Interview Kabarettist Jürgen Becker testet Gags in der Kneipe

Von Tom Bullmann

Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker würde sich auch in Osnabrück wohlfühlen, sagt er im Interview mit unserer Redaktion. Foto: imago/Horst GaluschkaDer Kölner Kabarettist Jürgen Becker würde sich auch in Osnabrück wohlfühlen, sagt er im Interview mit unserer Redaktion. Foto: imago/Horst Galuschka

Osnabrück. Kabarettist Jürgen Becker moderiert seit 1992 die WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“. Am 8. Juni präsentiert er sein Programm „Volksbegehren“ in der ausverkauften Osnabrücker Lagerhalle. Ein Gespräch über Köln, Karneval und das Motorradfahren.

Herr Becker, Sie kommen mit Ihrem neuen Programm „Volksbegehren“ nach Osnabrück. Geht es darin um die Stimme des Volkes, um Politik?

Nein, es geht um die Fortpflanzung. Bei dem Thema gibt es immer viel zu lachen. Und ich möchte ja, dass die Leute gute Laune bekommen. Lust und lustig, das sind zwei Wörter, die allein aufgrund desselben Wortstammes eng zueinandergehören. Und Sigmund Freud hat einmal gesagt: Der Trieb muss sich die Bahn brechen. Wenn er das nicht im Sex tut, dann im Humor. Daher haben die beiden viel gemeinsam.

Haben Sie, wenn Sie ein neues Programm geschrieben haben, eine Art Kontrollinstanz, die Ihnen Tipps gibt, was Sie vielleicht verbessern könnten? Einen Regisseur, Ehefrau, Freund?

Ich mache Tests in einer Kneipe. Das ist dann so ähnlich wie eine Lesung von Texten. Die Leute zahlen dafür einen kleinen Eintritt, den ich für einen guten Zweck spende. Das funktioniert ganz gut, weil in einer Kneipe durchaus eine ähnliche Atmosphäre herrscht, wie wenn ich auf der Bühne stehe und Kabarett mache. Man spürt direkt, ob etwas funktioniert oder nicht. Außerdem sagen einem die 60 bis 70 Leute in der Kneipe hinterher beim Bier ziemlich ehrlich, wie sie es fanden. Zu diesen Lesungen kommen zum Teil natürlich Freunde und Bekannte, aber den Großteil kenne ich nicht, denn der Wirt verkauft die Eintrittskarten.

Macht Ihnen Ihr Job eigentlich Spaß, oder wünschen Sie sich manchmal, doch lieber als grafischer Zeichner beim Kölner Dufthersteller 4711 geblieben zu sein?

Kabarett macht mit sehr viel Spaß. Das hat auch damit zu tun, dass ich früher ein schlechter Schüler war. Ich fand die Schule immer schrecklich langweilig. Also habe ich einen Beruf gewählt, in dem ich selbst eine Art Unterricht machen kann – und zwar so, wie ich ihn früher gerne gehabt hätte. Das ist mein persönlicher dritter Bildungsweg. Ich bearbeite und präsentiere Themen so, dass sich die Leute vergnüglich halb totlachen. Das gefällt mir gut: Themengebiete mit Humor vermitteln, bis das Zwerchfell des Zuhörers gut durchgeknetet ist.

Wie halten Sie es denn mit dem Karneval? In den 80er-Jahren haben Sie ja die Kölner Stunksitzung mitbegründet.

Ach wissen Sie, ich war zwölf Jahre Präsident der Stunksitzung, dann kam die Fortpflanzung ins Spiel. Ich habe eine Babypause eingelegt, die jetzt 20 Jahre alt ist und in Berlin lebt.

Nun machen Sie den Eindruck, eine echte kölsche Frohnatur zu sein. Können Sie sich eigentlich vorstellen, nicht in Köln zu leben?

Ganz bestimmt. Ich bin zwar hier geboren worden, meine Mutter lebt hier, mein Bruder und meine Freunde. Daher lebe ich auch sehr gerne in Köln. Aber wenn ich durch irgendwelche Umstände beispielsweise nach Osnabrück gespült worden wäre, würde ich mich dort auch sehr wohlfühlen.

Kennen Sie Osnabrück denn so gut, dass Sie das beurteilen können?

Ich bin ja viel in Deutschland unterwegs und schaue mir durchaus die Städte an, in denen ich gastiere. Und wie oft bin ich schon in der Lagerhalle aufgetreten! Natürlich gehe ich da auch mal raus, erkunde die Altstadt und die nähere Umgebung, beispielsweise morgens, wenn ich aus dem Hotel komme. Zugegebenermaßen kenne ich jetzt nicht jedes Viertel von Osnabrück, aber das, was ich mitbekommen habe, mag ich. Allein der Westfälische Friede ist doch schon ein Markenzeichen.

Vor einiger Zeit hatten Sie einen Motorradunfall. Ist eigentlich wieder alles in Ordnung?

Aber das ist doch schon zwei Jahre her. Da waren nur ein paar Knochen kaputt, und Knochen wachsen wieder zusammen. Ich bin auf dem Motorrad einfach nur ein bisschen müde gewesen. Da ereilte mich der Sekundenschlaf. Im Auto kennt man das ja, aber auf dem Motorrad habe ich nicht damit gerechnet. Damals habe ich das niemandem erzählt, weil mein Führerschein sonst vermutlich weg gewesen wäre. Aber jetzt ist das verjährt.

Fahren Sie denn wieder Motorrad?

Klar, das war kein traumatisches Erlebnis. Jetzt passe ich allerdings auf, dass nicht übermüdet fahre, sondern nur hellwach.

Bis ins letzte Jahr haben Sie für den WDR noch in einem Sarglager die „Baustelle Deutschland“ moderiert…

Die Sendung gibt es leider nicht mehr. Dafür bin ich ja jetzt mit dem „Volksbegehren“ unterwegs. „Begehren“ ist in dem Zusammenhang das Entscheidende. Es handelt sich um eine Art Kulturgeschichte der Fortpflanzung. Da führe ich unter anderem aus, dass es vollkommener Quatsch ist, dass Sex ausschließlich zur Fortpflanzung da ist. Das will uns die Kirche weismachen, gerade bei ihnen in der Nachbarschaft, im schwarzen Münsterland. Auf der anderen Seite geht Fortpflanzung ja auch ohne Sex. Im Tierreich bekommt eine Blattläusin ohne Zutun eines Blattlausbuben locker mal zehn Töchter am Tag. Die können tatsächlich unehelich hundert Kinder herstellen. Das kann sonst nur Franz Beckenbauer.

Seit 1992 moderieren Sie die WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“. Sind Sie dem Sender eigentlich dankbar für diese nachhaltige Kabarettplattform?

Natürlich. Ich finde es wunderbar, dass wir da so einen Freiraum haben. Aus diesem Grund sind wir ja auch nie zur ARD gewechselt, obwohl man das ständig angefragt hat. Aber da war ich mir mit Wilfried Schmickler immer einig: Das machen wir nicht. Wir bleiben beim WDR, das ist unsere Spielwiese. Hier redet uns keiner rein, und wir können machen, was wir wollen.


Jürgen Becker: „Volksbegehren“. Mittwoch, 8. Juni, Lagerhalle (ausverkauft)

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