Selbstversorger und Müßiggänger Kleingärtnerverein „Deutsche Scholle“ feiert 100-Jähriges



Osnabrück. Warum sich hinter dem Namen „Deutsche Scholle“ Gärten verbergen und kein Fisch, müsse er oft erläutern, sagt Emil Zuleia bei einem Rundgang durch die Kleingartenkolonie im Stadtteil Wüste. Der Verein feiert am Samstag am Vereinsheim sein 100-jähriges Bestehen.

Vom Weg aus ist es gar nicht so einfach, einen Blick in den Garten von Margret und Uwe Schmidt zu werfen. Er ist – typisch für Schrebergärten – von einer Hecke umsäumt. Aber kaum öffnen die beiden ihr Gartentor, zeigt sich die ganze Pracht: Rechts und links vom Weg sind die Beete üppig bestückt mit Kürbis- und Zucchini-Pflanzen, Möhren, Kohlrabi, Brombeerhecken, Bohnen, Mangold und sonstigem Obst und Gemüse.

Gewächshaus zum Vorzüchten

Überall wachsen die Früchte üppig. Nur die Salatpflanzen sind noch etwas klein. „Wir haben jetzt die ersten Kartoffeln geerntet und auf die frei werdende Fläche Salat gesetzt“, erläutert Margret Schmidt das Konzept, zu dem auch ein Gewächshaus zum Vorzüchten gehört. Seit 18 Jahren pflegen sie und ihr Mann ihren Schrebergarten in der Deutschen Scholle. „Es sind Selbstversorger“, hatte Emil Zuleia vor dem Besuch nicht ohne Stolz angekündigt.

Wer den Garten sieht, glaubt das sofort. Sorge um zu wenig Ernte für den eigenen Speiseplan macht das Paar sich offenbar nicht. Bei der Frage danach, was sie machen, wenn die Ernte schwankt, sagt die Gärtnerin: „Das, was zu viel ist, verschenken wir.“ Emil Zuleia ergänzt: „In den Genuss bin ich auch schon gekommen.“

Frühreifes Gemüse

Ernteprobleme wegen des Regens haben die Schmidts nicht. Im Gegenteil. Einige Gemüsesorten seien in diesem Jahr etwa zwei Wochen früher reif als sonst. Deswegen geht es auch schon früher damit los, das Geerntete für den Winter haltbar zu machen. Die beiden kochen viel ein und wissen genau, was im Garten bleiben kann, um bis in den Januar hinein frisch zu ernten. Außerdem stehen ihnen drei Kellerräume für die Lagerung zur Verfügung. Weiterlesen: NOZ-Redakteur berichtet aus der Kleingartensiedlung

„Weil es besser schmeckt“, lautet die Antwort der Schmidts auf die Frage, warum sie sich selbst versorgen. Die beiden bauen alles biologisch an, Chemiekeulen kommen ihnen nicht auf die Beete. Und selbst für Fleisch müssen sie nicht zum Bauern oder in den Supermarkt. Das schießt Uwe Schmidt im Wald. Er hat einen Jagdschein.

Den Anfang machten russische Gefangene

Selbstversorger waren auch die ersten Gärtner, die das Gelände im Stadtteil Wüste beackert haben. Russische Gefangene aus dem Ersten Weltkrieg haben die damals 48 Gärten urbar gemacht, erläutert Zuleia: „Das waren damals 600 Quadratmeter pro Garten.“

„Russengärten hinter Moskau“ hat der Verein geheißen, der am 22. Februar 1916 gegründet worden war . Den heutigen Namen spricht Zuleia schnarrend militärisch aus. Denn die Nationalsozialisten haben 1933 den Verein in „Deutsche Scholle“ umbenannt.

704 Gärten

Heute umfasst die Kleingartenkolonie 32 Hektar Land, aufgeteilt auf 704 Gärten. Anfang der 1950er Jahre seien es noch mehr als 1000 Gärten gewesen, erinnert sich Zuleia. Denn auch nach dem Zweiten Weltkrieg seien viele Osnabrücker darauf angewiesen gewesen, sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen.

Das hat sich verändert. Zwar gibt es bis heute die gesetzlich verbriefte Pflicht, dass ein Drittel des Geländes für den Anbau von Obst und Gemüse genutzt werden muss. Viel wichtiger sei manchen heute aber der Kleingarten als Ort der Erholung, erzählt Zuleia. Zwar sei Gärtnern aktuell wieder im Trend. Viele junge Familien aber gäben den Garten nach wenigen Jahren wieder ab. „Das war früher anders. Wer einen Garten hatte, der behielt ihn über 40 Jahre.“ Weiterlesen: Deko im Kleingarten

Flüchtlingsgärten

Neu sind in der Deutschen Scholle die Flüchtlingsgärten. Auf Initiative von terre des hommes wurden – und manche werden es noch – vier Parzellen hergerichtet, die von Flüchtlingsfamilien bewirtschaftet werden. Sie können hier eigenes Gemüse und Obst anbauen und haben einen Rückzugsort. Unterstützt wird das Projekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, organisiert wird es von Outlaw (Gemeinnützige Gesellschaft für Kinder- und Jugendhilfe mbH) und der Deutschen Scholle. Das Projekt wendet sich nicht nur an Flüchtlinge. So sollen auch die anderen Vereinsmitglieder auf diese Weise mehr über die Situation von Flüchtlingen erfahren.

Nur wenige Meter vom Garten der Schmidts entfernt, nimmt es ein Gärtner mit der Beetpflege nicht so genau. Der Rasen sprießt, die Beete sind mit Unkraut überwuchert. Anlass für einen der Nachbarn, ein Schild an die Gartentüre zu hängen, auf dem steht: „Unkraut zu verkaufen wegen hoher Nachfrage. Nur an Selbstpflücker.“

Vorsitzender Zuleia

Zuleia grinst. Hier wird er wohl einschreiten müssen. Immerhin ist es eine der Aufgaben des Vereinsvorsitzenden, für Ordnung zu sorgen. Seit 2010 hat Zuleia diesen Posten bei der „Deutschen Scholle“. 1982 haben er und seine Frau Rosanna einen Garten genommen, 1994 ging Emil Zuleia in den erweiterten Vorstand, neun Jahre später wurde er Kassenwart.

Sein Garten ist gepflegt. Rosanna Zuleia sammelt gerade Fallobst auf, um die Äpfel in Eimern an den Weg zu stellen. Damit macht sie das, was auch für die Schmidts üblich ist: Überschüssige Ernte wird verschenkt.


Gärtnern und kochen

Wie auch das kleinste Stück Erde in einen Garten umfunktioniert werden kann – und wie die Ernte zu Köstlichkeiten verarbeitet wird, erläutern Nadja Buchczik und Anton Enns in ihrem Buch „Gärtnermahl“. Schön bebildert, erläutern sie die Vorbereitung der Beete, die Auswahl von Pflanzen und Saatgut bis hin zur Zubereitung von Köstlichkeiten. Tipps aus der Praxis machen das Buch zu einem fundierten Nachschlagewerk.

Nadja Buchczik und Anton Enns: Gärtnermahl. Säen, ernten, kochen. Edition Emil Fischer, 2016, 176 Seiten, 24,99 Euro.

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