Lyriker zu Gast bei „Littera“ Für Jan Wagner kann alles zum Gedicht werden

Von Anne Reinert

Ob schlafende Koalas oder Rasenmäher in Kleinstädten - Lyriker Jan Wagner inspiriert vieles. Am Montag war er im Blue Note in Osnabrück. Foto: Thomas OsterfeldOb schlafende Koalas oder Rasenmäher in Kleinstädten - Lyriker Jan Wagner inspiriert vieles. Am Montag war er im Blue Note in Osnabrück. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Jan Wagner ist so etwas wie der Star der deutschen Lyrikszene. Seine Littera-Lesung in Osnabrück bewies, dass Gedichte alles andere als langweilig sind.

Dichterlesungen haben bis heute den Ruf, nicht sonderlich unterhaltsam zu sein. Denn der Lyrik haftet nach wie vor an, öde und unverständlich zu sein. Dass sie das nicht verdient hat, beweist ein Dichter wie Jan Wagner, der am Montagabend Gast bei der Lesungsreihe Littera der Buchhandlung zur Heide im Blue Note war.

Humorvoll und leicht kann es zugehen, wenn er seine Verse vorträgt. Er kann aber auch böse werden. Ironisch. Nachdenklich. Die Bandbreite ist groß. Und das gilt nicht nur thematisch, sondern auch für die Formen. Vom Sonett über dem Blues nachgeahmte Verse bis hin zur Sestine, einer nahezu vergessenen Gedichtform, die im Barock beliebt war, reicht das bei dem 1971 in Hamburg geborenen und heute in Berlin lebenden Dichter.

Vom Friseur- zum Tiergedicht

„Alles kann zum Gedicht werden“, sagt Jan Wagner. Ob nun der Friseurbesuch oder ein Teebeutel - Inspiration findet er überall. Wobei das „Friseurgedicht“, wie Wagner es schmunzelnd nennt, sehr viel seltener bei ihm vorkommt als das „Tiergedicht“. Aber worum auch immer es geht, Wagner beweist an diesem Abend, dass seine Gedichte Musikalität haben und verspielt sind. In der „kleinstadtelegie“ heißt es etwa: „hinter allen hecken verkündete der rasenmäher den mai“. Und in einem Gedicht über Koalas ist „so viel schlaf in nur einem baum“. 

Aber Wagners Verspieltheit und Fantasie reicht noch weiter, wie seine Ausschnitte aus „Die Eulenhasser aus den Hallenhäusern“ zeigen. In dem Buch gibt sich Wagner als Herausgeber dreier Poeten aus - die er allesamt erfunden hat, inklusive ihrer Gedichte und den dazugehörigen  Fußnoten. Da gibt es etwa den eigensinnigen Theodor Vischhaupt, der - so will es Wagners Erfindung - Anagrammgedichte schreibt und sich vehement gegen die Veröffentlichung seiner Verse wehrt.

„Poetisches Grundbedürfnis“

Für den Band bekam Jan Wagner 2012 viel Lob. Noch größer war die Anerkennung aus dem vergangenen Frühjahr: Da wurde er als erster Lyriker überhaupt mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Die Auszeichnung wurde nicht nur als Ehrung eines bestimmten Dichters wahrgenommen, sondern als Würdigung der zeitgenössischen Lyrik in Deutschland überhaupt.

Die Szene sei in den „letzten 15 Jahren so lebendig wie in 100 Jahren davor nicht mehr“, stellt Jan Wagner nach der Lesung im Gespräch mit unserer Redaktion fest. Auch wenn Gedichte die Kassen nicht so zum Klingeln bringen wie Romane und die Zuschauerzahl bei der Littera-Lesung im Blue Note überschaubar blieb, sieht Jan Wagner das als Beweis, dass es ein „poetisches Grundbedürfnis“ gebe. Denn keine andere Literaturgattung bediene das Spiel mit der Sprache so wie die Lyrik.

Keine Romane

Zudem sei die Dichtung „die Urmutter der Literatur“, älter als jedes andere Genre. In nur drei Versen könne sie so viel sagen wie ein Roman auf Hunderten von Seiten. Apropos Roman: Würde Jan Wagner sich vorstellen können, einen zu schreiben? Das verneint der Dichter, Übersetzer und Herausgeber („Lyrik von Jetzt“) deutlich.

Dass seine Gedichte bei der Lesung gut ankommen, liegt auch daran, dass Jan Wagner sie so schön und pointiert vorträgt. Die Reaktionen sind sehr wohlwollend. Eine Dichterlesung kann eben doch unterhaltsam sein - und dabei, so gilt ja der hohe Anspruch, sogar noch lehrreich. Denn wo sonst gibt es in nicht mal eineinhalb Stunden nebenbei so viel über Sonette und Haikus zu lernen.