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Spuk dauerte nur Sekunden Als der Tornado in Belm wütete – Erinnerungen zehn Jahre nach der Katastrophe

Von Heinz Schliehe

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Belm/Osnabrück. Plötzlich war im Belmer Ortskern nichts mehr so, wie es noch wenige Minuten vorher war. Kurz vor 21 Uhr raste am 6. August 2001 ein Tornado durch den Ort und hinterließ vom Heideweg über den Marktring bis zur Ringstraße eine Schneise der Verwüstung. Heute, genau zehn Jahre später, ist davon nichts mehr zu sehen.

Doppeltes Glück hatte Jürgen Kaschner. Sein Haus am nordöstlichen Ortsrand von Belm blieb von den Auswirkungen des Tornados verschont. Aber er hatte gerade seine Kamera zur Hand und konnte die vom Schinkelberg herannahende Windhose fotografieren. Eine seltene Dokumentation. Das Foto war gefragt in der Medienwelt. „Schade, dass die Tantiemen nicht mehr fließen“, meinte er jetzt, darauf angesprochen. Vor zehn Jahren hatte er aber auch furchtbare Angst. Er lief schnell durchs Haus und ließ die Rollläden herunter. Die Vorsorge war zum Glück nicht nötig. Aber noch Tage später fand man rund herum auf den Äckern Kunststoffteile, die der Tornado in die Höhe gerissen hatte, um sie dann bis zu mehrere Kilometer weit zu schleudern.

Millionenschaden

Doch nicht alles, was der Tornado durch die Luft wirbelte, wurde später wiedergefunden. Das soll auch auf eine Tischkreissäge zutreffen, die am Kran auf der Baustelle für die Erweiterung des Altenheims hing. Hagen Wegner, ein Nachbar von Kaschner, beobachtete zusammen mit seinen beiden Söhnen, damals 9 und 10 Jahre alt, die Windhose. Plötzlich kam die Tischkreissäge in Schwingung. Dann war sie in den Wolken verschwunden.

Der Schaden, der durch den Tornado entstanden war, ging in die Millionen. Manchmal gab es auch Rangeleien mit den Versicherungen, besonders bei einer Unterversicherung des Gebäudes und des Hausrates. Doch meistens war die Regelung des Schadens recht großzügig.

Auch Familie Bruns hatte da keine Probleme. Irene Bruns kann sich noch gut an das Geschehen vor zehn Jahren erinnern: Zunächst war da ein sehr hoher Ton. Sachen flogen durch die Luft. Eine große Platane vor dem Haus wurde wie ein Streichholz abgedreht und knallte auf das Haus. Das Dach wurde teilweise abgedeckt. Die Dachrinne war kaputt. Ebenso die Dachfenster. Im Garten erfasste der Wirbelsturm die nächste Platane. Ein Partyzelt, das im Garten stand, landete im Baum. Nach wenigen Sekunden war der Spuk vorbei, schildert Irene Bruns ihre Beobachtungen. Viele Bekannte hätten anschließend angerufen und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt. Von der Versicherung sei jemand vorbeigekommen, habe sich alles angeschaut und einige Fotos gemacht. Heute deutet nichts mehr auf die damalige Katastrophe hin.

Säugling gerettet

Hart getroffen hatte es damals auch das Haus des Belmer Bäckermeisters Harald Schulte. Das Flachdach war einschließlich der Dämmung abgedeckt, die Markise vom Wintergarten gerissen, die Wasserschäden durch den Regen gewaltig. Wenige Augenblicke, bevor der Tornado im Wintergarten zuschlug, hatte Harald Schulte seine eindreiviertel Jahre alte Enkelin aus dem Wintergarten geholt und auf den Arm genommen. Als die Dachfenster vom Wind herausgerissen wurden, wurde Schulte mit dem Säugling auf dem Arm gegen die Wand gedrückt. Er dachte damals zunächst an einen Flugzeugabsturz oder eine Explosion.

Acht Wochen dauerten die Aufräum- und Sanierungsarbeiten. Probleme mit der Versicherung gab es nicht. Er hatte gerade ein halbes Jahr zuvor die Versicherung angepasst. Denn unter seiner Wohnung befanden sich die Backstube und das Café. An beiden entstanden keine Schäden. Trotzdem bleibt die Erinnerung nachhaltig an das damalige Geschehen. Bei Gewitter oder Unwetter geht der Blick heute sorgenvoll in Richtung Schinkelberg.

Auch die damalige Leiterin der Grundschule Powe, Hedlies Westerheider, kann sich gut an den Tornado erinnern. Montagabend hatte die Windhose gewütet. Am Donnerstag war Ferienende und am Samstag die Einschulung der i-Männchen. Das Dach war abgedeckt, ein Baum durch ein Fenster gestürzt, und der Regen sorgte für Überschwemmungen in der Schule. Wann der Unterricht wieder beginnen konnte, war zunächst unklar. Doch Dachdecker und Lehrerkollegium hielten sich ran, um die nötigsten Arbeiten zu erledigen. So konnte der Unterricht nur mit einem Tag Verzögerung wieder aufgenommen werden. Das Dach war allerdings für einige Zeit ein bunter Flickenteppich, bis neue Ziegel geliefert wurden. Beim ehemaligen gegenüberliegenden Kindergarten hatte der Sturm unter anderem für ein Chaos bei den abgestellten Rollern und Kettcars gesorgt, erinnert sich die ehemalige Schulleiterin.

Dunkle Wolken

Bürgermeister Bernhard Wellmann saß damals gerade in einer Fraktionssitzung, als er die dunkle Wolke auf das Rathaus zukommen sah. Dicke Balken und Wellblechstücke wirbelten durch die Luft. Kurz vor dem Rathaus steuerte dann die Windhose auf den Marktring zu. Am nächsten Tag kaufte die Gemeinde erst einmal einige Kettensägen, um die abgeknickten und entwurzelten Bäume zu beseitigen. Der Bürgermeister erinnert sich aber auch noch daran, dass sehr schnell viele Dachdecker zur Stelle waren, die offenbar ein gutes Geschäft witterten.

Völlig überrascht wurde die Belmer Feuerwehr von der Windhose. Die leitenden Mitglieder tagten gerade im Dienstzimmer, im Osten des Feuerwehrgerätehauses, als die Windhose von Westen herankam. Die Fenster waren offen. Plötzlich flog die Tür aus den Angeln. Laub und Unrat wehten ins Haus. Eine große Weide am Löschteich vor dem Gerätehaus wurde von dem Wirbelwind aus der Erde zogen, einige Meter angehoben, um dann in den Teich zu stürzen. Vom Fenster aus konnte man sehen, wie die Windhose weiterzog, erinnert sich Gemeindebrandmeister Aloys Wilker.

Drei Tage im Einsatz

Schnell wurde klar, dass das Dach des Feuerwehrgerätehauses erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden war. Klar wurde aber ebenfalls, dass die Belmer Feuerwehr allein den entstandenen Schäden nicht gewachsen war. So gab es Großalarm für die benachbarten Wehren. Zunächst wurden die verwüsteten Waldgebiete hinter der Feuerwache und der Grundschule nach möglichen Verletzten abgesucht. Doch zum Glück gab es weder dort noch anderswo Verletzte. 250 Einsatzkräfte waren zeitweise vor Ort. Auch das Technische Hilfswerk leistete Unterstützung. Erst nach drei Tagen war der Einsatz der Feuerwehr beendet.


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