Ein Wohnturm wie ein Schiff Sanierung: Im Osnabrücker Iduna-Hochhaus wird aufgeräumt

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Osnabrück. Drei Zwangsversteigerungen in nur zwei Monaten: Im Iduna-Hochhaus wird aufgeräumt. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Verwalterin Susanne Meyer-Barlag, und das klingt nicht gerade nach einem Spaziergang. Bei 20 Stockwerken und 140 Bewohnern auch kein Wunder.

Heizen mit Strom, Müllschlucker für jede Etage, Schwimmbad im 19. Stock: So stellte man sich in den 70er Jahren das Wohnen der Zukunft vor. Der Fortschrittsglaube war ungebremst, die Irrtümer entlarvten sich erst später. In den 40 Jahren seines Bestehens haben Mieter und Eigentümer des Iduna-Hochhauses in manchen Abgrund blicken müssen. Und beim Versuch, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, sind einige von ihnen auf der Strecke geblieben.

Die Sanierung des 65 Meter hohen Betongebäudes verschlingt viel Geld.

Toller Blick auf die Altstadt

„Als wir es 2005 übernommen haben, waren 40 Prozent der Eigentümer notleidend“, sagt Verwalterin Susanne Meyer-Barlag von der Petersson Wohnungsverwaltungs-Gesellschaft. Die Rücklage war aufgebraucht und nur mit Mühe gelang es, einen Fonds aufzubauen, um das Haus den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. „Das ist wie mit einem großen Schiff“, erläutert die Geschäftsführerin, aber dieses Schiff nehme langsam Fahrt auf.

„Leider viel zu langsam“, bedauert Theodor Koulen, der schon seit 1977 im Iduna-Hochhaus wohnt. Aus seiner Sicht hat der höchste Wohnturm Osnabrücks viele Vorzüge und zugleich einige Ärgernisse. Noch immer begeistert er sich über den tollen Blick auf die Altstadt, über die kurzen Wege zum Einkaufen, zum Theater oder zur Bank, und seine 53-Quadratmeter-Wohnung im neunten Stock ist tipptopp gepflegt. Aber sobald er auf den Flur mit den zwei Aufzügen tritt, ärgert er sich über die halb fertige Decke, aus der Stromkabel und Wasserleitungen hervorquellen. Seit zwei Jahren sei das nun schon so, klagt der 78-Jährige, und wenn er sich beschwere, dann heiße es immer nur „wir bemühen uns!“

Koulen ist überzeugt, dass sich die Verwaltung tatsächlich bemüht, denn er hat schon Zeiten erlebt, in denen sich gar nichts bewegte. Aber er wünscht sich, dass die Fahrstühle, Flure und das Treppenhaus besser gepflegt werden, dass der Eingangsbereich aufgefrischt und die seit Wochen defekte Waschmaschine im Keller repariert wird.

Verstopfung im Müllschlucker

Früher gab es auch noch Ärger, wenn der Müllschlucker verstopft war, weil jemand Pappkartons hineingezwängt hatte, ohne sie zu zerkleinern.

Bis die Eigentümergemeinschaft den Schacht schließlich dichtmachen ließ. So erging es auch dem kleinen Schwimmbad ganz oben, das zuletzt keinen schönen Anblick mehr bot und schließlich wegen der Unterhaltungskosten aufgegeben wurde.

Theodor Koulen hat in den knapp 40 Jahren manchmal erwogen, auszuziehen. Aber dann ließ er sich vom Blick nach draußen doch wieder versöhnen. Er mag den Smalltalk im Fahrstuhl, schätzt die freundliche Begegnung mit anderen Bewohnern („am freundlichsten sind die Ausländer“) und besucht den einen oder anderen Hausgenossen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren.

Die Probleme im Wohnturm wären nach Koulens Auffassung geringer, wenn mehr Eigentümer ihre Wohnung selber nutzen würden. So wie er. Aber das sind nur 14 von 128. Je größer die Entfernung, desto geringer das Problembewusstsein, lautet seine Erfahrung. Und damit die Bereitschaft, für den Betonkoloss am Erich-Maria-Remarque-Ring Geld locker zu machen.

