Ex-Bundespräsident in der Wüste Christian Wulff zum Europatag in Osnabrücker Gymnasium

Ex-Bundespräsident Christian Wulff zu Gast beim Europatag im Gymnasium in der Wüste. Foto: Jörn MartensEx-Bundespräsident Christian Wulff zu Gast beim Europatag im Gymnasium in der Wüste. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Es war ein Heimspiel für den Ex-Bundespräsidenten: Im Gymnasium in der Wüste verknüpfte der gebürtige Osnabrücker Christian Wulff die zwei großen Themen dieser Tage, die Europa- und die Flüchtlingspolitik, miteinander.

Sie sind 14, 15 oder 16 Jahre alt und haben Dinge erlebt, die sie kaum in Worte fassen können. Die Flucht aus Syrien hat sie bis ins Gymnasium in der Wüste gespült. Hier versuchen Ali (16), Raghad (14), Tasnim (15) und Mohammad (16) wieder Fuß zu fassen in einem Leben ohne ständige Bedrohung, ohne Angst vor Tod und Vertreibung. Das Erlebte zu beschreiben fällt ihnen schwer. In Gedichtform versuchte Mohammad seinen Mitschülern in der Aula mit stockender Stimme zu vermitteln, welche Gefühle er mit seinem Land und seiner eigenen Geschichte verbindet. „Das Blut ist wie Wasser im Meer“, heißt es da an einer Stelle. Ein 16-Jähriger, der solche Verse aus dem eigenen Erleben zu Papier bringt, dürfte mehr erlebt haben, als eine junge Seele zu verkraften vermag. Am Ende seines Vortrags bekam Mohammad lang anhaltenden Applaus, auch von einem sichtlich beeindruckten Christian Wulff.

Nicht alle seine Mitschüler in der Sprachlernklasse des Gymnasiums wollten oder konnten aus der verlassenen Heimat berichten. Zu schwer wiegt das Schicksal, dem sie entronnen sind. Und dennoch: Auf Wulffs Frage, ob sie denn in Deutschland bleiben wollen oder, wenn in Syrien Friede herrsche, wieder in ihre Heimat zurückkehren würden, wollten doch die meisten zurück. „Ich habe meine Freunde, mein Haus, ich habe alles in Syrien gelassen“, sagte der 16-jährige Ali. Und Tasnim ergänzt: „Wer soll denn das Land wieder aufbauen, wenn wir nicht zurückkehren?“

Wulff hatte zuvor für Toleranz geworben und auf die Tradition der Friedensstadt Osnabrück verwiesen. Sein Plädoyer galt einem Europa, dass als Gemeinschaft die Herausforderung der Flüchtlingsströme annimmt. Muslime sollten ebenso wenig allein auf ihre Religion reduziert werden, wie Katholiken, Protestanten oder Buddhisten, mahnte Wulff. Im Gymnasium in der Wüste scheint dieser Wunsch Wirklichkeit zu werden. Sehr offen sprachen die jungen Syrer, die in einer Sprachlernklasse gemeinsam mit anderen Schülern aus fünf weiteren Nationen unterrichtet werden, von anfänglichen Schwierigkeiten, die sie aber schnell durch die Freundlichkeit und Offenheit ihrer deutschen Mitschüler überwinden konnten. „Zuerst war ich allein. Jetzt habe ich viele Kontakte“, sagt Tasnim, die in die neunte Klasse geht.

Mit dieser Unterstützung mögen vielleicht auch die Träume der jungen Flüchtlinge wahr werden. Denn eines ist ihnen allen gemein: Sie sind ehrgeizig und wollen unbedingt in der Wüste das Abi machen.


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