Einzigartige Klinik in Wallenhorst Im Kampf gegen das Trauma das Drogenproblem lösen

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Wallenhorst. Trauma und Sucht sind stark miteinander verbunden. Drogenkonsum ist oft die Flucht in die vermeintliche Gefühllosigkeit, um die Folgen des Traumas ertragen zu können. In der Fachklinik Nettetal in Wallenhorst wird gezielt die Suchterkrankung in Verbindung mit einem Trauma behandelt.

„Wenn jemand traumatisiert ist, kann das schwerwiegende Folgen haben“, sagt Dr. Elke Sylvester, leitende Ärztin in der Fachklinik Nettetal, welche von der Caritas getragen wird. Seit über fünf Jahren hat sich die Klinik auf Suchterkrankungen bei Männern in Verbindung mit Trauma spezialisiert. „Diese Verbindung wurde insbesondere bei Männern oft vernachlässigt“, betont Sylvester.

Auch Markus (Name von der Redaktion geändert) hat versucht, sein Trauma mit Drogen zu bewältigen. „Ich wollte meine Gefühle im Zaun halten, so dass schlechte Gefühle nicht hochkommen“, sagt der 41-Jährige. „Die Flucht ist mir in die Wiege gelegt worden. Meine Mutter ist in die Arbeit geflüchtet, mein Vater in den Alkohol.“

Mit Marihuana fing alles an

Schon früh wurde Markus so zur Selbstständigkeit erzogen und hatte viel Freiräume, sich auszuprobieren und fing so mit Marihuana an. „Doch irgendwann musste immer mehr kommen, um die Gefühle weiter im Zaun zu halten“, erzählt er. Danach folgte Heroin, „der Stoff aus dem die Träume dann nicht mehr sind“, erzählt er.

Trotz des stärkeren Mittels reichte auch Heroin irgendwann nicht mehr aus, um „sich in das Schneckenhaus zurückzuziehen“. „Jede Stunde musste Stoff nachkommen. Irgendwann hat man sich alles genommen, was man finden konnte, wie Cremes oder anderes“, erinnert sich Markus.

„Lernen Gefühle zu zeigen“

Der Rausch endete schließlich im Gefängnis, wo Markus einen kalten Entzug machte. Danach folgten mehrere Jahre mit Rückfällen und auch Erfolgen. Insgesamt siebenmal hat er alles verloren. „Drei Ehen, Häuser, zig Jobs. Ich habe insgesamt siebenmal bei Null angefangen, nur mit einer Tasche in der Hand“, sagt Markus.

Jetzt ist er in der Fachklinik Nettetal, um zu lernen, wie er mit den Folgen seines Traumas umgehen kann. „Ich lerne mehr und mehr, über meine Gefühle zu reden und sie auch zu zeigen“, sagt er. Komplimente anzunehmen, falle ihm aber nach wie vor immer noch schwer, doch in der Therapie erlernt er Strategien, wie genau er damit im Alltag umgehen kann.

Patienten lernen die Abstinenzfähigkeit

Während der Behandlung gehe es weniger darum das Trauma zu bewältigen, sondern mehr darum mit dem Trauma zu leben. „Das nennt sich Traumastabilisierung“, erklärt Dr. Sylvester. Denn genau die Symptome des Traumas seien die Auslöser für den Start in den Drogenkonsum. „So erlernen die Patienten die Abstinenzfähigkeit“, sagt Verena Glasker, Bezugstherapeutin der Fachklinik. „Sind die Traumafolgen weniger, werden Drogen nicht mehr gebraucht“, sagt Glasker weiter.

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In den 12 bis 22 Wochen Aufenthalt lernen die Patienten mit den Folgen ihres Traumas umzugehen, über ihre Gefühle zu sprechen anstatt sie mittels Drogen verstummen zu lassen. „Sicherheit suchen heißt das Programm, in dem sich Patienten genau darüber austauschen können“, sagt Glasker. Während des Aufenthalts findet auch ein intensives Alltagstraining und eine berufliche Orientierung statt, um die Gefahr eines Rückfalls zu minimieren.

Fachklinik niedersachsenweit einzigartig

Bei Frauen ist die Verbindung zwischen Drogenkonsum und der Bewältigung der Traumafolgen schon länger bekannt. Durch eine Studie 2008 konnte gezeigt werden, dass 75 Prozent der männlichen Suchtkranken traumatisiert sind. „Das konnten wir nicht ignorieren“, betont Sylvester. Seitdem ist die Fachklinik Nettetal die einzige Klinik in Niedersachsen, die diese Kombination in ihrer Behandlung berücksichtigt.

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Der „Vater“ der Suchtklinik Nettetal

In den 1980er-Jahren wurde die Suchtbehandlung zu einer immer wichtigeren Aufgabe. Werner Bensmann arbeitete von 1978 bis 1998 als Referent für Gefährdetenhilfe beim Caritasverband. Zu seinen Aufgaben zählte der Aufbau von Beratungsstellen für Suchtkranke im Landkreis Osnabrück und im Emsland. Er gilt als Initiator der Suchthilfe-Einrichtungen im Nettetal.

Im Interview schildert er, wie es dazu kam: „Die Einrichtung im Nettetal, dort, wo jetzt die Fachklinik steht, stand 13 Jahre leer; davor war dort das Müttergenesungsheim St. Anna. Als Caritasdirektor Monsignore Meyer mich fragte, ob ich eine Idee für die Einrichtung hätte, sagte ich spontan: ‚Ja, Drogenhilfe.‘ Seine Antwort, ebenso kurz und knapp: ‚ Ja, das machen wir.‘ Dann bin ich mit ihm nach Hannover gefahren ins Sozialministerium. Ein paar Monate später kamen alle Beteiligten auf dem im nahen Wald liegenden Familienfriedhof der Familie Wolbers-Schweers zusammen. Es wurde einstimmig der Beschluss gefasst, eine Einrichtung für Drogenabhängige zu schaffen. 1982 ging es ans Werk, mit einer Mannschaft, die richtig angepackt hat. In unserem ersten, mit der Hand geschriebenen Konzept stand, die Würde und die Einmaligkeit des Menschen zu achten und dass wir niemanden aufgeben. Das ist das Typische der Caritas.“

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