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Nächster Halt: Iktomia Bahnhof Sutthausen ist Anlaufstelle für Künstler, Durstige und Hungrige

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Osnabrück. Während andere Bahnhöfe ohne Funktion und Perspektive vor sich hindämmern, erstrahlt Sutthausen in neuem Glanz. Der sogenannte „Bahnhof“ – ein Gasthaus, in dem auch Fahrkarten verkauft wurden – war schon immer in privater Hand, denn bahntechnisch war Sutthausen nur ein Haltepunkt ohne viel Infrastruktur. Gepäck- oder gar Güterbeförderung waren ausgeschlossen. Der Zug hielt lediglich, um Personen ein- und aussteigen zu lassen. Und selbst das war nicht von Anfang an der Fall.

Schon seit 1886 rollten die Züge der Haller-Willem-Strecke von Osnabrück über Dissen/Bad Rothenfelde nach Brackwede/Bielefeld – jedoch zum Missfallen der Sutthauser ohne Halt in ihrem Ort. Es wird erzählt, dass Baron Egon von Romberg, der damals das Gut Sutthausen bewohnte, sich gegen die Überlassung von Bauland für die Eisenbahnstrecke das Recht ausbedungen habe, auf offener Strecke zuzusteigen.

Zu diesem Zweck hat er angeblich an einer Bedarfshaltestelle auf seinem Gelände eine Fahne hissen lassen. Und wenn er auf dem Rückweg aussteigen wollte, habe er einfach die Notbremse gezogen und dann mit einem spöttischen Lächeln die fällig gewordene Strafe gezahlt. Ob nun der Sutthauser von Romberg das gleiche schelmische Naturell hatte wie sein Münsterländer Verwandter Gisbert von Romberg, der als „toller Bomberg“ des gleichnamigen Romans von Josef Winckler unsterblich wurde, sei dahingestellt.

1900 kam der Haltepunkt

Jedenfalls bekam Sutthausen 1900 eine eigene Eisenbahnhaltestelle mit der Auflage, dass die Gemeinde selbst für einen Bahnsteig mit ausreichender Beleuchtung sorgen und auch den Fahrkartenverkauf organisieren sollte, weiß Herbert Loheider zu berichten. Der Pensionär hat es sich zur Aufgabe gemacht, Geschichten über Sutthausens Vergangenheit vor dem Vergessen zu bewahren.

Und so erzählt Loheider, dass der Wirt des Gasthauses Friedensthal die Konzession unter eben jener Bedingung erhalten hatte, einen Warteraum für die Fahrgäste vorzuhalten und ihnen Fahrkarten zu verkaufen. Damit nicht genug: Für seine Kegelbahn, die er an der südlichen Eisenbahnböschung angelegt hatte, zahlte Wirt August Kriege, wie aus dem Betriebsplan für die Nebenstrecke Brackwede–Osnabrück von 1905 hervorgeht, eine jährliche Pacht von fünf Mark an die königliche Eisenbahndirektion.

Der Gasthausbetrieb muss sich gelohnt haben, denn viele Fahrgäste nutzten die neue Verkehrsverbindung: Nicht nur Sutthauser, auch Holzhauser, Ohrbecker und Hagener kamen zu Fuß, um ihren Weg nach Osnabrück oder Bad Rothenfelde per Bahn fortzusetzen. Die Osnabrücker wiederum fuhren am Sonntag gern in die Natur und wählten dabei auch Sutthausen mit seinen beiden Adelssitzen und schönen Gasthäusern als Ziel. Herbert Loheider verbindet mit der Bahn die Erinnerung an Schulausflüge nach Bad Rothenfelde, wo „wir gegen Kriegsende mit der gesamten Schulklasse einmal wöchentlich, wohl als gesundheitsfördernde Maßnahme, Solebäder in großen Holzfässern nahmen“.

