Unsicherheitsfaktor Brexit Osnabrücker bringt britische Pulvernahrung nach Deutschland

Von Stefanie Hiekmann

Der Osnabrücker Stefan Kullack (rechts) erschließt als „Country Manager Germany“ für die britische Firma „Huel“ zurzeit den deutschen Markt. Dabei arbeitet er eng mit „Huel“-Gründer Julian Hearn zusammen. Foto: Tim UrchDer Osnabrücker Stefan Kullack (rechts) erschließt als „Country Manager Germany“ für die britische Firma „Huel“ zurzeit den deutschen Markt. Dabei arbeitet er eng mit „Huel“-Gründer Julian Hearn zusammen. Foto: Tim Urch

Osnabrück. Der Osnabrücker Stefan Kullack ist nach seinem BWL-Studium nach Aylesbury in England gegangen. Sein Job: Er soll die Marke „Huel“ nach Deutschland holen. Der bevorstehende Brexit macht diese Aufgabe nicht einfacher.

Irgendwann, als er an seiner Masterarbeit schrieb, hat sich Stefan Kullack darüber Gedanken gemacht, wie viel Zeit am Tag er wohl für die Zubereitung und den Verzehr von Essen verwendet. Frühstück, Mittagessen, vor- und nachmittags kleine Snacks und dann noch das Abendessen: „Da kommt man schnell auf drei bis vier Stunden“, sagt er. Zeit, die er zugunsten seiner Abschlussarbeit gerne reduzieren wollte.

Im Internet suchte er nach Nahrungsmitteln, die ihn ohne aufwendige Zubereitung ausgewogen mit allen wichtigen Nährstoffen versorgen können. Dahinter verbergen sich meist Pulver-Drinks, die mit Wasser im Shaker angerührt werden und dann sowohl zu Hause als auch unterwegs für den kleinen oder auch größeren Hunger bereitstehen. Eine der Marken, die er bei seiner Suche entdeckte und für wohlschmeckend befand, war „Huel“. Das britische Start-up ist eines von zunehmend mehr Firmen, die Trinknahrung anbieten, die den kompletten Nährstoffbedarf eines Menschen abdecken soll.

Nur abends feste Nahrung

Zunächst war Kullack also „Huel“-Kunde und schaufelte sich so mehr Zeit für seine Abschlussarbeit frei: Morgens Drinks anrühren, tagsüber arbeiten und nur abends etwas „Normales“ essen. Was sicherlich nicht jedermanns Sache ist, war für Kullack ein praktisches und zufriedenstellendes Modell.

Als BWL-Absolvent mit Fokus auf Innovationsmanagement fragte er sich dann Anfang des Jahres: Warum eigentlich nicht für „Huel“ arbeiten? Gesagt, getan: Initiativ bewarb sich der Osnabrücker, der in Konstanz und Berlin studiert hat, bei der Firma, die ihren Sitz nordwestlich von London in der 60.000-Einwohner-Stadt Aylesbury hat. Sein Vorschlag: Er könnte doch für das Start-up, das seine Produkte ausschließlich über das Internet vertreibt, den Markt in Deutschland erschließen.

Weiterlesen: Ersetzt Astronauten-Nahrung bald das Essen?

Vom Kunden zum Mitarbeiter

„Huel“ biss an – und Kullack wurde vom Kunden zum Mitarbeiter. Mittlerweile sitzt er tagsüber vor Ort in der Hauptstadt der englischen Grafschaft Buckinghamshire und baut die notwendigen Strukturen für den deutschen „Huel“-Markt auf. Übersetzungen von Webseiten, Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern, Social-Media-Betreuung und die Kommunikation mit deutschen Institutionen wie dem Finanzamt – all dies sind die Aufgaben, die der Absolvent der Gesamtschule Schinkel (Abiturjahrgang 2007) nun übernommen hat. „Zur Zeit ist es praktisch, dass ich hier vor Ort in Aylesbury bin, langfristig werde ich aber wohl von Deutschland aus arbeiten“, sagt Kullack.

