Willkommen in Limbergen Osnabrück: Am Ende der Limberger Straße liegt ein Dorf in der Stadt

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<em>Das Ortseingangsschild ist selbst gemacht:</em> Trotzdem fühlen sich die Bewohner, die am Ende der Limberger Straße leben, wie in einem Dorf. Foto: Elvira PartonDas Ortseingangsschild ist selbst gemacht: Trotzdem fühlen sich die Bewohner, die am Ende der Limberger Straße leben, wie in einem Dorf. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Die Limberger Straße schlängelt sich ab der Parkstraße durch den Stadtteil Wüste. Viele Osnabrücker denken, sie hört in Höhe der Bühlwiese auf. Aber, liebe Postboten und Taxifahrer, sie führt noch weiter. Bis zur Eisenbahnlinie reicht die Straße. Dort leben die Limberger in einem Dorf in der Stadt.

Hinter dem Ortseingangsschild, auf dem „Limbergen“ steht, leben 20 Menschen im Alter von 4 bis 79 Jahren, fünf Meerschweinchen, vier Hunde, fünf Katzen, sechs Kaninchen, ein Pferd, 25 Hühner, 17 Schafe und etwa 60000 Bienen. „Wir sind eine tolle Gemeinschaft“, sagt Waltraud Heinze. So bestimmt, wie sie es sagt, kommt kein Zweifel auf, dass es anders sein könnte. Die 76-Jährige ist eine „Zugezogene“. Sie lebt seit 1974 in Limbergen. „Seitdem hat sich hier nichts verändert“, frotzelt der 79-jährige Kurt Wilhelm.

Seine Frau Elsbeth wurde 1935 in dem Haus an der Limberger Straße geboren, in dem die Eheleute heute noch leben. Ihre Schwester Gerda Fricke kam zwei Jahre später in dem Haus zur Welt, das 1911 von den Großeltern errichtet wurde. Nebenan wohnte der Schwiegersohn, der ebenfalls ein Haus an der Limberger Straße baute. Heute lebt dessen Enkelin Irmgard Malzahn dort.

Die Gegend war schon immer ländlich geprägt, erzählen sie. Die Limberger Straße hat ihren Namen von einem Bauern, der diesen Namen trug und zu dessen Hof der Weg führte, erklärt Gerda Fricke. Dass die Straße sich heute durch den Stadtteil schlängelt, findet Kurt Wilhelm „total blöd“. Die Postboten hätten Mühe, ihre Adresse zu finden, erzählt er. Lioba Wolff berichtet, dass sich ein Taxifahrer zunächst weigerte, sie weiter als bis zur Bühlwiese zu fahren.

Die Abgeschiedenheit ist aber auch ein Vorteil. „Man hat hier seine Ruhe“, sagt Waltraud Heinze. „Wir leben ländlich, obwohl es nur drei Kilometer vom Stadtkern entfernt liegt“, sagt Werner Nierychlo, der mit seiner Frau Dorothee und seinen Kindern Nele und Kolja in Limbergen lebt. Gleichwohl hält die Zivilisation mit jedem Zug Einzug, der über die an der Siedlung angrenzenden Schienen brettert. Und bei Westwind sei die Autobahn 30 zu hören, sagt Nierychlo.

Vor 26 Jahren sind Werner und Dorothee mit einer WG „aufs Land“ gezogen. Zu dieser Zeit entstand auch die Idee mit dem Ortsschild. Reminiszenzen an die „Freie Republik Wendland“ wollen die Eheleute nicht von der Hand weisen. „Die Alteingesessenen haben sich erschrocken, als wir hier ankamen: Die dachten, da zieht eine Kommune ein“, erzählt Werner, der sein graues Haar lang und offen trägt. Doch die vermeintlichen Kommunarden haben die Ureinwohner Limbergens zu einem Fest eingeladen. Und die kamen mit Blumen.

Seitdem herrscht kurz vor den Eisenbahnschienen Friede, Freude, Eierkuchen. „Im Gegensatz zu früher“, wirft Gerda Fricke ein und lacht sich ins Fäustchen. Früher sei die Gemeinschaft zweigeteilt gewesen, erzählt sie. „Das war hier halb evangelisch, halb katholisch.“ An wichtigen Feiertagen der Katholiken fuhren die Protestanten Gülle aus und umgekehrt. „Heute, nicht früher war alles besser“, konstatiert die 75-Jährige.

Doch sie hat auch schlechte Zeiten erlebt. 1941 wurde in der Siedlung ein Luftschutzbunker gebaut. 79 Luftangriffe habe die Stadt erlebt, erzählt sie. „Als Kinder haben wir viel Zeit in dem Bunker verbracht.“ Etwas später hat sie entdeckt, dass in einem Eisenbahnwaggon KZ-Häftlinge untergebracht waren. „Die mussten in den Gräben neben dem Bahndamm Kabel verlegen.“

Ihre Stimme überschlägt sich fast, als sie davon berichtet, dass sie und ihre Schwester den Häftlingen Brot gegeben haben. „Die haben sich wie die Fliegen darauf gestürzt. Von den SS-Leuten sind sie geschlagen worden“, sagt Gerda Fricke. Ihre Schwester hört mit gesenktem Blick zu. Später habe eine Brandbombe einen Waggon getroffen. „Die Leute sind alle verbrannt.“

„Es ist komisch, wenn man sich vorstellt, dass die Menschen hier im Krieg gewohnt haben“, sagt die 13-jährige Nele Nierychlo betreten. Für sie und die anderen Kinder liegt der Krieg in weiter Ferne. Sie wachsen mit vielen Tieren in einer friedlichen Welt auf dem Land auf. Ihre Eltern leben zwar nicht in einer Kommune, aber in einer Gemeinschaft, die funktioniert. Das zeigt sich spätestens bei der Heuernte. Dann packen alle mit an, die noch können. Lioba Wolffs Augen leuchten bei dem Gedanken an die Ernte: „Das hat Volksfestcharakter.“


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