Dieser Zug fährt niemals ab Wandgemälde „Musikexpress“ in Osnabrück-Wüste ist fertig

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Osnabrück. Vor 30 Jahren begann die Osnabrücker Künstlerin Angelika Walter ihr Wandgemälde „Musikexpress“ unter einem Osnabrücker Bahntunnel. Das Bild machte sie über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und brachte viele Menschen zusammen. Am 13. August wird um 15.12 Uhr die Fertigstellung gefeiert.

An einem noch kühlen Morgen im April 1968 macht sich die junge Angelika Walter auf zu einer Bahnunterführung im Stadtteil Wüste. Unter ihrem Arm Malpalette und Pinsel. Von ihrem Atelier ist es nicht weit zum windigen Tunnel an der Limberger Straße, wo sie um fünf Uhr beginnt, die Wand zu bemalen. Sie ist extra früh gekommen, damit sie niemand sieht. Denn sie malt damals das erste Mal in der Öffentlichkeit, die Aufregung ist groß. Bald kommt ein Passant vorbei und ruft die Polizei. Er kann noch nicht ahnen, was hier entstehen soll.

Passanten bringen Pralinen

Heute ist die Künstlerin Angelika Walter keine Unbekannte mehr und ihr Gemälde „Musikexpress“, das sie vor 30 Jahren begann, schließlich fertiggestellt. Zwei über 90 Meter lange Wände in der von außen eher unscheinbaren Bahnunterführung sind mit leuchtenden Bildern überzogen. Man ruft auch nicht mehr die Polizei, wenn man Angelika Walter sieht, man bringt ihr Geschenke.

„Hallo, Frau Walter!“ ruft ein Autofahrer, der langsam vorbeigefahren kommt, aus seinem Wagen. Aus dem Fenster reicht er eine Schachtel mit Pralinen. Angelika Walter nimmt sie lächelnd entgegen. Es ist der gleiche Herr aus der Nachbarschaft, der ihr vor 30 Jahren eine große Leiter auslieh, mit der sie ihr Wandbild in die Tunnelhöhe malen konnte.

Passanten erzählen von ihrem Leben

Walters Freiluftatelier hat sich über die Zeit zu einer Begegnungsstätte für den Stadtteil Wüste entwickelt. Autos, Fahrradfahrer, Jogger mit Hunden, es gibt immer viel Durchgangsverkehr. Viele Menschen kamen regelmäßig vorbei, um ihr beim Arbeiten zuzuschauen. Einige blickten ihr dabei wortlos über die Schulter, andere verwickelten sie in lange Gespräche und erzählen von ihren Sorgen. Kleingärtner brachten frisches Obst vorbei, Nachbarn versorgten sie mit Süßem. Nach dem Motto: Künstler sollen nicht hungern müssen.

„Wie eine leere Leinwand“

Angelika Walter begann den ersten Teil des Musikexpresses 1986 im Rahmen des Projekts „Kunst in der Stadt“. Mit Mitteln des Kulturamtes wurden damals junge Maler für ein Jahr unter Vertrag genommen, um im Stadtbild farbige Akzente zu setzen. Walter hatte sich einen Bahntunnel ausgesucht, der damals erst frisch renoviert worden war. „Es sah wie eine leere Leinwand aus“, erzählt sie. Die Deutsche Bahn stellte die 350 Quadratmeter große Fläche zur Verfügung.

Donnernde Züge über‘m Kopf

Selbst im Sommer ist es hier sehr kühl, der Wind pfeift hindurch. „Es ist ein zugiger Ort, im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Angelika Walter. Immer wieder rauscht ein Zug über ihrem Kopf hinweg, dann vibrieren die Wände und es schallt. Eigentlich ein sehr ungemütlicher Ort zum Malen. Es gibt kein Fließendwasser und keinen Strom. Wie beim Camping organisierte sich Walter mit Wasserkanister und Klappstühlen. In den ersten Tagen ihrer Arbeit sei sie immer zusammengezuckt vom Lärm der donnernden Züge. Doch mit der Zeit nahm sie ihn kaum noch war.

Dampflok als Saxofon

Die Geräuschkulisse, die Echos inspirierten sie zum „Musikexpress“. Innerhalb von sechs Monaten entstand mit Fassadenfarben ein surrealistischer Zug, der aus verschiedenen Instrumenten besteht. Ein Saxofon sieht aus wie eine Dampflok, es gibt ein Klavier, das davon zu fliegen scheint, Noten schwingen im Wind. Mit zarten Haarpinseln malte sie feine Schattierungen, vier Zentimeter dicke Pinsel dienten fürs Gröbere. Die Arbeit machte sie in Stadt und Landkreis Osnabrück bekannt und verschaffte ihr einige Privataufträge.

Dank Spenden wächst das Bild

Zum großen Entsetzen der Künstlerin verschwand ihr Bild zwischenzeitlich unter grellen Graffitis. Der Bürgerverein Wüste konnte mehrere tausend Euro Spenden für die Wiederherstellung einsammeln. Jedoch musste die Künstlerin den größten Teil des bunten Fantasiezuges völlig neu malen, mithilfe von archivierten Skizzen gelang es.

Auf der gegenüberliegenden Seite entstand seit 2011 mit Spenden der Bürgerstiftung und Geldern der Stadt der „Musikexpress II“, das Pendant zum ersten Bild. Die Jugendfeuerwehr Osnabrück Stadtmitte reinigte die Flächen , bevor sie grundiert und mit einem 12-teiligen Zyklus bemalt wurden. Persönlichkeiten wie Goethe, Tina Turner oder das Picasso-Modell Marie-Thérèse Walter sitzen in Zugabteilen und schauen auf eine weite Landschaft, die sich im Rhythmus der Jahreszeiten verändert.

Das längste Wandgemälde Deutschlands

Einen Rekord habe sie nicht im Sinn gehabt, als sie die Bilder malte, versicherte Angelika Walter. Und doch habe ihr ein Berliner Experte für Fassadenbilder vor ein paar Jahren mal mitgeteilt, dass der „Musikexpress“ vermutlich das längste Wandgemälde Deutschlands und vielleicht sogar Europas sei, das von einem einzelnen Künstler gemalt wurde. Viel wichtiger als Superlative ist der Künstlerin, dass der trostlose Tunnel zu einem geselligen Ort geworden ist.

Kaffekränzchen und Tina Turner

Die Menschen aus dem Viertel haben gemeinsame Aktionen wie Kaffeetafeln, Tanzveranstaltungen oder Lesungen organisiert. An Goethes Geburtstag, dem 28. August, findet immer ein Lyrik-Fest unter der Brücke statt, Gedichte werden vorgetragen. Auch an Tina Turners Geburtstag versammelt man sich hier, es wird Glühwein getrunken. Besonders glücklich ist Angelika Walter, wenn ihr völlig Fremde berichten, dass der „Musikexpress“ ihr Leben veränderte.

Verlobung im Tunnel

Eine Passantin erzählte ihr, dass das Bild sie dazu inspiriert habe, im Alter von über 40 Jahren mit dem Trompetespielen anzufangen. Ein Paar soll sich vor dem Gemälde sogar verlobt haben. Die Geschichten klingen kitschig, aber sie seien wahr. „Ich war selbst verblüfft, wie mein Gemälde die Menschen zusammenbringt“, sagt Walter.

Auf die Frage, ob sie jetzt, wo der Zug fertig ist, auch mal selbst verreise, sagt Angelika Walter mit leuchtenden Augen: „Ich reise nicht, ich brauche das nicht, ich habe ja den Musikexpress.“


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