie schreibe Kreditinstituten seit März vor, bei der Vergabe von Darlehen in erster Linie auf das vorhandene Vermögen und auf die Höhe des Einkommens während der Rückzahlungsphase zu achten.

IG Bau: Besonders hart trifft es junge Familien und ältere Menschen

„Der Wert eines Hauses und das Bauland, auf dem es steht, oder eine Eigentumswohnung und deren mögliche Wertentwicklung – all das zählt quasi nicht mehr. Wer heute neu bauen oder umbauen will, sollte also flüssig sein. Bauherren müssen viel auf der hohen Kante oder ein dickes Einkommen haben, das auch in Zukunft sicher ist. Am besten beides“, sagt der stellvertretende IG Bau-Bezirksverbandschef Friedrich Pfohl. Besonders hart treffe dies junge Familien und ältere Menschen. „Viele von ihnen wären vor einem Jahr noch gern gesehene Kunden bei der Bank oder Sparkasse gewesen. Heute aber müssen die Kreditinstitute ihnen die Finanzierung oft verweigern“, so Pfohl.


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