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Neue Wege in der Bestattungskultur Café und Lesegarten auf dem Johannisfriedhof?

Von Cornelia Achenbach

Haben viele Ideen für den Johannis- und den Hasefriedhof: Prof. Jürgen Milchert und Niels Biewer von der Hochschule Osnabrück. Foto: Michael HehmannHaben viele Ideen für den Johannis- und den Hasefriedhof: Prof. Jürgen Milchert und Niels Biewer von der Hochschule Osnabrück. Foto: Michael Hehmann

Osnabrück. Was soll nur aus dem Hase- und dem Johannisfriedhof werden? Diese Fragen stellen sich zur Zeit Prof. Jürgen Milchert und Niels Biewer von der Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur der Hochschule Osnabrück.

Immer weniger Menschen lassen sich traditionell beerdigen. „Die Bestattungskultur erlebt derzeit einen paradigmatischen Wandel“, sagt Jürgen Milchert. Im Jahr 2010 sind 46 Prozent der Verstorbenen kremiert worden, sagt ein Bericht des Bundesverbands Deutscher Bestatter. Immer mehr Deutsche entscheiden sich für eine Beerdigung in einem Friedwald oder lassen ihre Asche verstreuen. „Manche fahren in die Niederlande oder nach Polen, wo es keinen Friedhofszwang gibt, und lassen ihre Angehörigen dort einäschern. Die Urnen stellen sie dann bei sich zu Hause in den Schrank, manche lassen die Asche auch zu einem Diamanten pressen“, erläutert Milchert.

Der Friedhof verliert an Bedeutung. In Osnabrück sollen Ende 2015 der Johannis- und der Hasefriedhof entwidmet werden. Dass es nicht einfach damit getan ist, den Friedhof zum Park zu erklären, zeigen viele Beispiele in Deutschland. Oft verkommen die neuen Freiräume zum Treffpunkt von Drogen- und Alkoholabhängigen, Grabsteine werden beschmiert und umgekippt, Spaziergänger trauen sich kaum noch auf die Grünflächen.

Damit das in Osnabrück anders läuft, versuchen Milchert und Biewer nun ein „Osnabrücker Modell“ zu entwickeln. „Ich bin durch ganz Deutschland und viel durchs Ausland gereist, aber eine richtig gute Lösung habe ich noch nicht gefunden“, sagt Biewer. Deswegen wollen die Wissenschaftler ein eigenes Konzept entwickeln, sodass der Charakter eines Friedhofs erhalten bleibt, jedoch eine andere Nutzung zugelassen wird.

Andere Nutzung könnte sein: Spazieren gehen, Erholung, Bildung. Der Johannisfriedhof ist rund 200 Jahre alt und könnte zu einer Art Freilichtmuseum umgestaltet werden. Auch der Baumbestand und die Vogelwelt rund um den Friedhof sind interessant, Auskunftstafeln könnten Spaziergänger darüber informieren.

„Ein Student hat uns einen Lesegarten vorgeschlagen“, sagt Milchert. Friedhofsbesucher könnten sich aus einem öffentlichen Bücherregal ein Buch nehmen und sich zum Lesen auf eine Bank setzen. Der Friedhof soll die Ruhe zur Lektüre bieten.

Wichtig ist aber, dass die „soziale Kontrolle“, wie der Professor es ausdrückt, gewährleistet ist. „Ich habe einige Anwohner befragt“, sagt Biewer. Immer wieder wurde über Spritzen von Drogenabhängigen und über große freilaufende Hunde geklagt. Gerade Frauen haben oft Angst, alleine auf den Friedhof zu gehen. „Deswegen hatten wir auch über ein Café nachgedacht“, sagt Milchert. Hier hätten ältere verwitwete Frauen auch die Gelegenheit, Gleichgesinnte zu treffen – gemeinsam ist man einfach mutiger. Auch die dichten Hecken sollen künftig weichen, sodass die dunklen Ecken des Friedhofs verschwinden, vor denen sich Besucher besonders fürchten. „Aber soziale Kontrolle ist ein Prozess, das geht nicht von heute auf morgen“, sagt Milchert. Vielleicht müsste man nachts die Tore schließen. Vielleicht braucht man einen Parkwächter. Auch elektronische Überwachung wäre eine Möglichkeit. „Aber darauf soll es eigentlich nicht hinauslaufen“, sagt Biewer.

Im Zusammenhang mit Bestattungskultur lassen sich die Wissenschaftler übrigens von der jüdischen und muslimischen Bestattungskultur inspirieren. Dort sind Grabstätten Orte der Ewigkeit, sodass das Andenken an den Verstorbenen dauerhaft präsent bleibt. „Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, dass Grabstätten nicht vollständig abgeräumt werden, sondern die Namen und Lebensspanne sichtbar bleiben“, überlegt Milchert.