Gas- statt Elektroheizung

Immerhin hat die Eigentümergemeinschaft in den vergangenen Jahren dringend notwendige Investitionen gestemmt. Verwalterin Susanne Meyer-Barlag zählt auf: Eine neue Brandmeldeanlage sei installiert worden, eine Vernebelungsanlage, eine Sicherheitsbeleuchtung und ein Notstromaggregat für die beiden Aufzüge. Die Frischwasser- und Abwasserleitungen seien komplett erneuert worden, 60 der 128 Wohnungen hätten schallgedämmte Lüfter bekommen, und an der lauteren Ostseite seien Schallschutzfenster eingebaut worden.

Zur Dauerbaustelle ist für Meyer-Barlag die neue Gasheizung geworden, die an die Stelle der energiefressenden Nachtspeicher-Fußbodenheizung treten sollte. Der Druck war groß, weil ein Verbot von Elektroheizungen bis Ende 2016 drohte. Die Hausgemeinschaft entschied sich für ein Kapillarmattensystem, das an den Decken angebracht wird, um Strahlungswärme an den Raum abzugeben. Doch dann wurde die Schonfrist für E-Heizungen um vier Jahre verlängert. Mit der Folge, dass viele Eigentümer die Umrüstung hinauszögern. Bislang ist erst jede dritte Wohnung an die neue Anlage angeschlossen.

Es gibt Wohnungseigner, die nicht mal ihren Anteil für das Hausgeld aufbringen können. Damit bremsen sie die Fahrt, die das Schiff zumindest nach den Worten von Susanne Meyer-Barlag schon aufgenommen hat. Und werden selbst von einem Strudel weiter in die Tiefe gezogen.

„Sun-Tower“ ist vom Tisch

Drei Wohnungen sind seit Mitte März in die Zwangsversteigerung gekommen. Deren Eigentümer seien aber nicht durch Hausgeldschulden in die Insolvenz getrieben worden, betont die Verwalterin. Allerdings habe die Gemeinschaft in zwei Fällen die Versteigerung initiiert, im dritten sei es eine Bank gewesen.

Innen ist also einiges in Bewegung, aber außen? Vor fünf Jahren wurden Pläne vorgestellt, aus dem Iduna-Hochhaus einen „Sun-Tower“ zu machen, mit Wärmedämmung und Fotovoltaikmodulen bis zum Dach. Die sind vom Tisch. „Diesen Turm einzupacken, macht keinen Sinn“, meint Susanne Meyer-Barlag. Eine Außendämmung würde technische Probleme aufwerfen, zudem seien die Waschbetonplatten bereits gedämmt. Wegen der geringen Außenfläche halte sich der Energiehunger aber ohnehin in Grenzen.

Mit seiner markanten Wabenarchitektur werde das Iduna-Hochhaus noch lange zum Stadtbild gehören, prophezeit Meyer-Barlag: „Wir warten darauf, dass es zum Baudenkmal erklärt wird!“


Schräglage? Nur ein Gerücht

Das Iduna-Hochhaus wurde ab 1972 von der gleichnamigen Versicherung am Erich-Maria-Remarque-Ring errichtet. Mit 65 Meter Höhe überragt es alle anderen Wohnhäuser in Osnabrück deutlich, die Wohnfläche beträgt 6500 qm. Ende der 80er Jahre verkaufte die Versicherungsgesellschaft alle 128 Wohnungen. In der Folgezeit litt der Ruf des Hauses, weil Unterhaltungsarbeiten unterblieben und zweifelhafte Bewohner einzogen.

Gerüchte machten die Runde, der Turm bekomme Schräglage oder er müsse wegen Bauschäden abgerissen werden. Kompletter Unsinn, sagen die Fachleute dazu. Nach der Jahrtausendwende begann die Hausgemeinschaft, den Sanierungsstau zu beheben. 2005 wurden die beiden Aufzüge erneuert. Zu den Modernisierungen der vergangenen Jahre gehören der Brandschutz, eine gasbefeuerte Deckenheizung, eine Videoüberwachung und ein komplett neues Leitungssystem für Wasser und Abwasser.

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