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Ordnungswidrige Plakatwerbung Fällt Q1 sein „Marketing-Coup“ in Osnabrück auf die Füße?

Von Sebastian Stricker

Mit solchen Plakaten hat der Osnabrücker Energielieferant Q1 für seine neuen Strom- und Gastarife geworben. Allerdings ohne behördliche Erlaubnis. Foto: Arne KöhlerMit solchen Plakaten hat der Osnabrücker Energielieferant Q1 für seine neuen Strom- und Gastarife geworben. Allerdings ohne behördliche Erlaubnis. Foto: Arne Köhler

Osnabrück. Der Osnabrücker Energielieferant Q1 soll nach Informationen unserer Redaktion für die behördlich veranlasste Entfernung seiner ordnungswidrig aufgehängten Werbeplakate zahlen. Möglicherweise kommt noch ein Bußgeld oben drauf. Zum Bumerang könnten auch Vorwürfe von Q1 werden, die Stadtwerke Osnabrück würden reguläre Plakatwerbung konkurrierender Strom- und Gasversorger widerrechtlich verhindern.

Bislang seien im Auftrag der Stadt Osnabrück gut 600 wild plakatierte Q1-Poster ausfindig gemacht und entfernt worden. Das teilte das zuständige Unternehmen Ströer am Dienstag auf Nachfrage mit. Die Säuberung gestalte sich jedoch schwierig und sei noch nicht abgeschlossen. Sprecher Marc Sausen erklärte, dass Ströer die entstandenen Kosten abwälzen werde. „Wir stellen das Q1 in Rechnung.“ Zur Höhe des Betrages machte er keine Angaben.

Unklar ist bislang auch, ob und in welchem Umfang die Stadt Osnabrück die Firma Q1 Energie wegen der Ordnungswidrigkeit zur Kasse bittet. Der Fall werde noch geprüft, sagte Presseamtsleiter Sven Jürgensen am Mittwoch.

Aus der Verantwortung gestohlen

Q1 hatte Ende vergangener Woche mit Werbeplakaten für Aufsehen gesorgt, die den Anschein von Kommunalwahl-Werbung erwecken. Slogans wie „Wir sind die Guten! Q wählen!“, „Statt Werke Q wählen!“ oder „Haushalt sanieren! Q wählen!“ beziehen sich aber nicht auf politische Parteien oder Gruppen. Vielmehr sollen sie die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Q1 – bislang ein reiner Tankstellenbetreiber – seit August auch Strom und Erdgas an Privatkunden verkauft.

In einer Pressemitteilung vom Freitag bezeichnete das Unternehmen die Kampagne zunächst als „Marketing-Coup“. Angesichts der von unserer Redaktion aufgedeckten Rechtswidrigkeit der Plakataktion sorgte es sich dann einen Tag später plötzlich um seinen guten Ruf.

Reguläre Werbung nicht möglich?

So wies Q1 am Samstag jede Verantwortung von sich und schob die Schuld einer angeblichen Werbeagentur in die Schuhe, die laut Q1-Sprecher Daniel Hopkins zwar mit Reklameaktionen für die neuen Produkte Q-Strom und Q-Gas beauftragt gewesen sei, in diesem „bedauerlichen“ Fall aber „ohne Absprache mit der Unternehmenszentrale“ gehandelt habe. Dabei hatte der private Energieversorger in seiner Mitteilung vom Freitag noch selbst eine Begründung für das Guerilla-Marketing geliefert: Die Plakatwerbung sei eine Reaktion auf eine Sperrklausel im Vertrag zwischen Stadtwerken Osnabrück und Ströer, der seit 1986 die Vermarktung von Werbeflächen regelt.

Dadurch werde es Wettbewerbern aus dem Energiesektor unmöglich gemacht, „ganz regulär auf den Citylights-Flächen in der Stadt“ Werbung zu platzieren, wie es nach Angaben von Q1 beabsichtigt gewesen sei. Die Stadtwerke hätten „dem Dienstleister Ströer mit der Wettbewerbsklausel Fesseln angelegt“, wird Q1-Marketingmanagerin Lena von Salzen zitiert. Q1-Anwalt Ralf Bohn erkennt darin gemäß Mitteilung sogar einen Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb und meint: „Das kommt einem Boykott gleich.“

740 von 870 Werbeflächen verfügbar

Auf Nachfrage unserer Redaktion weisen die Stadtwerke Osnabrück die Vorwürfe zurück. „Ein Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb ist nach unserer Auffassung in keiner Weise feststellbar“, heißt es in einer am Montag verbreiteten Stellungnahme. Bestehende Regelungen würden weder die Werbefreiheit noch den Wettbewerb einschränken: Allein im Stadtgebiet von Osnabrück gebe es laut Ströer ungefähr 870 öffentliche Werbeflächen, darunter 500 Großflächenplakate, 150 Litfaßsäulen, 16 Megalight-Anlagen und 204 Citylights. All diese Werbeflächen hätte Q1 frei buchen können – mit Ausnahme jener 130 Citylights, die sich in Buswartehäuschen befinden.

Diese Unterstände seien „Teil unseres Nahverkehrsangebots“, erklärt Stadtwerke-Sprecher Marco Hörmeyer. Mitbewerber hätten in der Tat keinen Zugriff auf dortige Werbeflächen. „So wie ein Tankstellenbetreiber auch keine Werbung von Mitbewerbern auf und an seinen Tankstellen zulässt.“

Buswartehäuschen für Q1 tabu

Betriebsmittel und Infrastruktureinrichtungen der Stadtwerke im öffentlichen Raum, zu denen etwa auch Busse, Kabelverteilerschränke oder Flächen in den Bädern zählten, würden „ausschließlich für unsere eigenen Zwecke“ genutzt, so Hörmeyer weiter. Darüber hinaus würden sie „gemeinnützigen und dem Allgemeinwohl dienenden Institutionen regelmäßig entgeltlos zur Verfügung“ gestellt.

Eine falsche Behauptung, wie Q1 in einer weiteren Pressemitteilung vom Dienstag konstatiert. Auch an den Buswartehäuschen in Osnabrück – nach Ansicht von Anwalt Bohn wegen ihrer hohen Frequentierung die „attraktivsten Werbeflächen im gesamten Stadtgebiet“ – sei durchaus Reklame zu finden, die nicht diesen Kriterien entspreche: etwa Posterwerbung für Zigaretten, Süßigkeiten und Drogeriemärkte.

Alternative Angebote ausgeschlagen

Auf erneute Nachfrage unserer Redaktion räumten die Stadtwerke am Mittwoch diesbezüglich eine „missverständliche Formulierung“ in ihrer Stellungnahme ein. Die Ausschließlichkeit der Nutzung habe sich auf eigene Geschäftsfelder bezogen, präzisierte Hörmeyer. Selbstverständlich sei es Dritten erlaubt, auf Citylights an Buswartehäuschen zu werben. Aber eben nur, wenn die Produkte nicht denen der Stadtwerke gleichen. Im Fall von Q1 hieße das: Werbung für Tankstellen oder das Firmenimage geht in Ordnung, Werbung für Strom- und Gastarife nicht.

Das war nach Informationen unserer Redaktion übrigens auch der Q1-Geschäftsführung seit Wochen klar. Konkrete Angebote von Ströer für Werbung auf alternativen Flächen in Osnabrück hat das Unternehmen jedoch ausgeschlagen. Möglicherweise mit Kalkül: Denn preiswerter als nun geschehen hätte die Firma wohl kaum auf sich aufmerksam machen können – Rechnungen über Aufräumaktionen und drohende Bußgelder hin oder her.


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