Chemiker Rainer Moormann Whistleblower referiert an der Osnabrücker Universität

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Whistleblower Rainer Moormann referierte in der Osnabrücker Universität. Foto: Hendrik SteinkuhlWhistleblower Rainer Moormann referierte in der Osnabrücker Universität. Foto: Hendrik Steinkuhl

Osnabrück. Wer Missstände aus seinem Umfeld gezielt an die Öffentlichkeit bringt, wird „Whistleblower“ genannt – und gerät meist unter immensen Druck. Genauso erging es auch dem Chemiker und gebürtigen Osnabrücker Rainer Moormann, der jetzt in der Osnabrücker Universität davon berichtete, wie er auf die großen Risiken von Kugelhaufenreaktoren aufmerksam machte.

„Ich freue mich ganz besonders, dass ich in meiner Heimatstadt über dieses Thema sprechen kann“, sagte Rainer Moormann zu Beginn seines Vortrags. Der promovierte Chemiker ist in Osnabrück aufgewachsen und kehrte nun auf Einladung des Instituts für Theologie der hiesigen Universität zu einem Vortrag zurück.

Das Seminar, an das Moormanns Referat angebunden war, ist in der Sozialethik angesiedelt und trägt den Titel „Erkenntnis um jeden Preis? Ethische Herausforderungen in Wissenschaft und Forschung“. Um das bereits vorwegzunehmen: Rainer Moormann beantwortete die Frage nach der Erkenntnis um jeden Preis für sich persönlich mit einem Nein. „Ich war 58, als das ganze hochgekocht ist, ich hatte 30 Jahre in die Rentenkasse einbezahlt und wusste, dass ich nicht ins Bodenlose falle.“ In einem jüngeren Alter, daran ließ Moormann keinen Zweifel, wäre er garantiert nicht zum Whistleblower geworden.

Was sind Whistleblower?

Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können: Whistleblower sind Personen, die für die Allgemeinheit wichtige Informationen an die Öffentlichkeit bringen, obwohl diese eigentlich geheim sind. Gemeint sind dabei nicht Journalisten, die durch ihre Recherchen einen Skandal aufdecken, sondern Eingeweihte, die bewusst gegen ihre Pflicht zur Vertraulichkeit verstoßen und brisante Interna öffentlich machen. Prominentestes Beispiel der jüngsten Zeit dürfte der ehemalige US-Agent Edward Snowden sein, der die Weltöffentlichkeit über die Abhörpraktiken der US-amerikanischen Geheimdienste in Kenntnis setzte. Das Wort „Whistleblower“ geht auf die englische Redewendung „to blow the whistle“ zurück, was wörtlich übersetzt „in die Pfeife blasen“ bedeutet. Gemeint ist das bewusste Ausplaudern eines Geheimnisses.

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Zivilcourage und ihre Folgen

Im Fall von Rainer Moormann waren die Informationen, die er ausplauderte, von besonders hoher gesellschaftlicher Bedeutung: Als Leiter des Forschungszentrums Jülich machte der Chemiker im Jahr 2008 öffentlich, welche enormen Risiken so genannte Kugelhaufenreaktoren wie beispielsweise das frühere Kernkraftwerk Jülich besitzen.

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Seine Zivilcourage musste Moormann zunächst teuer bezahlen: Er verlor seine interne Planstelle und wurde versetzt, und weil Moormann damit rechnen musste, dass es nicht bei dieser Versetzung bleiben würde, beantragte er Altersteilzeit und ging schließlich zwei Jahre früher in Rente als ursprünglich geplant.

Weiterlesen: Osnabrücker machte Risiko von Kugelhaufenreaktor öffentlich – Zivilcourage teuer bezahlt

Als Verräter gebrandmarkt

Unter den Befürwortern der Kernenergie war und ist Moormann seit seiner Veröffentlichung ein Verräter – und so wird er auch behandelt. „Die psychischen Belastungen sind immens, ich hatte das unterschätzt.“ Jetzt, wo er wisse, welchem Druck man als Whistleblower ausgesetzt sei, könne er nicht mehr sicher sagen, ob er noch einmal genauso handeln würde. „Wegen der persönlichen Konsequenzen ist das, was ich gemacht habe, eigentlich nicht zumutbar.“

Und dabei, so Moormann, habe er es noch vergleichsweise leicht gehabt. Im Vergleich zu anderen Ländern werde die Atomkraft in Deutschland schon immer sehr kritisch gesehen, seine Veröffentlichung stieß deshalb außerhalb der Atom-Lobby auf offene Ohren.

Offizielle Rehabilitation

Im Jahr 2014 wurde Moormann dann rehabilitiert: Eine unabhängige Expertenkommission gab ihm in ihrer Studie Recht, das Forschungszentrum Jülich bedauerte in einer öffentlichen Stellungnahme gravierende eigene Fehler.

Schon zuvor war Moormann mit zwei Whistleblower-Preisen ausgezeichnet worden. Was das Öffentlichmachen von Missständen angeht, sieht Rainer Moormann in Deutschland allerdings noch eine Menge Nachholbedarf: „Außer im militärischen Bereich ist der Schutz für Whistleblower in anglo-amerikanischen Ländern viel größer.“


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