nachtkritik.de zu Gast im Emma-Theater Kritiker-Gespräch mit „Trip“-Autor Anis Hamdoun

Kritikergespräch: Kai Bremer (links) und Georg Gasch (rechts) von nachtkritik.de sprechen im Emma-Theater mit „The Trip“-Autor Anis Hamdoun. Foto: Elvira PartonKritikergespräch: Kai Bremer (links) und Georg Gasch (rechts) von nachtkritik.de sprechen im Emma-Theater mit „The Trip“-Autor Anis Hamdoun. Foto: Elvira Parton

Das Votum der nachtkritik.de-User war eindeutig: Sie wählten „The Trip“ von Anis Hamdoun zur besten Inszenierung des Jahres 2015. Jetzt gab es aus diesem Anlass ein nachtkritik.de-Gespräch im Emma-Theater in Osnabrück.

Auf eine Frage von nachtkritik.de -Redakteur Georg Kasch hat Anis Hamdoun eine entwaffnend einfache Antwort. Was er denn schreiben würde, wenn er frei wäre, fragt der Journalist, und vermutlich meint er, frei von den schrecklichen Erinnerungen, die Hamdoun mit sich herumträgt und in „The Trip“ verarbeitet hat. Schreckliche Erinnerungen sind das; „leider ist das alles echt“, hat Hamdoun vorher im Publikumsgespräch gesagt. Folter, Vergewaltigung, Mord, Selbstmord sind nicht erfunden, und Hamdoun hat zugegeben, dass er die Erinnerung gern „wegschmeißen“ würde, weg von sich. Vergeblich. Weiterlesen: Die Proben zu „The Trip“

Macht Erinnerung unfrei?

Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage förmlich auf: Was würden Anis Hamdoun schreiben, wenn er die Erinnerung an Bomben und Terror in Syrien ablegen könnte, sich davon frei machen könnte. Aber statt zu spekulieren, statt wolkige Gedankengebäude zu entwerfen, was sein könnte wenn, sagt Hamdoun schlicht: „Ich bin frei. Ich verstehe Deine Frage nicht“. Um dann zu einem kleinen Exkurs über persönliche Freiheit auszuholen, die wieder mit dem Exkurs endet: „Ich bin immer frei“.

Möglicherweise hat ihm erst diese Freiheit gestattet, aus seinen Erinnerungen ein bewegendes und gleichzeitig kunstvoll montiertes Vierzig-Minuten-Stück zu schreiben und mit einem Team des Theaters Osnabrück für das Spieltriebe-Festival 2015 zu erarbeiten. Dort hat nachtkritik.de-Kritiker Kai Bremer das Stück gesehen und war so angetan, dass er es den nachtkritik.de-Usern zur Wahl stellte. Weiterlesen: „The Trip“ gewinnt nachtkritik.de-Umfrage

So hält es das Kritiker-Portal jedes Jahr, und weil die Portal-Philosophie ein diskursfreudiges Publikum voraussetzt, kommt nach den Nominierungen der User zum Zug. 47 Inszenierungen hatten die Nachtkritiker diesmal vorgeschlagen, und die Netzgemeinde wählt daraus ihre Lieblingsinszenierung. In diesem Jahr landete „The Trip“ von Anis Hamdoun auf Platz eins, und den Preis für die Auszeichnung gab es nun nach der Vorstellung am Montagabend im Emma-Theater: Das Nachtkritik.de-Kritikergespräch mit Kai Bremer, Georg Kasch und eben Anis Hamdoun.

Dem syrischen Autoren, Regisseur und Filmemacher bietet diese Auszeichnung ein willkommenes Forum. Denn Hamdoun hat sich eine Aufgabe gestellt, die sich sein Schaffen prägt wie ein tonnenschwerer Stempel: „Ich benutze den Preis um meine Geschichte zu erzählen“, sagt Hamdoun in seinem rauen Tonfall, dem man auch auf deutsch oder englisch die arabische Herkunft anhört. Er schreibt neue Stücke, eines für das Theater in Kiel und eines für Osnabrück, er dreht einen Film über Flüchtlinge oder, wie er sagt: „Newcomers“, der Dirigent Julien Salemkour hat ihm gar angeboten, eine Oper zu inszenieren. Welche? „Ich weiß es nicht“, sagt Hamdoun, zuckt mit den Schultern und lacht ein wenig. Wichtig ist ihm in erster Linie: seine Geschichte. Die Geschichte von Bomben, Mord, Flucht, Verzweiflung. „Es ist meine Aufgabe, das Leiden zu zeigen und auszusprechen“, sagt Hamdoun. „Die Menschen müssen wissen, was passiert ist, was immer noch passiert. Dafür benutze ich das Theater oder die Kamera“. Weiterlesen: Der Film „Newcomers“ von Anis Hamdoun und Maan Mouslli

Hamdouns Kopfkino

Das klingt stark nach Betroffenheitstheater, nach Kunst als Therapie. Und sicher spielt dieser Aspekt eine Rolle in „The Trip“. Nur: Würde sich das Stück darin erschöpfen, hätte es kaum diesen Erfolg gehabt. Kasch fasst anfangs zusammen, was dieses Stück, ausmacht, was es so berührend und so – im besten Sinne – theatralisch macht: wie souverän Hamdoun die Polyphonie der Stimmen einsetzt. Wie er den Zuschauer permanent „produktiv überfordert“. Wie er Bilder geschaffen hat, „die es in sich haben“ – nicht, weil sie so naturalistisch sind, sondern sich eben auf Andeutungen beschränken und „das Kopfkino in Gang setzen“, Kasch sagt. „Ich wollte keine echte Gewalt zeigen“, sagt Hamdoun. Aber eindrückliche Bilder sind ihm gelungen – gerade, weil er auf die Vorstellung der Zuschauer abzielt. Bilder, die auch einen zweiten Besuch lohnen, wie Kai Bremer das Publikum im Emma auffordert.


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