Jubiläum im Bistum Osnabrück 100 Jahre alt: Von der Notstands- zur Wohlstands-Caritas

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Osnabrück. Das lateinische Wort „caritas“ heißt „Nächstenliebe“ oder „Wohltätigkeit“. 1897 wurde in Köln der katholische Wohlfahrtsverband Caritas gegründet. Das Bistum Osnabrück zog am 23. Mai 1916 mit der Gründung eines eigenen Diözesanverbandes nach. Er feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen.

Bundesweit ist die Caritas heute in mehr als 900 eigenständigen Organisationseinheiten mit 590000 hauptamtlichen Mitarbeitern organisiert und gilt als größter privatrechtlicher Arbeitgeber Deutschlands. Die Entsprechung in der evangelischen Kirche ist die Diakonie.

In ihren Anfangsjahren steht die Caritas in Deutschland auf recht schwachen Füßen. Die Amtskirche ist skeptisch, da sie ungern Macht und Einfluss abgibt. Erst unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs ringt sich die Deutsche Bischofskonferenz 1916 zu einer Anerkennung des Caritasverbandes durch. Bis 1922 entstehen in allen deutschen Bistümern Diözesan-Caritasverbände.

Osnabrück ist mit der Gründung im Mai 1916 relativ früh dabei. So merkwürdig es klingt: Der Weltkrieg eröffnet der Caritas große Entwicklungsmöglichkeiten. Amtskirche und Laienbewegung rücken zusammen, weil sie der monopolartig wachsenden staatlichen Fürsorge nicht das Feld überlassen möchten und ihr die Caritas aus christlicher Glaubensüberzeugung zur Seite stellen. So kann es geschehen, dass der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning zur zentralen Figur dieser Gründung wird, nachdem sich der Episkopat fast 20 Jahre bedeckt gehalten hatte.

„Liebe Christi drängt“

„Caritas urget, die Liebe Christi drängt! Das soll der Wahlspruch für unsere Caritasarbeit sein. In der Liebe des göttlichen Heilandes vorwärts in der christlichen Liebestätigkeit für alle Notleidenden!“ Mit diesen Worten besiegelt Bischof Berning die Verbandsgründung in der Stadthalle am Kollegienwall. Brausender Beifall der Delegierten. Wie sehr die Caritas drängt, steht allen mehr als deutlich vor Augen, denn zur gleichen Zeit tobt in der Hölle von Verdun eine der blutigsten Schlachten aller Zeiten. Bewusst stellt Berning diese „Mission des heiligen Mitleids“ in die lange karitative Tradition der Kirche, die sich schon immer um alle Notleidenden gekümmert hat.

Die Zeit der Weimarer Republik stellt Autor Christian Schwertmann in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen unter die Überschrift „Etablierung und Selbstbehauptung“. Mit dem Ende des Krieges ist die Not nicht vorbei. Die völlig unzureichende Versorgung mit dem Lebensnotwendigsten wie Nahrung, Kleidung und Wohnung bestimmt das karitative Handeln. Daneben entwickelt der Caritasverband von Beginn an einen Schwerpunkt in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen. 7500 unterernährte Stadtkinder werden in der Diözese untergebracht oder noch weiter in die Niederlande landverschickt. Auch eine örtliche Erholungsstätte gibt es bald. 1926 richtet der Verband sie auf dem Schölerberg ein. Das Gelände, das der Hofbesitzer Potthoff aus Nahne zur Verfügung stellt, wird mit einer Baracke bebaut und von Thuiner Schwestern geleitet. Kinder, die in den Genuss der halb- oder ganztägigen „Kuren“ kommen, werden nach Gesundheitszustand von den Schulrektoren unter Hinzuziehung des Stadtschularztes Dr. Osthoff ausgewählt. 1927 wird auf dem Schölerberg eine zweite Baracke gebaut, die bei schlechtem Wetter als Unterkunft dient.

Weitere Einrichtungen entstehen, werden ausgebaut oder gefördert: das katholische Jugendheim in Haste, das katholische Kinderheim Borkum, das Ludgeristift, das St.-Josef-Haus Norderney, das St.-Elisabeth-Krankenhaus in Bad Rothenfelde, das St.-Marien-Stift in Schwagstorf, das St.-Georg-Stift in Thuine, die Fürsorgeanstalt Johannesburg in Surwold und das provisorisch in der Stadthalle Osnabrück untergebrachte Waisenhaus.

