Studentenwerk Osnabrück Birgit Bornemann: Studenten stellen Ansprüche – zu Recht



Osnabrück. Über 13 Jahre war Birgit Bornemann Geschäftsführerin des Studentenwerks Osnabrück. Ende April geht sie in Rente. Im Interview erklärt die 65-Jährige, was Studenten von heute wollen – und wie sie als öffentlich-rechtlicher Dienstleister darauf reagiert.

Frau Bornemann, nach so langer Zeit an der Spitze des Studentenwerks Osnabrück: Ihr Fazit in einem Satz?

Wir haben den Spagat zwischen unserem sozialen Auftrag und betriebswirtschaftlichen Zwängen gut hinbekommen.

Als sie 2003 Geschäftsführerin wurden, war das Studentenwerk Osnabrück für 19.000 Studenten zuständig. Heute sind es 31.000. Wie halten Sie da Schritt?

Indem wir uns immer ganz flexibel auf die Bedürfnisse der Studierenden einstellen. Für sie hat sich ja das meiste verändert: Seit der Studienstrukturreform, der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge ist das Studium viel enger getaktet. Das führt dazu, dass andere Anforderungen an die soziale Infrastruktur gestellt werden.

Welche?

Nehmen wir das Beispiel Wohnen. Studierende leben zwar nach wie vor gerne in Wohnheimen, weil es preiswert ist. Aber mittlerweile wohnen viele auch gern in Einzelapartments oder Zweier-WGs. Hier ist die Nachfrage größer als unser Angebot. Mit dem Neubau an der Natruper Straße und dem Anbau an der Jahnstraße haben wir auf den steigenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum reagiert und auch auf veränderte Wohnwünsche. Ebenso mit unserer Bewerbung für Bau und Betrieb des geplanten Albert-Einstein-Studentenwohnheims im Wissenschaftspark.

Im Wohnheim in der Dodesheide, dem ältesten der Stadt, wohnen Studenten aber immer noch wie in einer Kaserne!

Das wurde vor unserer Gründung von einem anderen Studentenwerk gebaut und uns dann übertragen. Dort wohnt man, wie es früher üblich war: in Flurgemeinschaften, mit gemeinsamen Bäder und Küchen. Das entspricht natürlich weder heutigem Standard noch unseren Vorstellungen. Und auf Dauer finde ich das Wohnheim auch nicht erhaltenswert. Doch angesichts der Studierendenzahlen ist es für uns im Moment unverzichtbar. Wir können alle Zimmer vermieten.

Insgesamt hatte das Studentenwerk Osnabrück aber immer schon einen sehr schönen, individuellen Bestand an Wohnungen: Da gibt es eine umgebaute, alte Gasuhrenfabrik am Jahnplatz und einen Bauernhof genauso wie eine Villa in der Katharinenstraße. Und alles ist sehr gut in Schuss. Wir haben in keinem Wohnheim einen Sanierungsstau.

Abseits vom Wohnen: Was hat sich unter Ihrer Ägide außerdem verändert?

Ganz auffällig: die Hochschulgastronomie. In Osnabrück gab es früher am Campus Westerberg eine alte, kleine Mensa im AVZ. Die machte nach dem Mittagessen zu. Jetzt haben wir an der Barbarastraße die neue Mensa mit 1000 Plätzen, Café-Lounge und Eiscafé. Dort bekommt man bis zum Abend eine warme Mahlzeit. Dasselbe gilt für die Mensa am Schloss. Auch da haben wir ausgebaut, umgestaltet, Öffnungszeiten ausgedehnt.

Darüber hinaus sind unsere Speisepläne heute sehr ausgefeilt. Wir nehmen Rücksicht auf Allergiker, auf Vegetarier – sogar auf Veganer. Alles wiederum, um den veränderten Bedürfnissen gerecht zu werden. Aber wir haben auch ganz neue Aufgaben angefasst, etwa unsere eigene Campus-Kita. Und in Lingen haben wir eine soziale Infrastruktur mit Mensa, Wohnheim und Beratung erst aufgebaut – übrigens alles ohne Zuschüsse.

Spezielles Essen, schicke Wohnheime –und das alles für schmales Geld: Stellen Studenten von heute nicht zu hohe Ansprüche?

Studierende stellen heute andere Ansprüche als früher, und sie stellen sie mit Recht. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, die Lebensbedingungen sind andere, Kinder werden anders sozialisiert. Darauf müssen wir uns als Dienstleister einrichten. Unser Ziel ist es, möglichst alle Studierenden glücklich zu machen und ihnen das Studium zu erleichtern.

Noch einmal: Das Studium ist straffer geworden und strenger reglementiert, ohne große Spielräume. Wegen der Präsenzpflichten hat kaum einer mehr Zeit, außerhalb der Stoßzeiten in Ruhe in die Mensa zu gehen – geschweige denn bei der Fächerwahl nach links und rechts zu gucken. Auf den Studierenden lastet heute ein höherer Druck. Das sehen wir auch in unserer psychosozialen Beratungsstelle.

