Bachelor-Studiengang Midwifery Hochschule Osnabrück will Hebammenberuf modernisieren

Von Nancy Knäuper

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Sprechen über den Midwifery-Bachelorstudiengang an der Hochschule Osnabrück (von links): Claudia Hellmers, Professorin für Hebammenwissenschaft und Studiengangsbeauftragte, Coline Sénac, Hebamme und Studentin im fünften Semester, Friederike zu Sayn-Wittgenstein, Professorin für Pflege- und Hebammenwissenschaft, Studiengangskoordinatorin Verena Groß und Petra Köhler, Hebamme und Absolventin des Midwifery-Studiengangs. Foto: Hermann PentermannSprechen über den Midwifery-Bachelorstudiengang an der Hochschule Osnabrück (von links): Claudia Hellmers, Professorin für Hebammenwissenschaft und Studiengangsbeauftragte, Coline Sénac, Hebamme und Studentin im fünften Semester, Friederike zu Sayn-Wittgenstein, Professorin für Pflege- und Hebammenwissenschaft, Studiengangskoordinatorin Verena Groß und Petra Köhler, Hebamme und Absolventin des Midwifery-Studiengangs. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Die Anforderungen an Hebammen werden immer größer. Ihre Aufgaben gehen heute weit über Geburtshilfe hinaus. Die Hochschule Osnabrück hat sich mit dem Bachelorstudiengang Midwifery darauf eingestellt.

Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten werden verstärkt an Hochschulen ausgebildet, um die immer komplexer werdenden Tätigkeiten in den Gesundheitsberufen qualifiziert ausüben zu können. Auch im Berufsfeld der Hebammen und Entbindungspfleger hat sich der Bedarf in der Versorgung verändert. Deshalb hat die Hochschule Osnabrück zum Wintersemester 2008/09 den Studiengang Midwifery mit dem Studienabschluss Bachelor of Science (B.Sc.) ins Leben gerufen.

Vorreiterrolle in Deutschland

„Unser Ziel war es, die Anforderungen an den Beruf der Hebamme zu modernisieren und bei der Ausbildung neueste Erkenntnisse aus unserer Forschung einzubeziehen“, erläutert Friederike zu Sayn-Wittgenstein, Professorin für Pflege- und Hebammenwissenschaft und Gründungsprofessorin des Studiengangs Midwifery. Mit dem Studiengang speziell für Hebammen habe die Hochschule Osnabrück erneut eine Vorreiterrolle in Deutschland eingenommen. Bereits 1987 entstand hier die bundesweit erste Professur für Pflegewissenschaft. Mittlerweile wird das Studium der Hebammenwissenschaft in Deutschland an neun Hochschulen als Bachelorstudiengang und an einer Hochschule als Masterstudiengang angeboten.

Beim Studiengang Midwifery an der Hochschule Osnabrück, der an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angeboten wird, geht es um eine enge Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis. Die Hochschule arbeitet eng mit 24 Berufsfachschulen für das Hebammenwesen in Deutschland zusammen. Der Studiengang baut auf die ersten 1,5 Jahre der Hebammen- und Entbindungspfleger-Ausbildung auf.

Mehr Möglichkeiten im Job

„Wir nutzen die Primärqualifizierung und die Expertise der Berufsfachschulen und ergänzen sie durch ein erweitertes Kompetenzprofil im wissenschaftlichen Bereich“, erklärt Claudia Hellmers, Professorin für Hebammenwissenschaft und Studiengangsbeauftragte. Der erste Studienabschnitt beginnt im vierten Ausbildungshalbjahr mit je einem Modul in den ersten drei Semestern und wird gemeinsam von den Hebammenschulen und der Hochschule gestaltet. Nach dem Abschluss der Hebammenausbildung erfolgt dann der zweite Studienabschnitt mit noch einmal drei Semestern im Vollzeitstudium an der Hochschule Osnabrück. Erfahrene Hebammen können die ersten drei Semester auch berufsbegleitend belegen oder die erforderlichen Leistungspunkte durch eine Äquivalenzprüfung erwerben.

Absolventen des Midwifery-Studiengangs profitieren von erweiterten Kenntnissen und vielfältigeren Berufsmöglichkeiten, so die beiden Osnabrücker Professorinnen. In den verschiedenen Modulen werden unter anderem die Themenschwerpunkte „evidenzbasierte klinische Entscheidungsfindung“ oder auch „Methoden der empirischen Sozialforschung und Hebammenforschung“ behandelt, außerdem Professionalisierung und Interdisziplinarität, Personalentwicklung und Qualitätsmanagement. Damit können die fertigen Bachelor zum Beispiel im Qualitätsmanagement, auf Leitungsebene oder in der Forschung tätig werden. „Wir legen großen Wert auf die Fähigkeit, sich selbstständig Wissen anzueignen, Methoden anzugleichen, und auf die Möglichkeit der Selbstreflexion“, sagt Sayn-Wittgenstein.

99 Studentinnen, 87 Absolventinnen

„Aktuell sind insgesamt 99 Studentinnen für den Studiengang Midwifery eingeschrieben“, erläutert Studiengangskoordinatorin Verena Groß. „87 Hebammen haben das Studium bereits erfolgreich abgeschlossen.“ Dazu gehört auch Petra Köhler.

Sie hatte bereits viele Jahre Berufserfahrung und ist nach der erfolgreichen Teilnahme an der Äquivalenzprüfung in das vierte Studiensemester eingestiegen. Heute arbeitet sie nicht nur als freiberufliche Hebamme, sondern auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Osnabrück und plant einen Masterabschluss im Management im Gesundheitswesen. „Während des Studiums wurde uns der Zugang zu internationaler Literatur ermöglicht. Wir haben gelernt, ausgearbeitete Themen zu präsentieren und uns zu reflektieren“, berichtet Köhler.

Blick über den Tellerrand

Hebamme Coline Sénac studiert in Osnabrück Midwifery im fünften Semester. Die Französin hatte sich dafür entschieden, ihren Beruf in Deutschland zu lernen, weil sie die Arbeitsweise von deutschen Hebammen als sehr beeindruckend erlebte. Auch sie bewertet das Studium als positiv: „Durch das erweiterte Wissen kann ich mein Handeln hinterfragen und selbst entscheiden, was das Beste in der jeweiligen Situation ist. Außerdem ermöglicht mir das Studium den Blick über den Tellerrand und die Teilhabe an der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung.“

In Zukunft wird sich der Studiengang der Hebammenwissenschaften noch weiterentwickeln. „Vor 15 Jahren habe ich mir nicht träumen lassen, dass es diesen Studiengang irgendwann einmal geben wird“, blickt Gründungsprofessorin Sayn-Wittgenstein zurück. Doch auch wenn sich in den letzten Jahren viel getan hat, sei Deutschland im internationalen Vergleich eines der Schlusslichter in der Entwicklung.

Nachholbedarf im EU-Vergleich

In der EU sei der Beruf der Hebamme bereits voll akademisiert. Für Studiengangsbeauftragte Hellmers ist das auch in Deutschland vorstellbar: „Damit würde sich auch die Akzeptanz im Berufsfeld ändern, denn die notwendige Kompetenzerweiterung von Hebammen erfordert ein verändertes Ausbildungsprofil.“


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