Winterhilfe 1931

Nach einer Phase verbesserter Lebensverhältnisse ab 1924 bringt die Weltwirtschaftskrise 1929 Massenarbeitslosigkeit und damit wieder existenzielle Not. Die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege richten 1931 gemeinsam die „Winterhilfe“ ein. In diesem Rahmen formuliert Bischof Berning schon mehr als eine Bitte: „So ordne ich denn eine in allen Landgemeinden der Diözese abzuhaltende Lebensmittelkollekte an. Die Verteilung der Gaben ist dem Caritasverband übertragen.“

Ein Beispiel für die Verbindung von Hilfe, politisch-religiöser Positionierung und finanzieller Sicherung der Arbeit ist die „Caritas-Vorsorge“. Sie ist weit mehr als eine Versicherung, denn die Provisionen aus dem Versicherungsgeschäft stellen einen wesentlichen Faktor der Finanzierung des Diözesancaritasverbandes dar. Ihre Zielsetzung liegt auch im „Kampf den Freidenkern, Gottlosenverbänden und Feuerbestattern“, in denen eine Bedrohung des Katholizismus gesehen wird.

Im Nationalsozialismus widersteht die Caritas dem Versuch, sich auf rassehygienischen Kurs bringen zu lassen. Die erreichte Professionalität und die enorme Fülle der karitativen Tätigkeiten machen sie unverzichtbar für das neue Regime. Nützlichkeitserwägungen wie auch die formalrechtliche Garantie durch das Konkordat stellen sicher, dass der Caritasverband als Organisation überlebt. Das heißt aber nicht, dass alle Einzeleinrichtungen unbehelligt bleiben. Das Raphaelswerk, das deutsche Auswanderer und insbesondere „nicht arische Katholiken“ bei der Ausreise unterstützt, wird ebenso verboten wie die Bahnhofsmission. Einzelne Anstalten und Heime werden beschlagnahmt und der NSV unterstellt wie Kindergärten in Meppen und Bentheim 1941 oder das Mutterhaus der Missionsschwestern vom heiligen Namen Mariens in Meppen. „Insgesamt stehen über die Zeit des Dritten Reiches auch in Osnabrück Rückzugsgefechte und Niederlagen im Kampf mit dem System, Verhandeln, Kooperieren und Widerstand nebeneinander“, resümiert der Autor der Caritas-Chronik.

Für die Caritas gibt es 1945 keine Stunde null. Die Arbeit geht sogleich weiter. Durch den Untergang der staatlichen Strukturen kommt den konfessionellen Hilfsorganisationen eine umso größere Bedeutung zu. Im Prinzip sind die Kirchen und angeschlossenen Verbände in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein „Staatsersatz“.

Die Jahre von 1945 bis 1949 werden zur hohen Zeit der Caritas. Die Militärregierungen unterstützen in aller Regel die Tätigkeit der Wohlfahrtsverbände schon allein deshalb, weil sie den Überresten kommunaler Strukturen noch kaum wieder Vertrauen schenken. Aus der Fülle der karitativen Hilfeleistungen ragen neue Aufgaben heraus: so die Verteilung der Care-Pakete an Bedürftige oder die Organisation eines Suchdienstes – angesichts Millionen heimatloser Menschen eine Riesenaufgabe. Auch werden Kriegsgefangene betreut und deutschen Gefangenen im Ausland Rechtsschutz gewährt, Heimkehrern Arbeitsplätze und Erholungsaufenthalte vermittelt, in Osnabrück und Schleswig-Holstein Siedlungen für Heimatvertriebene angelegt.

Mit der Währungsreform 1948 und der Gründung der Bundesrepublik beginnt eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Deutschland einen bis dahin unbekannten Wohlstand bringt. Er erfordert eine grundsätzliche Neubestimmung des Caritasgedankens. Der Verband muss den Weg von der Notstands- zur Wohlstandscaritas finden. Was nicht einfach ist, denn Notlagen sind nicht mehr jederzeit erkennbar. Armut wird als Mangel empfunden, der Scham und sozialen Rückzug auslöst. In diese Umbruchzeit gehören auch Geschehnisse, um deren Aufarbeitung sich Bischof Bode und die Caritas-Direktion seit 2011 bemühen. Ehemalige Schützlinge des Hauses St. Raphael in Osnabrück hatten schwere Vorwürfe gegen den Caritasverband und Ordensschwestern erhoben. In den Sechziger- und Siebzigerjahren soll es zu Misshandlungen gehörloser Kinder gekommen sein. 50 ehemalige Heimbewohner waren zu einem persönlichen Gespräch eingeladen, um die Erlebnisse auszutauschen. Die Gespräche standen im Zeichen der Bitte um Vergebung.