Inwiefern?

Es kommen immer mehr verzweifelte Erstsemester, die eine Klausur versemmelt haben und schon um ihren Abschluss fürchten. Das finde ich sehr schade. Ich würde mir für die Studierenden wünschen, dass sie ihre Gelassenheit wiederfinden. Die Studienzeit sollte eigentlich eine Zeit sein, in der man sich orientieren kann und Freiräume genießt.

Reden wir über Geld. Es heißt, das Studentenwerk Osnabrück schwimme darin. Und ein Blick in die Statistik zeigt: 2015 betrug die Bilanzsumme knapp 38,5 Millionen Euro – bei einer Eigenkapitalquote von über 60 Prozent.

Stimmt, ich übergebe ein sehr gut aufgestelltes Studentenwerk mit stabilen, soliden Finanzen. Dank eines neu eingeführten Warenwirtschafts- und Qualitätsmanagement-Systems arbeiten wir äußerst effizient, was es uns erlaubt, niedrige Preise zu verlangen. Aber dass wir im Geld schwimmen, behauptet ja nicht einmal der Landesrechnungshof.

Als Unternehmen, das heute keinerlei Zuschüsse mehr für notwendige Investitionen erhält, müssen wir selber vorsorgen. Das Land Niedersachsen gewährt uns als Anstalt des öffentlichen Rechts von 2014 bis 2018 eine gedeckelte Finanzhilfe im unteren einstelligen Millionenbereich. Das gibt uns Planungssicherheit, die wir als Wirtschaftsunternehmen brauchen. Aber mehr als 70 Prozent unserer Einnahmen generieren wir selbst.

Trotzdem erhöht das Studentenwerk Osnabrück die Beiträge: bis 2018 auf 67 Euro pro Semester.

Das geschieht, um mittelfristig erwartete Verluste durch Steigerungen von Sach- und Personalkosten auszugleichen. Und damit Studierende nicht in ein paar Jahren für denselben Standard auf einen Schlag sehr viel mehr Geld mehr bezahlen müssen. Deshalb erfolgt die Erhöhung der Beiträge in drei Jahresschritten. Außerdem fällt sie überaus moderat aus. Regional und landesweit liegen wir mit unseren Beiträgen auch künftig am unteren Ende der Skala.

Welche Herausforderungen warten auf das Studentenwerk Osnabrück?

Meine Nachfolgerin Alexandra Krone wird als Geschäftsführerin sicher eigene Akzente setzen. Allerdings werden wir uns allein wegen der demografischen Entwicklung ab 2020 auf sinkende Studierendenzahlen einrichten müssen. Dann ist es umso wichtiger, dass wir als Studentenwerk den Studienort Osnabrück mit guter sozialer Infrastruktur attraktiv halten.

Aber bedeuten weniger Studenten nicht auch geringeren Bedarf an Wohnheimplätzen? Wozu dann jetzt die vielen Neu- und Anbauten?

Der Bedarf könnte tatsächlich sinken, ja. Aber darauf wäre das Studentenwerk vorbereitet. Es besitzt einige Objekte, die nur angemietet sind. Von denen könnte es sich trennen. Übrig blieben die eigenen, neuen Wohnheime. Wenn ich also in diesem Punkt buchstäblich Baustellen hinterlasse, dann gerne!


Das Studentenwerk Osnabrück ist der soziale Dienstleister für mehr als 30.000 Studenten in Osnabrück, Vechta und Lingen. Es betreibt Mensen und Cafeterien, unterhält Wohnheime und Kindertagesstätten, hilft notleidenden Studenten finanziell und bietet ihnen psychologische Beratung an. Außerdem macht es kulturelle Angebote und kümmert sich um Studenten aus dem Ausland.

Birgit Bornemann ist seit 1. Januar 2003 Geschäftsführerin des Studentenwerks Osnabrück. Darüber hinaus ist sie Sprecherin der niedersächsischen Studentenwerke. Zuvor war die 64-Jährige Abteilungsdirektorin beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Bonn und Berlin und Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt Osnabrück-Stadt. 2013 hatte Bornemann für das Amt der Oberbürgermeisterin von Osnabrück kandidiert. Als SPD-Kandidatin unterlag sie Wolfgang Griesert (CDU) in der Stichwahl.

In ihrer Zeit beim Studentenwerk hat sich die Bilanzsumme dieser Anstalt öffentlichen Rechts von knapp 24 Millionen Euro (2002) auf fast 38,5 Millionen (2015) erhöht. Das Anlagevermögen nahm von rund 19 Millionen Euro auf 31,7 Millionen zu. Aus 3,7 Millionen Euro Eigenkapital (einschließlich Rücklagen und Sondervermögen) wurden 23,4 Millionen. Das entspricht einer Eigenkapitalquote von 60,8 Prozent (2002: 15,6 Prozent).

Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 231 auf 331. In den Mensen werden mittlerweile 1,5 Millionen Essen jährlich ausgegeben. 1800 Studenten finden in den 26 Wohnanlagen des Studentenwerks Osnabrück eine Bleibe.

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