Bundesweit Platz 66 von 76 Osnabrück schneidet bei Fußgängerfreundlichkeit schlecht ab

Beim Thema Fußgängerfreundlichkeit schneidet Osnabrück in einer aktuellen Untersuchung vergleichsweise schlecht ab – wie hier am Neumarkt. Der Verkehr staut sich dort regelmäßig, wenn Autofahrer in die Kreuzung einfahren, obwohl sich der Verkehr davor bereits staut. Foto: Michael GründelBeim Thema Fußgängerfreundlichkeit schneidet Osnabrück in einer aktuellen Untersuchung vergleichsweise schlecht ab – wie hier am Neumarkt. Der Verkehr staut sich dort regelmäßig, wenn Autofahrer in die Kreuzung einfahren, obwohl sich der Verkehr davor bereits staut. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Verkehr ist ein großes Streitthema in Osnabrück, und zumeist geht es um Autofahrer oder Radfahrer – oder Autofahrer gegen Radfahrer. Doch nun zeigt eine Untersuchung: Auch Fußgänger könnten es in Osnabrück besser haben.

Das zumindest geht aus einer aktuellen Untersuchung hervor, deren Ergebnisse im Blog „Zukunft Mobilität“ nachzulesen sind. Der Erfurter Student für intelligente Verkehrssysteme und Mobilitätsmanagement, Jörg Kwauka, untersuchte für seine Masterarbeit den Fußverkehr deutscher Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Sein Ergebnis: Osnabrück erreicht mit 50 Punkten lediglich den 66. von 76 Plätzen. In Niedersachsen liegt nur noch Oldenburg mit 46 Punkten und dem 71. Platz dahinter. Göttingen schneidet landesweit mit 73 Punkten am besten ab und erreicht bundesweit Platz drei. Osnabrücks Nachbarn Münster (Platz 16, 60 Punkte) und Bielefeld (Platz, 45, 54 Punkte) schneiden ebenfalls besser ab. Der Durchschnittswert liegt bei 56 Punkten, den 35 Städte erreichen.

Jena top – Saarbrücken Flop

Den bundesweit höchsten Wert erreichen Jena und Rostock mit jeweils 76 Punkten. „Nach der autogerechten Stadt in 1960ern und 1970ern haben einige Städte erkannt: Das Stadtbild muss menschennäher sein“, sagt Kwauka. Am Ende der Skala stehen Heidelberg (36 Punkte), Regensburg (39) und Saarbrücken (39).

Grundlage der Untersuchung waren fünf Indikatoren, aus denen der 26-Jährige den Perpedesindex 2016 realisierte: Umwegefaktor (Erreichbarkeit), Erholungsfläche pro Einwohner (Attraktivität), im Verkehr getötete Fußgänger pro eine Million Einwohner (Verkehrssicherheit), Motorisierungsgrad (Autos pro 1000 Einwohner/Verkehrsbelastung) sowie der Anteil des Fußgängerverkehrs am Modal Split, also die Verteilung des Verkehrs auf die Verkehrsmittel.

Jeder Indikator wurde gleichgewichtet. „Die Stadt mit dem geringsten Motorisierungsgrad bekam die meisten Punkte – und so war es bei den Indikatoren Verkehrssicherheit und Umwegefaktor auch“, erklärt Kwauka. Die höchsten Werte bei den Indikatoren Erholungsfläche und Modal-Split bedachte er mit den meisten Punkten.

„In Osnabrück läuft kaum jemand“

Den Modal Split – „einfach gesagt: die Verkehrsmittelwahl“ – errechnete Kwauka auf Basis der Zensusdaten. „Insgesamt laufen knapp 20 Prozent zur Arbeit – aber in Osnabrück kaum jemand.“ Die Daten zur Verkehrsmittelwahl beschränken sich allerdings auf Arbeitswege. Den Freizeitbereich deckt der Indikator nicht ab.

Beim Indikator Erholungsfläche geht es um „reine Erholungsflächen mit etwa Spielplätzen und Parks“, sagt Kwauka. Diese Daten habe beim Bundesamt für Statistik eruiert. „Hier ist Magdeburg mit 100 Quadratmetern pro Einwohner ganz vorne.“ Die Zahl der Verkehrstoten erhielt er aus Unfallstatistiken.

Den Umwegefaktor errechnete Kwauke mithilfe der Fußgängerroutensuche von Google Maps. Ab den Rathäusern fragte er für einen Radius von einem Kilometer vier Alternativrouten ab und bildete daraus einen Durchschnitt.

Von ein paar Verbänden und Städten habe Kwauka bereits Anfragen erhalten. Das schlecht abgeschnittene Heidelberg etwa wollte mehr zu seiner Vorgehensweise wissen. Von seinem betreuenden Professor sei die bisherige Rückmeldung zu seiner Arbeit gut.

Ergebnisdetails für unsere Region:

  • Göttingen: Platz 3, 73 Punkte (bester Wert in Niedersachsen)
  • Münster: Platz 16, 60 Punkte
  • Paderborn: Platz 22, 59 Punkte
  • Bielefeld: Platz 45, 54 Punkte
  • Bremen: Platz 35, 56 Punkte
  • Osnabrück: Platz 66, 50 Punkte
  • Oldenburg: Platz 71, 46 Punkte (schlechtester Wert in Niedersachsen)


Jörg Kwauka

studierte intelligente Verkehrssysteme und Mobilitätsmanagement an der Fachhochschule Erfurt. Während seines Studiums hat er seine Leidenschaft zum Fußverkehr entdeckt. Er wirkte unter anderem als wissenschaftlicher Hilfsmitarbeiter am Institut für Verkehr und Raum und bearbeitete Projekte zum Themenfeld der urbanen Mobilität mit Schwerpunkt Fußverkehr.

Details zu den fünf Indikatoren:

Während der Motorisierungsgrad und die Erholungsfläche pro Einwohner schnell über das Statistische Bundesamt erhoben werden konnten, mussten die anderen Indikatoren aufwendiger ermittelt werden:

Umwegefaktor (Quotient aus Luftliniendistanz und Reiseweg): Der Umwegefaktor wurde mithilfe der Fußgängerroutensuche von Google Maps realisiert. Dabei wurde in allen untersuchten Städten jeweils das Rathaus „angepingt“ und ein Radius von einem Kilometer gesetzt. Es gab insgesamt vier Routenabfragen von den jeweiligen Kreisgrenzen (Nord-Süd, Ost-West, Nord Ost- Süd- West, Nord West- Süd Ost), aus denen ein Durchschnitt errechnet wurde und die jeweils mit der Luftlinie (2 km) korreliert wurde.

Getötete Fußgänger pro eine Million Einwohner: Dieser Wert wurde entweder aus der öffentlich zugänglichen Verkehrsstatistik der Polizeipräsidien, jedoch wesentlich häufiger auf Anfrage erhobener Daten von Leichtverletzten (LV), Schwerverletzten (SV) und Getöteten (G) Fußgängern aufgenommen.

Modal Split: Derzeit gibt es keine diesbezügliche grundlegende Verkehrsuntersuchung mit der Bandbreite an Städten, die der Perpedesindex 2016 bietet. Jedoch wurde im Mikrozensus 2012 abgefragt, welches das am meisten genutzte Verkehrsmittel auf dem Weg zur Arbeit ist. Dieser Wert konnte für alle Städte erhoben werden.

Quelle: www.zukunft-mobilitaet.net

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