Neue Anforderungen

„Caritas ist eine Antwort des Glaubens auf die Anforderungen der Zeit, die sich wandeln“, schreibt Bischof Franz-Josef Bode im Vorwort zur Chronik. Somit haben sich auch die Strukturen des Diözesancaritasverbands gewandelt. Zu den Einrichtungen zählen heute Pflegedienste, Einrichtungen der Altenpflege und der Behindertenhilfe, der Suchtkranken- und Drogenhilfe, der Kinder- und Jugendhilfe und für Kur und Erholung.

Insgesamt sind es im Bistum Osnabrück 715 Einrichtungen und Dienste, in denen 2014 mehr als 510000 Menschen von rund 23 600 Mitarbeitenden begleitet, behandelt oder betreut werden.


1916 – Am 23. Mai 1916 gründet Bischof Wilhelm Berning den Caritasverband für die Diözese Osnabrück e.V.

1918 – Der Verband zieht in das neu errichtete Haus Johannisfreiheit 7 um.

1927 – In Hamburg, Bremen, Lübeck, Kiel, Schwerin, Neustrelitz, Eutin, Lingen, und Haren bestehen Bezirkssekretariate der Caritas.

1939 – Die Bahnhofsmissionen werden gezwungen, ihren Dienst einzustellen.

1942 – Die Fachschule für Sozialpädagogik im Osnabrücker Wilhelm-Stift muss ihre Ausbildung einstellen.

1948 – Auf Norderney wird die Mütter-Kur-Einrichtung Maria am Meer eröffnet. Das Haus St. Raphael Osnabrück-Haste wird eine Einrichtung für hörgeschädigte Kinder und Jugendliche.

1954 – Der Caritasverband richtet in Osnabrück seine erste Suchtberatungsstelle ein.

1965 – Das Müttererholungsheim St. Anna, Bad Iburg, wird eingeweiht.

Die Berufsfachschule Altenpflege wird in Belm gegründet.

1967 – Das St.-Lukas-Heim in Papenburg wird gegründet. Wilhelmine Lübke, die Frau des Bundespräsidenten, eröffnet die Sammlung für

das Müttergenesungswerk im Müttererholungsheim St. Anna, Bad Iburg.

1968 – Eröffnung des Seniorenzentrums St. Franziskus in Osnabrück.

1970 – In den Siebzigerjahren eröffnet der Caritasverband im ganzen Bistum Sozialstationen, die die ambulante Pflege sicherstellen, so in Bersenbrück, Freren/Lengerich/Spelle, Lorup, Melle, Nordhorn, Meppen, Osnabrück, Papenburg.

1975 – In Osnabrück wird das Carl-Sonnenschein-Haus für Mütter mit Kindern eröffnet.

1982 – Die Therapeutische Gemeinschaft Nettetal, eine stationäre Einrichtung für drogenabhängige Männer, wird in Wallenhorst eröffnet.

1983 – Das St.-Maria-Elisabeth-Haus, eine stationäre Einrichtung der Behindertenhilfe, wird in Bad Laer eröffnet.

1989 – Das Simeon-Haus Senioren- und Pflegeheim Lingen wird eröffnet.

Das St.-Benno-Haus, eine Einrichtung der Behindertenhilfe, wird in Osnabrück eröffnet.

1995 – Das Bistum Osnabrück wird geteilt; es entsteht das neue Erzbistum Hamburg mit einem eigenen Caritasverband.

1997 – Das Theresien-Haus in Glandorf, eine Einrichtung für chronisch mehrfach beeinträchtigte Suchtkranke, wird eröffnet.

1999 – Die Russlandhilfe wird intensiviert. Die erste „Kuh für Marx“ wird gespendet.

2015 – Eröffnung der neuen Fachklinik Hase-Ems in Haselünne, Rehabilitation bei Abhängigkeitserkrankungen.

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