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Tod vor dem vierten Geburtstag Mord in der Kinderfachabteilung: Osnabrücker Junge Rudolf Menke wurde Opfer von nationalsozialistischen Ärzten


Osnabrück. Ob Karl und Elisabeth Menke jemals erfahren haben, dass ihr Sohn ermordet wurde? Rudolf war drei Jahre alt, als er in die sogenannte Kinderfachabteilung der Landes-Heil- und -Pflegeanstalt Lüneburg eingewiesen wurde. Monate später war er tot. Wie die Recherchen für die Stolpersteinverlegung in Osnabrück ergaben, ist der Junge „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ Opfer seiner Ärzte geworden, die sich der nationalsozialistischen Ideologie unterworfen hatten.

Auch das gehörte zum Rassenwahn der Nationalsozialisten: Menschen mit Behinderungen waren der Gefahr ausgesetzt, als „lebensunwert“ eingestuft zu werden. Bereits in den 1920er-Jahren, lange vor der Machtergreifung, hatte Adolf Hitler angekündigt, wenn es nach ihm ginge, würden „Schwache“ getötet. Als Diktator machte er diese Gewaltfantasie wahr – und auch Kinder wurden Opfer seiner Ideologie. Das Regime sprach von einer „Kinder-Aktion“. Ärzte in Heilanstalten erhielten eine „Behandlungsermächtigung“. Sie entschieden, ob ihre kleinen Patienten mit geistigen und körperlichen Behinderungen leben durften oder sterben mussten.

Unter anderem in der Gedenkstätte Lüneburg wird daran erinnert, dass „Kinderfachabteilungen“ in psychiatrischen Anstalten zu Tötungsanstalten wurden. Die Täter arbeiteten mit der Überdosierung von Medikamenten wie Morphium und Luminal, Entzug von lebenswichtigen Medikamenten oder von Nahrung.

Ärzte beurteilten Rudolf Menke als „stumpfes, tief stehendes Kind“ und als „reinen Pflegefall“ – solche Formulierungen waren Todesurteile, wie der Historiker Raimond Reiter feststellte und unter anderem in seinem Beitrag „Opfer der NS-Psychiatrie aus Osnabrück“ (Osnabrücker Mitteilungen, Band 115, 2010, Seite 159 ff) beschrieb.

Patin des Stolpersteins für Rudolf Menke ist die Montessori-Schule für Menschen mit Behinderungen. Im Unterricht und für ihre Schülerzeitung „Monte-News“ beschäftigten sich 16- bis 18-jährige Jugendliche mit dem Thema. „Sie waren empört“, berichtete Lehrerin Rebecca Babilon. Und sie gestalteten die Verlegung des Stolpersteins am Blumenhaller Weg 32, wo Rudolf Menke lebte, bis er nach Lüneburg musste. Shirin, Thamara, Simon und Eva erzählten aus seinem kurzen Leben, während Thiemo für die Schülerzeitung fotografierte.

Eva berichtete: „Die Klinik schrieb den Eltern einen Brief. Darin stand, dass Rudolf an einer Bronchitis gestorben sei. Aber Rudolf hatte eine Behinderung. Deshalb wurde er von den Nazis ermordet.“ Und Shirin zündete vor dem Stolperstein eine Kerze an.


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