Thees weckt die Erinnerung Babywatching für Demenzkranke im Osnabrücker Hermann-Bonnus-Haus

Von Danica Pieper


Osnabrück. Wenn Thees in das Osnabrücker Hermann-Bonnus-Haus kommt, dann geht den Bewohnern des Seniorenheims das Herz auf. Der sieben Monate alte Junge steht im Zentrum des sogenannten „Babywatchings“, das die Erinnerungsfähigkeit von Demenzkranken stärken soll.

Thees gluckst fröhlich, als er mit seiner Mutter Anja Moormann den Gruppenraum im Osnabrücker Hermann-Bonnus-Haus betritt. Fünf Bewohner des Seniorenheims haben den kleinen Jungen schon sehnsüchtig erwartet: Ihre Augen leuchten auf, sie lachen und winken, als Thees und seine Mutter sich auf die gelbe Decke in der Mitte des Raums setzen. „Hallo Thees“, sagen die Frauen entzückt. „Jetzt guck dir mal alle an“, fordert Anja Moormann ihren Sohn auf, und tatsächlich: Mit seinen großen Kulleraugen betrachtet der sieben Monate alte Junge der Reihe nach alle Anwesenden.

Bundesweit erstmalig

Ein Baby im Altersheim? Im Hermann-Bonnus-Haus ist dies nichts Ungewöhnliches. Die Einrichtung nimmt als bundesweit erste an einem Pilotprojekt teil, im Rahmen dessen demenzkranke Senioren die Interaktion zwischen einem Baby und seiner Mutter beziehungsweise seinem Vater beobachten. B.A.S.E.-Babywatching heißt die Methode, die von dem Münchener Bindungsforscher Karl Heinz Brisch entwickelt wurde. B.A.S.E. steht für „Baby-Beobachtung im Kindergarten gegen Aggression und Angst zur Förderung von Sensitivität und Empathie“. Brisch hat die Methode ursprünglich entwickelt, um Empathie bei Kindergarten- und Schulkindern zu fördern. Dass das Babywatching nun auch mit Senioren durchgeführt wird, ist Thees‘ Vater Christoph Moormann zu verdanken. Als der Seelsorger und B.A.S.E.-Trainer erfuhr, dass Brisch seine Methode gerne einmal in einem Altersheim anwenden würde, griff er die Idee auf und kontaktierte Gerontologin Johanna Pohl, die Verbindung zum Hermann-Bonnus-Haus aufnahm.

Erinnerungen ans Elternsein

Thees ist bereits das dritte Baby, das das Altersheim besucht. Seit April kommt er jeden Mittwoch in das Haus – insgesamt ein Jahr lang. Die Senioren schauen zu, wie er mit seiner Mutter schmust oder mit einer Box Taschentücher spielt. Pohl stellt derweil Fragen, die den Teilnehmern helfen sollen, sich in das Baby hineinzuversetzen, etwa Thees sein Schnullerband inspiziert: „Warum macht er das?“ „Das macht ihm Spaß!“, ruft eine Bewohnerin. Der Besuch des kleinen Jungen soll aber nicht nur die Empathiefähigkeit der Teilnehmer fördern, sondern auch beim Erinnern helfen. „Gefühle kennen keine Demenz“, erklärt Christoph Moormann. Durch Thees‘ Anblick kommen oftmals elterliche Gefühle hoch und die Senioren erinnern sich, wie es war, als ihre Kinder klein waren. Eine ältere Dame etwa ist sich nicht mehr ganz sicher, wie viele Kinder sie hat, aber sie weiß, dass alle so gerne nach umliegenden Sachen gegriffen haben wie Thees.

Positive Effekte

Seit zweieinhalb Jahren läuft das Projekt, das inzwischen auch im Osnabrücker Paulusheim sowie einem Heim am Niederrhein durchgeführt wird. „Und es stehen noch ganz viele andere in den Startlöchern“, erklärt Christoph Moormann. Erste Auswertungen zeigen, dass das Babywatching einen ähnlichen Effekt auf Senioren wie auf Kinder und Jugendliche hat: Die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert sich, Angst nimmt ab, das Wohlgefühl steigt. „Es eine große Freude, die da transportiert wird“, so Moormann.

Baby bleibt in Erinnerung

Das erstaunlichste ist aber vielleicht, wie präsent die Kinder im Alltag der Senioren sind. So fragen die Bewohner immer noch nach David, dem ersten Projektbaby, obwohl er seit neun Monaten nicht mehr in das Heim kommt. „Sie wissen ganz vieles nicht mehr, daher ist es erstaunlich, dass sie sich so aktiv an das Baby erinnern“, meint Pohl. Eine Bewohnerin, die kaum spricht und bestenfalls mit „Ja“ und „Nein“ antwortet, blüht regelrecht auf, sobald Thees‘ Besuch bevorsteht: „Das ist ein „Hallo-Wach“-Moment, der den ganzen Tag anhält, wie eine Droge“, erklärt Betreuerin Manuela Ziegler, die die Gruppe gemeinsam mit Pohl leitet. Auch andere Teilnehmer würden bereits am Mittwochmorgen fragen: „Gehen wir heute zu dem Kind?“ „Die Leute wissen nicht mehr, wo der Frühstücksraum ist, aber sie wissen, dass Thees kommt“, berichtet Christoph Moormann.

„Wir-Gefühl“

Ein weiterer Effekt: Das Babywatching stärkt die Bindung der Teilnehmer untereinander. Es entwickelt sich ein „Wir-Gefühl“, das auch Thees mit einschließt. „Sie nennen ihn ‚unser Baby‘“, meint Angelika Dreier vom Hermann-Bonnus-Haus. „Er ist für sie ein Teil der Familie“, so Pohl. Eine zweite Gruppe Demenzkranker, die gerade Baby Theo verabschiedet hat, kann es kaum erwarten, wieder ein Kleinkind in ihrer Mitte zu begrüßen. „Es gibt diesen Wunsch, diese Gefühle wieder zu erleben“, so Dreier. Groß ist auch die Freude, wenn Postkarten von David oder Theo das Altersheim erreichen.

Thees genießt die Aufmerksamkeit

Aber auch die Betreuer sind fasziniert von dem Projekt. Immer wieder schaut mal einer durch die Tür, um zu sehen, was Thees so treibt. „Uns geht hier allen das Herz auf“, meint Dreier lachend. Und auch für Thees selbst ist das Babywatching eine tolle Sache, erklärt seine Mutter Anja: „Es ist schön für ihn, in so freundliche Gesichter zu schauen. Das sind 20 Minuten, die nur ihm gehören, das genießt er total.“


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