Seminar zur digitalen Abhängigkeit im Kreishaus Alle 17 Minuten ein kurzer Blick: Machen Handys süchtig?

Das Handy immer in Griffweite: (von links) Landrat Michael Lübbersmann, 

            
NOZ-Personalleiter Andreas Stoppe, Burkhard Bensmann, Geschäftsführer der Ld 21 academy GmbH, Referent Alexander Markowetz, Siegfried Averhage, Wigos-Geschäftsführer, und Marvin Waldrich, Leiter Produktentwicklung & Marketing MSO Medien-Service am StandortOsnabrück. Foto: Wigos/Ulrich EckselerDas Handy immer in Griffweite: (von links) Landrat Michael Lübbersmann, NOZ-Personalleiter Andreas Stoppe, Burkhard Bensmann, Geschäftsführer der Ld 21 academy GmbH, Referent Alexander Markowetz, Siegfried Averhage, Wigos-Geschäftsführer, und Marvin Waldrich, Leiter Produktentwicklung & Marketing MSO Medien-Service am StandortOsnabrück. Foto: Wigos/Ulrich Eckseler

Osnabrück. „Digitale Abhängigkeit? - Wie wir Smartphone und Computer wieder in den Griff bekommen“ – unter diesem Titel fand eine Fachtagung für Führungskräfte im Osnabrücker Kreishaus am Schölerbeg statt. Ein Thema, das nicht nur in Unternehmen aktuell ist.

Alle 17 Minuten unterbricht statistisch ein Mensch seine produktive Arbeit, im Fachjargon „Flow“ genannt, um einen Blick auf das Smartphone zu werfen, erläuterte Referent Alexander Markowetz von der Uni Bonn. Diese Daten gehen auf die Auswertung ein App „Menthal“ zurück. Markowetz und seine Kollegen haben sie an der Uni Bonn entwickelt, um das Nutzungsverhalten von Smartphonebesitzer analysieren zu können.

400000 Menschen haben die Anwendung installiert. Es wird erfasst, wie oft der Besitzer sein Gerät einschaltet, entsperrt und sich durch das Menü klickt. Ebenso wird das Kommunikationsverhalten aufgelistet, die zeigen, mit wem sich der Smartphonenutzer unterhält. ( Weiterlesen: Sind wir süchtig? App Menthal untersucht Smartphone-Nutzung )

Zweieinhalb Stunde am Smartphone

Eines der Ergebnisse: 80 Prozent der Kommunikation entfällt auf fünf bis acht Personen. Kaum überraschend geschieht die meiste Interaktion dabei über Messenger wie WhatsApp oder soziale Netzwerke wie Facebook. Außerdem ergab die Auswertung der Daten, dass die Nutzer die Zeit dazu verwenden, um Nachrichten zu checken, Spiele zu spielen oder Musik zu hören. Auf den Tag gesehen ergab sich, dass Smartphonebesitzer zweieinhalb Stunden am Tag auf ihrem Gerät klicken. Telefoniert wird damit im Schnitt nur sieben Minuten.

Das Problem: Durch die hochfrequente Nutzung von Smartphones reduziere sich die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen und es könne bei Nichtnutzung sogar zu Entzugserscheinungen kommen, so Markowetz. Die Zahl derer, die wirkliche alle Anzeichen einer Sucht erfüllen, liege in Deutschland im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Trotzdem: Die große Menge träfe aber beim Umgang mit dem Gerät schlechte Entscheidungen.

Produktivitätswahnsinn?

Gerade im geschäftlichen Bereich sei ein „Produktivitätswahnsinn“ zu beobachten. So würden vor oder während eines Meetings kleine Pausen genutzt, um schnell den E-Mail-Eingang zu überprüfen. Dabei handle es sich allerdings meist um Vorgänge, die auch später bearbeitet werden könnten oder solche, die gar nicht relevant für die entsprechende Person sind. Neben Zeit gehe so auch Konzentration verloren. ( Weiterlesen: Unentwegtes Öffnen von E-Mails stört Arbeitsfluss )

Als Lösungsansatz nannte Markowetz die „digitale Diät“. Der Griff zum Smartphone sei in den meisten Fällen kein bewusstes Handeln. Entsprechend müsse der Drang unterbewusst ausgetrickst werden. Als Beispiel gab er an, das Telefon etwa tief unten in einem Rucksack zu deponieren, bis schließlich die Lust vergangen sei, es wieder hervorzuholen. Außerdem seien regelmäßige Smartphone-Pausen ein wichtiger Aspekt, um die Konzentration wieder zu steigern. Diese könnten auf unterschiedlichste Weise genutzt werden, etwa durch den Aufenthalt in einem Ruheraum, Meditation, einen kurzen Mittagsschlaf oder allgemein mehr Ruhe.

Kommunikations-Etiquette

Als sinnvoll erachtete Markowetz auch die Einführung einer Kommunikations-Etiquette. Unter den engeren Bezugspersonen könnte eine zeitliche und inhaltliche Absprache getroffen werden. Dabei müsse darauf geachtet werden, ob die Nachricht wirklich wichtig sei und ob sie zum Beispiel zwingend in der Nacht verschickt werden muss. Auf diese Weise ließe sich die Kommunikation um 30 Prozent reduzieren. Letztlich sei als Lösung, vor allem in Unternehmen, auch eine zeitliche Beschränkung der Mail-Server möglich. So würden E-Mails etwa nur jede halbe Stunde zugestellt. Zudem könnte durch den Einsatz von Schlüsselwörtern die Korrespondenz auf wichtige Nachrichten gefiltert werden. ( Weiterlesen: Was gegen Handysucht hilft )

Regeln sind wichtig

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten Seyed-Schahab Hosseiny, Geschäftsführer der Online Marketing Agentur MSO Digital, Wolf Goertz, Geschäftsführer der Internetagentur netrocks, Conrad Tönsing, Leiter des Bereichs Suchtprävention des Caritasverbandes für die Diözese Osnabrück und Matthias Upmeier, Wirtschaftsprüfer bei der WMS Treuhand über den Umgang mit der zunehmenden Digitalisierung.

Goertz und Upmeier betonten, dass die Einführung von Regeln wichtig sei. Private Mobiltelefone seien beispielsweise verboten. Und auch bei Dienstgeräten müsse genau geprüft werden, ob es im Einzelfall nötig sei. „Wenn wir dem nicht Herr werden, bekommen wir ein gesellschaftliches Problem“, so Goertz. Upmeier unterstrich erneut die Bedeutung von Ruhezonen. In seinem Unternehmen gebe es zum Beispiel Bereiche ohne WLAN- und Telefonnetzempfang.

„Wir leben schon längst online“

Dagegen betonte Hosseiny, dass die Digitalisierung längst integraler Bestandteil des Alltags sei. „Wir gehen nicht online, wir leben schon längst online“. Bei MSO Digital sei der Umgang mit Smartphone, Tablet und anderen Geräten den Mitarbeitern freigestellt, da das Thema einfach zum täglichen Geschäft des Unternehmens gehöre. Den Mitarbeitern sollten alle technischen Möglichkeiten gegeben werden.

Conrad Tönsing mahnte schließlich, dass schulische Leistungen von Schülerinnen und Schülern durch den Gebrauch von Smartphones sinken würden. Der Umgang sei zwischen Kindern, Eltern und Lehrern nicht abgestimmt. Es sei wichtig, deutlich zu machen, wo die Gefahren liegen und auch Offline-Zeiten einzulegen, damit der Mensch wieder zu sich kommen könne. ( Weiterlesen: Junge Menschen sind drei Stunden täglich am Smartphone )


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