Neue Werkstatt in der Schützenstraße „Mit Geigenbauern ist es wie mit Ärzten“


Sie sind jung, bestens ausgebildet und mutig: Nadine und Georg Knauer haben sich in Osnabrück mit einer Geigenbauwerkstatt niedergelassen. Die beiden arbeiten alte Instrumente auf, bauen aber auch neue Geigen, Bratschen, Celli.

Der Himmel hängt hier nicht voller Geigen. Vielmehr sind die Instrumente säuberlich an einem Seil an der Wand aufgereiht: Industrieware aus dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Schon damals waren diese Instrumente nicht für die großen Solisten oder Berufsorchester gedacht, sondern für den geigerischen Nachwuchs. So ist es auch heute: Georg Knauer arbeitet die Instrumente auf, um sie anschließend zu vermieten. Ein Standbein für seinen Betrieb. Weiterlesen: Bislang war Herbert Stengel der einzige Geigenbauer der Region

Hobeln, Lackieren und Kleben

Ruhig ist es hier. Von der Straße aus deutet nichts auf den Handwerksbetrieb hin, der sich in einem Wohnhaus in der Schützenstraße eingerichtet hat. Aber spätestens im Flur der Wohnung im Erdgeschoss fällt ein eigentümlicher Geruch auf: ein Gemisch aus Lack und Holz – die beiden wichtigsten Komponenten beim Geigenbau. Seit Ende Juni sitzen Georg Knauer und seine Frau Nadine hier an der Werkbank, die die ganze Breite des Raums einnimmt. Hier schnitzen, hobeln, lackieren und kleben sie, um Instrumente von den Narben zu befreien, die die Zeit und oft auch raue Behandlung ihnen geschlagen haben.

An einer Geige bessert Nadine Knauer gerade den Lack aus. Am anderen Platz liegt ein weiteres Instrument fertig lackiert und mit Griffbrett, aber nackt: Ohne Saiten, ohne Stimmwirbel, ohne Steg, also ohne das Teil, über das sich die Saiten spannen, und das durch den Druck der Saiten an seinem Platz fixiert wird. Kurzum: ein kleines, aber wichtiges Detail eines jeden Streichinstruments. Und so etwas wie die Visitenkarte eines Geigenbauers. Ist der Steg zu stark gewölbt, erreicht ein Geiger nur mit Mühe alle vier Saiten, ist die Wölbung zu flach, lassen sich die Saiten nicht einzeln spielen. Und da formuliert Georg Knauer auch mal eine Kritik an der Billigkonkurrenz aus Fernost: „Im Supermarkt gibt es Instrumente für 49,90 Euro inklusive Koffer und Bogen. Der Steg ist aber so geformt, dass das Kind nur mit Mühe spielen kann“. Andererseits reagieren Kunden verwundert, wenn er für einen Steg hundert Euro nimmt.

Meistertitel für die Markenbildung

Zwar bauen Nadine und Georg Knauer die Teile nicht selbst. Der Größe nach sortiert, von der 16-tel-Geige für die kleinen Hände der Allerjüngsten bis zum Steg für Celli, hängen sie an einem Seil, das an der Wand lang läuft und dann im Neunzig-Grad-Winkel die Werkstatt quert. Wenn Georg oder Nadine Knauer sie aber auf den Korpus setzen, beginnt die Feinarbeit: Vorsichtig schaben sie dann, bis der Steg exakt die richtige Stärke und Form hat. „Da sitze ich zwei Stunden dran“, sagt Georg, während er durch seine markante Brille schaut, ob der Steg so auf den Korpus passt. Das erklärt, warum das Stückchen Holz von der Größe eines Streichholzbriefchens doppelt so viel kostet wie ein ganzes Billiginstrument aus China. Weiterlesen: Geigen im Blindtest

Freundlich sehen die beiden aus, mit ihren brauen Arbeitsschürzen, auf denen in geschwungenen Buchstaben „G. Knauer“ und „N.Knauer“ steht: Die beiden haben ihren Geschäftsauftritt bis ins Detail durchgeplant. Sogar der Meistertitel gehört zur Markenbildung: Für die Gründung ihrer Werkstatt hätten sie den Titel nicht gebraucht. „Aber es macht einen besseren Eindruck auf die Kunden“, sagt Nadine Knauer. Andererseits: Die Meisterschaft rundet den Werdegang schon ab. Auf die Ausbildung in der deutschen Geigenhauptstadt Mittenwald im Karwendel – dort haben sich die beiden übrigens kennengelernt –folgten die Gesellenjahre in Hannover. Mit dem Meisterbrief in der Tasche haben beide die beiden dann ihren gemeinsamen Betrieb eröffnet.

Osnabrück als Standort haben sie dabei mit Bedacht gewählt: Es gibt hier lediglich einen weiteren Geigenbauer, aber ein Profi-Orchester sowie Musikzweige an Universität und Hochschule, Laienorchester und Musikschulen. Zwar zählen sie nicht auf die erfahrenen Profis und Laien, denn: „Mit Geigenbauern ist es wie mit Ärzten“, sagt Georg Knauer, „man vertraut einem, und bei dem bleibt man.“ Weiterlesen: Geigenbauer behandeln Holz mit Pilzen

Anders ist das bei Geigenschülerinnen und -schülern: Für sie hält das Ehepaar Mietinstrumenten bereit. Den Studierenden des Instituts für Musik und der Universität hingegen empfehlen sich die zwei auch als Geigendoktor. Und wenn der eine oder andere ein Neuinstrument haben möchte, stehen die beiden auch zu Diensten: In Mittenwald lernt man „vom Baum weg“, wie Georg Knauer sagt.

Derzeit arbeiten sie an zwei Instrumenten, „für uns, weil wir Spaß dran haben“. Aber womöglich erwächst daraus ein weiterer Geschäftszweig: „Es gibt Virtuosen, die spielen bewusst auf Neubauten“, sagt Knauer, „zum Beispiel Christian Tetzlaff“. Und mit einer Geige aus dem Hause Knauer könne man sich ohne weiteres um eine Orchesterstelle bewerben, sagt Georg Knauer ganz selbstbewusst. Süße Zukunftsmusik.


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