Die Frage, ob er sich inzwischen nur noch von den nach Hafer schmeckenden „Huel“-Drinks ernähre, verneint er. Durchaus habe er aber immer eine Flasche davon dabei und ersetze einige Mahlzeiten durch das aus Haferflocken, Erbsenproteinen, Leinsamen und Reisproteinen zusammengesetzte Getränk. „Es gibt einige krasse Fans, die auf ,100 Prozent Huel‘ gehen, das ist auch möglich, aber wir wollen den Menschen ja nicht das Essen wegnehmen“, sagt der junge Mann.

Weiterlesen: Goji, Acaí und Chia-Samen – Sind Superfoods gesünder als andere Lebensmittel?

Entwickelt von Ernährungswissenschaftlern

Möglich wäre es aber wohl: Die Entwicklung des Produktes wurde von englischen Ernährungswissenschaftlern vorgenommen. So soll sichergestellt sein, dass die Kombination aus Kohlenhydraten, Eiweiß, Fett und anderen Nahrungsbestandteilen genau so ausfällt, dass sie den Menschen nahezu perfekt ernährt. Die Firma wirbt sogar damit, dass ihre Pulvernahrung zu 100 Prozent die von der EU empfohlenen Mengen an essenziellen Vitaminen und Mineralstoffen enthalte, die über die Nahrung aufgenommen werden sollten.

Weiterlesen: Vitamine immer gezielt einnehmen - Keine Kombi-Präparate

Nicht selten werde er jedoch – gerade im Kontext des Social-Media-Marketings – mit der Frage konfrontiert, ob man denn gar nicht mehr sein Essen genießen sollte, berichtet Kullack. Doch darum ginge es ihm und den Firmengründern überhaupt nicht: Die Trink-Nahrung solle im Alltag praktische Dienste leisten, „Suppenkoma“ und Stress verhindern und insgesamt dafür sorgen, dass weniger Zeit für Essen aufgewendet werden muss. Natürlich sei man da an einem Punkt, an dem jeder für sich selbst entscheiden müsse, wo er seine Prioritäten setzt, sagt Kullack. Auch die Frage, ob die Zeit fürs Essen als Last oder vielmehr als Genuss wahrgenommen werde, müsse jeder individuell beantworten.

Weiterlesen: „Zornige“ Sarah Wiener fragt: Würden Sie auf Sex verzichten?

Welche Folgen hat der Brexit?

Hochaktuell ist für das junge Unternehmen und insbesondere für den Aufgabenbereich von Stefan Kullack natürlich die Frage, wie sich der bevorstehende Brexit auf den Verkauf des Produktes in Deutschland auswirken wird. „Wenn der Brexit tatsächlich über die Bühne geht, wird es mittel- und langfristig wohl zumindest nicht einfacher werden“, sagte der junge Mann, „momentan bleibt wenig anderes übrig, als die aktuellen Geschehnisse zu verfolgen. Wer weiß schon zu diesem frühen Zeitpunkt, welche Bedingungen dann ausgerechnet für den Lebensmittelsektor ausgehandelt werden?“.

Weiterlesen: Franzosen setzen noch auf gutes Essen – Die Mahlzeit als Lebenskunst

Eine mögliche Maßnahme, um negative Auswirkungen abzufangen, könne natürlich sein, die Produktion von „Huel“ teilweise in andere EU-Staaten zu verlegen. Aber das sei in diesem Augenblick noch Zukunftsmusik. „Wir hoffen natürlich, dass bei den Konsumenten jetzt keine Vorbehalte gegen ,Huel‘ als britisches Produkt entstehen, zumal in unserem Team die klare Mehrheit gegen den Brexit gestimmt hat“, betont der Osnabrücker.

Nachrichten und Informationen zum Brexit

Gerne zu Gast an der Bremer Brücke

In seine Heimatstadt kehrt Stefan Kullack übrigens gern und immer wieder zurück. Natürlich zur Familie, die im Stadtteil Schinkel-Ost zu Hause ist, genauso aber auch zum VfL. „Zum letzten Spieltag bin ich sogar extra nach Osnabrück geflogen“, sagt Kullack und lacht.

Spätestens wenn die Markteinführung von „Huel“ in Deutschland so weit geschafft ist, dass er wieder öfter in Osnabrück sein kann, werde er auch wieder regelmäßiger Gast an der Bremer Brücke sein. „Da freue ich mich jetzt schon drauf!“