Von Flüchtling gerettet Flugzeugabsturz in Osnabrück: Überlebender berichtet

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Am 10. März stürzte in Osnabrück ein Kleinflugzeug ab. Der Architekt Michael Walter (47) überlebte als einer von vier Menschen an Bord – weil ein Flüchtling ihn rettete. Im Interview erklärt der Osnabrücker, wie er den Unfall erlebt hat, warum er sich für seinen Lebensretter einsetzt und welche Lehren sich aus dem Unglück für die Flüchtlingsdebatte in Deutschland ziehen lassen.

Herr Walter, wie haben Sie die Katastrophe erlebt?

Als Katastrophe habe ich das Ereignis überhaupt nicht erlebt. Die Außenlandung, wie es technisch richtig heißt, haben ja alle Beteiligten überlebt. Dafür bin ich dem Piloten, allen Ersthelfern, Feuerwehr und Polizei sehr dankbar. Und natürlich allen Ärzten, Pflegern und Therapeuten, die mich wiederhergestellt haben.

Zum Unfall selbst kann ich dies sagen: Wir waren zu dritt auf dem Weg von Osnabrück zu einem Geschäftstermin in Süddeutschland. Meine beiden Kollegen sind hinten in das Flugzeug eingestiegen. Ich habe neben dem Piloten Platz genommen. Es war alles wie immer. Wir sind ja schon häufiger so geflogen.

Aber diesmal gab es direkt nach dem Start ein technisches Problem.

Ein Motor fiel aus, die Maschine ist nach links weggekippt, der Pilot musste die Notlandung einleiten. Alles ging ziemlich schnell. Bis wir auf dem Gelände der Landwehrkaserne aufgeschlagen sind, vergingen vielleicht zwei Minuten. Der Flugplatz Atterheide, wo wir gestartet sind, liegt ja auch ganz in der Nähe.

Haben Sie sofort gemerkt, dass es jetzt lebensgefährlich wird?

Ja, ich wusste, es ist sehr kritisch. Aber ich bin nicht panisch geworden und habe auch nicht versucht einzugreifen, sondern mich auf das Können des Piloten verlassen, an meine Familie gedacht und die Augen geschlossen. Ich habe bewusst weggesehen.

Zwischen Hoffen und Bangen

Hatten Sie keine Angst?

Doch, das war ein Moment der Angst, aber auch der Hoffnung. Und der inneren Ruhe. Ich war ganz bei mir selbst, sehr gefasst. Eine Grenzerfahrung. Ich habe mit allem gerechnet und hätte auch alles angenommen.

Spricht für ein ausgeglichenes Wesen.

Spricht vielleicht dafür, dass ich das Glück habe, ein schönes Leben zu führen. Mit einer tollen Familie, einer tollen Frau, wunderbaren Kindern – und auch Dingen im Leben, die man nicht so ernst nimmt und genießt. Das wurde mir in dem Moment besonders bewusst.

Wann setzt Ihre Erinnerung wieder ein?

Abgesehen von Bruchstücken mit dem Aufwachen aus der Narkose. Von der Rettungsaktion habe ich nichts mitbekommen, obwohl ich während der ganzen Zeit ansprechbar war und reagiert habe. Offenbar schützt sich der Mensch vor solchen Erlebnissen.

Bewegender Moment im Krankenhaus

Sie wurden von einem Flüchtling aus der Unterkunft in der Landwehrkaserne gerettet: Hassanien Salman, 34 Jahre, Tierarzt aus dem Irak. Mit ihm pflegen sie inzwischen engen Kontakt. Wie kam es dazu?

Er hat mich ein paar Tage nach meiner Operation zusammen mit einem weiteren Lebensretter aus Eritrea im Krankenhaus besucht. Ich habe ihn sofort erkannt, weil ich sein Gesicht in der Zeitung gesehen hatte. Als er dann zu mir ins Zimmer kam, war das ein sehr bewegender Moment.

Wie haben Sie sich verständigt?

Ein bisschen auf Deutsch, hauptsächlich auf Englisch. Aber in dem Moment brauchen Sie keine Sprache.

Dass es Leute wie ihn gegeben hat, die eingegriffen und nicht nur zugeschaut haben, die Verantwortung übernommen haben, sich gekümmert und dabei ihr eigenes Leben riskiert haben, um uns zu retten, dafür bin ich – dafür sind wir – unendlich dankbar.