Das Gasthaus, das zwischenzeitlich auch unter den Namen „Zu den zwei Riesen“, „Dütetal“ und „Sutthauser Bahnhof“ firmierte, war stets Anlaufstelle nicht nur für durstige Wanderer und Bahnreisende. Der Saal war der einzige größere im Ort. Mit seinem darunterliegenden Schießstand und dem Biergarten, der zu seinen besten Zeiten 300 bis 400 Gästen Platz bot, war er auch Zentrum des Schützenfestes. Herbert Loheider erinnert sich noch lebhaft an Wirtin Agnes Heitmeyer, die bis 1951 nicht nur souverän den Zapfhahn bediente, sondern zwischendurch auch den Fahrkartenverkauf besorgte.

Der einsetzende Stadtbusverkehr machte sich in den folgenden Jahren in sinkenden Fahrgastzahlen der Bahn bemerkbar; 1984 wurde der Personenverkehr zwischen Osnabrück und Dissen schließlich eingestellt.

14 Jahre Ruhe

Der Güterverkehr, der für Sutthausen nie eine Rolle gespielt hatte, endete 1991. 14 Jahre herrschte Ruhe auf den Gleisen, und der Künstler Volker-Johannes Trieb, der 1986 in der ehemaligen Scheune des Anwesens sein erstes Domizil eingerichtet hatte, legte nach der dauerhaften Einstellung des Bahnbetriebs 1997 einen Skulpturenpfad auf Gleis und Bahnsteig an.

Doch der Dornröschenschlaf währte nicht allzu lange. Unter anderem auf Betreiben der Initiative Haller Willem nahm 2005 die Nordwestbahn den Betrieb auf und befördert seitdem in modernen Dieseltriebwagen im Stundentakt Fahrgäste von Osnabrück nach Bielefeld und zurück.

Als die Strecke zu diesem Zweck erneuert wurde, konnte sich Trieb einen Teil der alten Gleise sichern, die er zu einem Gleiswald mit dem Namen „Kraft in Zeit und Raum“ aufrichtete. „Damit wollte ich ein Zeichen setzen für die Bedeutung gerade auch des Nahverkehrs in unserer von Mobilität geprägten Zeit“, sagt er. Früher seien Bahnhöfe das Tor zur Welt, ihre Empfangsgebäude „Kathedralen des Fortschritts“ gewesen.

Als vor einigen Jahren die Osnabrücker Unternehmerin Gisela Bohnenkamp das Stationsgebäude erwarb, grundlegend sanieren und umbauen ließ, fühlte sich der Künstler in seiner Kreativität besonders herausgefordert. Er gestaltete das gesamte Areal um und stattete es mit einem sagenumwobenen Gründungsmythos aus: „Wir befinden uns hier auf dem Grund der geistigen Fluchtburg Iktomia“, so Trieb, „deren Tradition von Weisheit, Frieden und Wahrhaftigkeit wir in unserer Alltagsrealität weiterführen wollen.“

Um das zu demonstrieren, erhielt das Gebäude zur Gleisseite das Ortsschild „Iktomia“, während der Zugang zu Restaurant, Atelier und Scheune nur über eine Brücke durch den rückwärtigen Garten möglich ist. Die Inschrift „Kunst gewährt Zuflucht, Kunst fragt, Kunst fordert“ ist Einladung und Aufforderung zugleich, die Räume, in denen an der Umsetzung von Träumen gearbeitet wird, zu betreten und sich inspirieren zu lassen.

Und nicht nur geistige Nahrung bietet Iktomia. Mit dem Restaurant-Café „Wilde Triebe“, das seit dem Frühsommer freitags bis montags geöffnet ist, hat sich auch die traditionelle Gastlichkeit des Ortes erhalten. Viele Gäste reisen per Bahn an und genießen die Kochkünste der beiden Jungunternehmerinnen Sarah Irwin und Hanna Börger, die Ausstellung von keramischen Trieb-Werken im Obergeschoss und nicht zuletzt die Freiheit, dass sie sich auch einmal ein Glas Rotwein genehmigen können. In ihrer offenen Küche verwenden die ambitionierten Köchinnen nur saisonale und regionale Produkte. Sie bereiten alle Speisen frisch zu „und döppen selbst Erbsen oder dicke Bohnen von Hand“, wie Nachbar Trieb anerkennend vermerkt.

Fahrkarten verkaufen sie allerdings nicht.


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