Das verlorene Jahr des Bernhard H. Nach Entlassung bei KME: Ein Angestellter berichtet


Osnabrück. Im Juni 2015 kam die Kündigung. 340 Mitarbeiter von KME mussten gehen, Bernhard Horstkamp war einer von ihnen. Er kam in die Transfergesellschaft, schrieb Bewerbungen, langweilte sich. Ein verlorenes Jahr, wie er heute meint. Dem 54-Jährigen bleibt nur, sich jetzt arbeitslos zu melden.

„Man hat das Gefühl, man ist nichts mehr wert“, sagt Bernhard Horstkamp mit einem Anflug von Verbitterung, „Berufserfahrung zählt nicht“. Mindestens drei Bewerbungen tippt er jede Woche in seinen Laptop, keine Standardbriefe, sondern sorgfältig auf die jeweilige Stelle gemünzt. Meist ohne Reaktion. Und wenn Absagen kommen, dann heißt es, „Sie passen nicht in unser Schema“ oder „Sie sind überqualifiziert“. Inzwischen weiß der Ibbenbürener die Zeichen zu deuten. Wenn ein „junger, qualifizierter Mitarbeiter“ gesucht wird, ist er nicht gemeint mit seinen 54 Jahren.

Ältere hatten Angst

Bernhard Horstkamp hat Kfz-Mechaniker gelernt, er war 14 Jahre mit einem Tanklaster unterwegs und fing 1998 bei KME an. Mal war er im Walzwerk tätig, am Stangenzug oder im Hochregallager, in der Gießerei oder als Schlosser in der Endbearbeitung. „Wo, das war mir egal, so lange ich Arbeit hatte“, sagt der ausgemusterte Werktätige. Auch Nachtschichten und Überstunden gehörten zu seinem Pensum. „Ich bin da gerne hingegangen“, erzählt der verhinderte Allrounder. Aber zuletzt ging die Angst um bei KME, vor allem unter den Älteren. Und am Ende stand auch sein Name auf der Liste.

Bernhard Horstkamp wurde eine Änderungskündigung angeboten. Im KME-Werk Menden hätte er eine neue Stelle bekommen können. Aber jeden Tag drei Stunden am Steuer sitzen und mehrere hundert Euro für Benzin ausgeben? Die Doppelhaushälfte aufgeben, die seine Frau Sonja und er gerade erst erworben hatten? 120 Kilometer entfernt vom vertrauten Umfeld und den Freunden ganz von vorn anfangen? Das alles wollte sich der bodenständige Ibbenbürener nicht antun.

„Wenn ich 30 Jahre jünger wär, hätte ich’s gemacht“, sagt Horstkamp. Statt nach Menden zu gehen, ließ er sich in die Transfergesellschaft aufnehmen, die ihm ja auch Hoffnung auf einen neuen Job machte. „Man bekam einen richtigen Vertrag“, berichtet der Ex-Metaller, der fortan bei der PMB Transfer GmbH „KME“ angestellt war.

Qualifizieren für 1000 Euro

Ein Bewerbungstraining wurde in Aussicht gestellt, es gab regelmäßige Besprechungstermine, und es war auch von einem Fonds für Weiterbildung die Rede. Das klang zunächst einmal gut, und der geschasste KMEler dachte schon über eine Umschulung zum technischen Betriebswirt nach, über ein paar Scheine, mit denen er seine Chancen verbessern könnte, wenn es um „Schriftkram und Büroarbeit“ geht.

Aber dann hieß es, für die Weiterqualifizierung stünden pro Person nur 1000 Euro zur Verfügung. „Dafür bekommt man gar nichts“, sagt Horstkamp ernüchtert. Und erzählt, wie die Stimmung in der Auffanggesellschaft gekippt sei. Die Betreuer hätten sich zwar stets freundlich, aber immer unverbindlich gezeigt. Es seien keine Ziele vereinbart worden, Rückfragen habe es nicht gegeben.

„In Wirklichkeit ist nichts dabei rausgekommen“, fasst Ehefrau Sonja Horstkamp zusammen, nach kurzer Zeit sei ihr Mann immer ganz frustriert von den gemeinsamen Sitzungen zurückgekommen.

„Kein Kommentar“

Ob die Transfergesellschaft andere KME-Entlassene in neue Jobs vermittel hat, weiß Bernhard Horstkamp nicht. KME-Unternehmenssprecherin Julia Görtemöller will dazu keine Stellungnahme abgeben, und auch in der Böblinger Zentrale von PMB heißt es: „Kein Kommentar“. Stephan Soldanski, der 1. Bevollmächtigte der IG Metall in Osnabrück, findet diese Verschlossenheit „irritierend“. Nach seiner Erfahrung ist PMB aber bislang nicht unangenehm aufgefallen. Über mögliche Erfolge oder Misserfolge bei KME habe er nichts in Erfahrung bringen können.

Ähnlich äußert sich Frank Halbsguth, der Pressesprecher der Bundesanstalt für Arbeit. In der Vergangenheit seien die Vermittlungsquoten der Transfergesellschaft „recht ordentlich“ gewesen, zumal sie viele ältere Mitarbeiter aufgenommen habe, die nicht so leicht auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen seien.

Bernhard Horstkamp weiß, dass ihm seine 54 Jahre als Handicap angerechnet werden. Deshalb garniert er seine Bewerbungen mit Begriffen wie „korrekt“, „ordentlich“ und „vielseitig“. Vor allem weist er auf seine Berufserfahrung hin, die doch auch ihren Wert habe, auf seine Computererfahrung und seine Fähigkeit, kleinere und größere Reparaturen selbst auszuführen.

Es müsse doch Firmen geben, in denen so etwas gefragt ist, sagt er, um sich selbst zu motivieren. Obwohl er aus Erfahrung weiß, dass es wohl doch wieder auf eine Absage hinauslaufen wird. Falls es überhaupt eine Reaktion gibt.

Offiziell arbeitslos

Seine Abfindung von KME hat er in die Doppelhaushälfte gesteckt, und sein handwerkliches Geschick half ihm, Instandsetzungskosten zu sparen. Aber noch ist das Häuschen nicht abbezahlt, der 54-Jährige will noch einmal durchstarten und Geld verdienen. Zum Juli bekommt er es offiziell, dass er arbeitslos ist. Ob ihm die Bundesanstalt für Arbeit eine Chance gibt, sich weiterzuqualifizieren, wie seine Frau Sonja hofft? Bernhard Horstkamp ist skeptisch: „Die werfen einem das Geld auch nicht hinterher!“


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