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Ein Schicksalstag für Pye Am 20. Oktober 1957 machte eine Schlammlawine Hunderte obdachlos

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Vor 55 Jahren brach eine Katastrophe über Pye herein. Der talseitige Damm eines Absetzteiches der Piesberger Steinindustrie war weggerutscht. Eine Schlammlawine ergoss sich in die etwa 50 Meter tiefer gelegene Siedlung entlang Münsterberger Straße und Bergmannsweg und nahm alles mit, was sich ihr in den Weg stellte.

Das war zunächst einmal das Haus der Familien Hörnschemeyer und Fuchs an der Lechtinger Straße 136 (heute Hausnummer 21), das komplett von der Bildfläche verschwand und in seine Einzelteile zerlegt in den unterhalb gelegenen Gärten verteilt wurde. Einige Familienmitglieder waren in der Frühmesse – ihnen passierte nichts, abgesehen von dem Schock, der sie bei der Heimkehr traf. Zwei Bewohner hielten sich im Obergeschoss auf. Als sie begriffen, was passierte, stürmten sie durch die hintere Tür in den Garten, kämpften sich durch den Schlamm seitwärts auf ein etwas höher gelegenes Grundstück und überlebten leicht verletzt. Für die 55-jährige Agnes Fuchs kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie war krank, konnte deshalb nicht mit zur Kirche und lag im Bett. Sie schaffte es noch aus dem Bett bis auf den Flur, als die Lawine zuschlug und das Haus zermalmte. Man fand sie erst viele Stunden später tief unter Trümmern begraben und in der zähen Masse erstickt – tot. Dann hörten die Retter das Jaulen eines Hundes. „Bobby“ saß eingeklemmt in einem Hohlraum, den die grauweißen Massen nicht erreicht hatten. Der Spitz wurde gerettet und avancierte zum Medienstar.

Feuerwehr, THW, britische Pioniereinheiten und Steinbrucharbeiter retteten 15 Verletzte aus dem Schlamm. Zwei weitere Häuser waren so schwer beschädigt, dass auch sie zu den Totalverlusten zählten. Etwa zwanzig weitere trugen mehr oder weniger große Bauschäden davon. Sie alle hatte der Schlamm bis auf Weiteres unbewohnbar gemacht. Wasserleitungen, Brunnen und Kanalisation versagten. Alle Gärten bis hinunter zum Lindholzweg waren durch die knietiefe Schlammschicht vernichtet. Auf die fünf Hektar umfassende Schadensfläche ergoss sich in kleinen Schüben noch stundenlang weiterer Schlamm. Der trocknende Schlamm wurde mit der Zeit steinhart. Keller und Erdgeschossräume vieler Häuser machten den Eindruck, als wären sie vollständig ausbetoniert. Es dauerte Wochen und Monate, bis alles mühsam beseitigt war.

Die damals selbstständige Landgemeinde „Pye über Osnabrück“ mit gerade einmal 1400 Einwohnern war über Nacht bundesweit bekannt geworden. In allen Tageszeitungen landauf, landab konnte man nachlesen, was passiert war: Der Damm des oben am Berghang gelegenen Schlammteichs war ins Rutschen geraten. 20000 Kubikmeter Schlamm und Erdreich setzten sich in Bewegung. Als die Lawine die Lechtinger Straße überrollte, hatte sie eine Höhe von 15 Metern. Es hatte viel geregnet im Sommer. Oberflächenwasser hatte den Spiegel des Teichs weiter angehoben. Gedacht war der Teich dafür, den bei der „Steinwäsche“ anfallenden Schlamm aufzunehmen. In der Steinbrechanlage wurden die feineren Staubpartikel mit Wasser gebunden und in den Teich geleitet. Mit der Zeit setzten sich die Feststoffe auf dem Boden ab, und das Wasser konnte in den Produktionsprozess zurückgeführt werden.

Der viele Regen ließ nicht nur den Spiegel ansteigen, sondern durchfeuchtete auch die Dammkrone, wie Gutachter später ausführten. Das eingesickerte Wasser verringerte den Rutschwiderstand zwischen den Lehmschichten des Damms. Er war seit 1915 nach und nach auf eine Höhe von 20 Metern aufgestockt worden. Nun war er dem starken Wasserdruck des Schlammteichs nicht mehr gewachsen. Am Sonntagmorgen um 7.40 Uhr nahm das Unglück urplötzlich und ohne Vorwarnung seinen Lauf.

Könnte sich Derartiges wiederholen? „Nein, das ist völlig ausgeschlossen“, sagt dazu Peter Graf von Spee, Regionalleiter des heutigen Steinbruch-Betreibers Cemex. Erstens würden die Absetzbecken jetzt auf dem Boden tief ausgeteufter Bereiche des Steinbruchs liegen. Zwischen den Teichen und der Siedlung stehe die bis zu 40 Meter hohe gewachsene Bergflanke. Zweitens würde bei den modernen Produktionsverfahren nur noch ein Bruchteil der früheren Wassermenge eingesetzt, die Teiche seien viel kleiner, alle Prozesse würden fortlaufend eng überwacht. Die Pyer Bürger, auch die unmittelbar am Fuße des Piesbergs siedelnden, könnten ganz entspannt bleiben. Ein derartiger Besuch des Berges werde sich niemals wiederholen.