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Vor 75 Jahren gegründet Das Osnabrücker Widukindland – Stadtteil der ungewöhnlichen Straßennamen

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Osnabrück. Kein anderer Stadtteil ist so sehr Wohngebiet wie das Widukindland. Es gibt kaum noch Geschäfte, und die Gewerbebetriebe sind an einer Hand abzuzählen. Das Widukindland gilt als der unbekannte Stadtteil von Osnabrück, der auch 75 Jahre nach der Entstehung einen gewissen dörflichen Charme bewahrt hat.

Das Gebiet zwischen Gartlager Weg und Belm-Powe war ein bedeutendes Siedlungsprojekt der NS-Zeit – mit dem vollen ideologischen Anspruch. Der „schaffende deutsche Mensch“ sollte „durch die Bewirtschaftung eines Ackerlandes blutmäßig mit der Heimaterde verwachsen“, schrieb das Osnabrücker Tageblatt am 28. Juli 1938. Damals waren im ersten, westlichen Bauabschnitt bereits 102 Wohnhäuser fertiggestellt. Weitere 285 sollten folgen. Die Parzellen waren groß, bei der Planung wurde darauf geachtet, dass zu jedem Haus ein Garten zur Selbstversorgung angelegt wurde. „Mustergültig und vorbildlich wird hier die Siedlungsfrage aufgegriffen und gelöst“, kommentierte die Zeitung. „Ein sichtbarer Ausdruck nationalsozialistischen Wollens für Volk und Vaterland.“

Die Straßennamen zeugen bis heute vom größenwahnsinnigen Zeitgeist der Dreißigerjahre. Das Vaterland und die Kameradschaft wurden beschworen, wobei der Heimat- und der Freiheitsweg schon seit 1922 bestanden und die Freundschaft erst 1953 hinzukam. Östlich des Ickerweges sollte an die germanischen Vorfahren erinnert werden: an Geva, die Frau des sächsischen Herzogs Widukind, der dem Stadtteil seinen Namen gab, an Abbio, dessen Schwiegersohn, an die Cherusker, Friesen und Teutonen – um nur einige zu nennen.

Seit 1940 Der Fernmeldeturm auf dem Schinkelberg: Betonbau mit Ausstrahlungskraft im Stadtteil

In diese Reihe gehört auch der Westfalenweg, an dem seit 72 Jahren Margrit Rühlemann zu Hause ist. Sie war acht, als ihre Eltern im September 1940 das Einfamilienhaus bezogen. Wegen des Krieges wurde kurz danach jede Bautätigkeit in der Mustersiedlung eingestellt. Erst in den Fünfzigerjahren wurde der zweite Abschnitt des Widukindlandes vollendet. Weitere Häuser folgten später östlich des Bahlweges.

Margrit Rühlemann hat noch viele Erinnerungen an die unmittelbare Nachkriegszeit, an die Bombenkrater und Wasserlöcher, in denen Kröten lebten, an die gute Nachbarschaft und die rauschenden Feste des Siedlerbundes. Die schlechte Versorgungslage traf die Bewohner des Widukindlandes nicht so sehr, da die bis zu 1200 Quadratmeter großen Grundstücke genügend Platz boten, um Gemüse anzubauen. Alle Familien hatten einen Stall mit Kleinvieh. „Wir hatten Hühner, Kaninchen, ein Schwein und zwei Ziegen“, erzählt die 80-Jährige. Sie lebe nach wie vor „sehr gerne“ im Stadtteil, auch wenn früher der Zusammenhalt besser gewesen sei und die Leute sich freundlicher gegrüßt hätten.

Anders als Margrit und Max Rühlemann haben viele Nachbarn das Nebengebäude im Garten inzwischen abgerissen, um Platz für neue Einfamilienhäuser zu machen. „Bauen in zweiter Reihe“ heißt das Programm, mit dem die Stadtverwaltung seit einigen Jahren den Zuzug junger Familien ins Widukindland ermöglicht. Das ist der vierte Bauabschnitt im Stadtteil, wenn man so will. Der evangelische Pastor Stephan Feldmann freut sich über diese Entwicklung, denn lange war die Zahl der Gemeindemitglieder rückläufig. Sein Arbeitsplatz, die 1959 eingeweihte Timotheuskirche, ist eine echte Sehenswürdigkeit im Widukindland. Sie gilt als gelungenes Beispiel der modernen Sakralbaukunst der Fünfzigerjahre. Als Kontrast zur katholischen Bonifatiuskirche, die in Sichtweite ein Jahr vorher fertiggestellt worden war, schuf Architekt Max Berling einen achteckigen Zentralraum mit schlankem Glockenturm.

Im Inneren ist die Ausstattung der Entstehungszeit weitgehend erhalten. Beindruckend sind vor allem das Westfenster mit der Schöpfungsgeschichte und das Mosaik „Die Gottesstadt“ an der Ostwand hinter dem Altar – beides vom Hamburger Künstler Gerhard Hausmann. Die Bücherei und der Gemeindesaal sind durch Schiebetüren vom Kirchenraum abgetrennt, der je nach Bedarf vergrößert oder verkleinert werden kann. Bis zu 350 Besucher finden dann Platz. Stephan Feldmann, seit vier Jahren mit halber Stelle im Widukindland tätig, ist von der baulichen und theologischen Konzeption der Timotheuskirche begeistert.

TSV als soziale Stütze

Neben den Kirchengemeinden, der 1952 eröffneten Schule und den beiden Kindergärten zählt der TSV Widukindland zu den sozialen Stützen des Stadtteils. Der 1955 gegründete und 850 Mitglieder zählende Turn- und Sportverein sehe seine Aufgaben vor allem im Breitensport und in der Jugendarbeit, sagt der Vorsitzende Hartmut Thies, der 1972 durch Heirat ins Widukindland gekommen ist. Wie sehr der TSV mit dem Stadtteil verwurzelt ist, wird an der öffentlichen Boule-Anlage deutlich, die der Verein vor zwei Jahren auf dem Widukindplatz errichtet hat. Dienstags um 18 Uhr, wenn die Glocken beider Kirchen leicht zeitversetzt läuten, gehen TSV-Mitglieder hier ihrer neuen Leidenschaft nach.

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