Stellen Sie sich die Situation nach der Notlandung noch einmal vor: Da lag ein Flugzeug, das war teilweise auseinandergebrochen, es hat geraucht, ein Motor lief noch, Benzin lief aus. Alles hätte explodieren und in Flammen aufgehen können. Hassanien Salman, der sich gerade gewaschen hatte, als er den Aufprall hörte, rannte bei Eiseskälte in Unterhose und Unterhemd herbei, hat die Rettung eingeleitet und koordiniert, bis die Notärzte und die Sanitäter kamen, die Feuerwehr, die Polizei. Er hat Leute direkt angesprochen, hat Helfer gefunden und uns, den Piloten und mich, aus dem Flugzeugwrack befreit. Meine beiden Kollegen, die hinten gesessen haben, konnten selber rausklettern. Sie standen unter Schock.

„Show me your beautiful eyes!“

Sie hatten unter anderem eine schwere, stark blutende Kopfverletzung.

Ich wurde sehr gut erstversorgt durch Hassanien. Er hat mir mit meinem Schal den Kopf verbunden. Und er hat es geschafft, dass ich nicht ohnmächtig wurde. „Show me your beautiful eyes, show me your beautiful eyes!“, hat er immer wieder zu mir gesagt. Das hat er mir später selber erzählt.

Schweißt so ein Erlebnis zusammen?

Natürlich baut sich da eine Beziehung auf. Wir haben ja gemeinsam etwas sehr Extremes durchgemacht. Ähnlich geht es mir mit den anderen Überlebenden. Wir vier werden jetzt den 10. März als zweiten Geburtstag feiern.

Fühlen Sie sich Ihrem Lebensretter besonders verpflichtet?

Nicht verpflichtet, aber sehr eng verbunden.

Menschen wie Hassanien nicht allein lassen

Wie helfen Sie ihm?

Er ist nicht mehr allein im fremden Land. Meine Familie und ich sind da. So gut ich kann, unterstütze ich zum Beispiel bei der Wohnungssuche und beim Asylverfahren. Hassanien hat ein Angebot erhalten, in Surwold bei Papenburg zunächst in Wohngemeinschaft mit einem Hochbetagten zu leben, um schließlich dessen Immobilie zu erwerben und mit seiner eigenen Familie aus dem Irak weiter dort zu leben. Hassanien hat sich sehr über die Initiative gefreut und sich dafür bedankt. Er kann und möchte das Angebot jedoch nicht annehmen. Aber auch wenn daraus nichts wird, verdient es viel Anerkennung und Dank, dass es Mitbürger gibt, die den Geflüchteten helfen wollen.

Hassanien möchte auch schnell wieder arbeiten, was ihm die Ausländerbehörde jetzt gestattet. Er sucht also einen Job. Wenn er hierbleiben darf – wovon wir alle ganz fest ausgehen wollen – dann muss seine Familie geholt werden. Es wird also noch vieles geben, wo wir als Freunde unterstützen können. Wichtig ist, dass er und andere Menschen in seiner Situation nicht allein gelassen werden.

Der Flugzeugabsturz in Osnabrück vom 10. März und Hassaniens Heldengeschichte haben international Schlagzeilen gemacht – gerade vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation in Deutschland und Europa.

Sie haben recht. Diese Rettung hat sich unter besonderen politischen und gesellschaftlichen Umständen ereignet. Macht man heute das Radio an, hört man Begriffe wie Idomeni, überlastet, Flüchtlinge. Was bleibt da hängen? Bei vielen offenbar nur das Gefühl, da sind Millionen Fremde auf dem Weg, die wir nicht verkraften und die nicht zu uns gehören. Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass aus solchen pauschalen Vorurteilen nicht die unkritisch akzeptierte Volksmeinung wird.

Was ich mir wünsche, ist, dass man differenzierter betrachtet, wer da warum zu uns nach Deutschland kommt. Es ist ja keine technische Gruppe von unbekannten Gestalten, sondern es sind Menschen mit individuellen Biografien, mit ganz unterschiedlichen Leben – ganz häufig mit Familie, die zurückgelassen wurde. Einige von diesen Menschen habe ich nach meinem Unfall kennengelernt. Ich verstehe jetzt, glaube ich, etwas mehr von den Beweggründen und ernsten Anlässen der Einzelnen, hier sein zu wollen.

„Menschen helfen Menschen – nur das ist wichtig“

Steckt also in der Katastrophe auch eine Lektion?

Für mich ist das Menschliche, das Zwischenmenschliche das Schlüsselerlebnis. Bei allem, was schrecklich ist an dem Flugzeugunglück: Ich habe dadurch sehr viel Gutes erlebt und lebe seitdem mit einer sehr positiven Grundstimmung weiter.

Es ist doch so: Als Verletzter sitzt Du da, schutzlos, offen, und brauchst einfach nur Hilfe. Du stellst keine Fragen nach Status, Herkunft, Qualifikation. Du bist in dem Moment einfach nur Mensch. Und so sind diejenigen, die auf Dich zukommen, auch nicht Flüchtlinge aus Eritrea oder aus dem Irak und auch nicht Tierarzt, Bauer, Handwerker oder sonst was. Das ist alles völlig unwichtig. Es sind Menschen, die helfen. Auf der Ebene sich zu begegnen zeigt, worum es geht.

Und das verstehen Ihrer Meinung nach viele nicht?

Doch, die meisten schon. Mir fällt aber auf, dass bei der Diskussion über Flüchtlinge Standpunkte eingenommen werden in der Politik, aber gerade auch in der Bevölkerung, die radikal sind und stereotyp. So schwarz-weiß ist unsere Welt nicht. Sie ist bunt. Und davor braucht man keine Angst zu haben. Schon gar nicht in Deutschland.

Eigentlich ist es ja der Ausdruck von Anerkennung für unser Land, unsere Werte und unsere Ordnung, wenn viele von außen zu uns kommen. Wir könnten stolz auf uns sein. Deutschland ist attraktiv. Tatsächlich reagieren große Teile der Bevölkerung mit Angst und Vorurteilen auf die Flüchtlingssituation. Es ist seit Monaten Thema Nummer eins in allen Medien.

Dabei glaube ich, dass viele Deutsche unsicher sind im Umgang mit der eigenen Kultur und Geschichte und wenig Erfahrung haben mit geglückter Integration, also dem Zusammenleben mit Ausländern. Das kann dann zu einer generell ablehnenden Haltung gegenüber Fremden führen. Sich den stumpfen Klagen von angstschürenden Rechtspopulisten wie AfD oder Pegida anzuschließen, ist aber keine Lösung und setzt die Attraktivität Deutschlands aufs Spiel.

„Vorurteile helfen uns nicht weiter“

Gleichwohl birgt illegale Einwanderung auch Terrorgefahr. Davor warnen sogar die Sicherheitsbehörden.

Klar, Angst vor Terror habe ich auch. Aber was mir wirklich Sorgen macht, ist die verbreitete Annahme, dass alle Flüchtlinge, die zu uns kommen, eine potenzielle Gefahr darstellen. So ist es nicht! Unser Flugzeugmalheur hat bewiesen, dass es nicht so ist. Wenn man beim Menschsein ankommt, spielt alles andere keine Rolle. An welchen Gott glaube ich, woher komme ich, was habe ich gelernt? Das ist unwichtig. Wir machen aber ganz viele unserer Sorgen komischerweise genau an diesen Attributen fest.

Was müsste stattdessen geschehen?

Wir sollten offenbleiben für Hilfesuchende, die zu uns kommen. Natürlich darf es nicht heißen, dass alle blindlings aufgenommen werden. Aber alle Argumente für und wider ein Asyl oder eine Einwanderung werden ja bereits heute mit harten Kriterien gewissenhaft geprüft. Da wünscht man sich eigentlich nur, dass diese Verfahren schneller gehen, weil es allen hilft: den betroffenen Menschen und den beteiligten Behörden.

Im Kern geht es ja um Menschen, die zu uns kommen, weil es zu Hause nicht mehr geht – das würde ich jetzt einfach mal unterstellen. Vorurteile helfen uns nicht weiter.

Umso wichtiger finde ich es auch, darüber zu berichten, wenn aus dieser Bevölkerungsgruppe positive Beiträge für unsere Gesellschaft kommen.

„Integration fällt nicht vom Himmel“

Es scheint, als hätten der Flugzeugabsturz und die Rettung durch einen Flüchtling Sie zu einem Botschafter für Integration gemacht.

Das Thema Zusammenleben, Integration und Anerkennung beschäftigt mich schon länger. Ich halte es für sehr wichtig. Und was ich persönlich erlebt habe, gibt mir die Chance, eine gewisse Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Wir müssen uns alle unserer eigenen Rolle in der Gesellschaft bewusst werden und als Teil begreifen. Integration passiert ja nicht von alleine, die fällt nicht vom Himmel. Es ist auch keine politische Aufgabe dafür zu sorgen, dass Zugewanderte eingegliedert werden. Das ist unser aller Aufgabe.

Was wäre eigentlich, wenn nicht ein Flüchtling, sondern ein rechtsradikaler Deutscher Sie aus dem Flugzeugwrack gerettet hätte?

Dann hätte das so nicht in Ihrer Zeitung gestanden. Und vielleicht hätten wir es nie erfahren.

Interessant wäre ja auch die Hypothese, dass ein Rechtsradikaler einem Flüchtling nach einem Unfall das Leben rettet. Das wäre sicher auch eine Nachricht gewesen. Und wir wären wieder da, worauf es ankommt: als Menschen für andere Menschen da zu sein.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN