Der eigene Körper als Gerät Klimmzüge und Liegestütze: Fitnesstrend erreicht Osnabrück



Osnabrück. Eigengewichtstraining liegt voll im Trend – und damit feiern auch die altbackenen Klimmzüge oder Liegestütze ein Comeback. Eine besondere Spielart ist das anspruchsvolle Calistthenics, das im Freien ausgeübt wird.

Wer den 19-jährigen Rafael Ibrahimov, den 17-jährigen Fatih Dökücü oder den 16-jährigen Oliver Bordwardt auf dem Mehrgenerationen-Spielplatz am Willy-Brandt-Platz in Osnabrück trainieren sieht, der kann nicht umhin, die Muskeln der jungen Männer zu bewundern oder zumindest zu bemerken. Doch ihre Körper sind nicht in einer Mucki-Bude gestählt worden, sondern durch altbackene Übungen wie Klimmzüge oder Liegestütze. Sie nennen es nicht Gymnastik, sondern Calisthenics. Ein Trendsport, bei dem vor allem das eigene Körpergewicht für das Training genutzt wird.

Rafael, Fatih und Oliver gehören zu der Gruppe „Redbars“, die sich vom Frühling bis zum Herbst regelmäßig entweder am Willy-Brandt-Platz oder auf dem Spielplatz im Schlossgarten vor der Mensa trifft. Dort finden sie die passenden Stangen, um zu trainieren. Hier und dort finden sie auch Bänke, um Liegestützen zu machen. An den Stangen üben sie Klimmzüge oder „Flags“. Dabei hängen die Sportler waagerecht an einer Stange wie eine Flagge. Einsteigern empfiehlt Oliver, nichts mit „Flags“, sondern mit Laufen und dann mit leichten Liegestützen anzufangen, um die Muskeln nach und nach aufzubauen. „Calisthenics ist ein Kraftausdauersport“, sagt er.

Für Anfänger gut geeignet

Prof. Dr. Andrea Schmidt, die im Arbeitsbereich Sport und Bewegung des Instituts für Sport- und Bewegungswissenschaften an der Universität Osnabrück lehrt, sagt, dass Eigengewichtsübungen für Anfänger durchaus gut geeignet seien, da sie tendenziell stärker auf die „intermuskuläre Koordination“ abzielen, also Vielseitigkeit versprechen. Zudem gebe es viele gute Einstiegsübungen, die keineswegs überfordern. „Aus den Einstiegsübungen lassen sich mit ein paar differenzierten Abänderungen der Bewegungsausführung leicht anspruchsvollere Übungen machen, die den Trainingserfolg, neben der Wiederholungssteigerung ebenfalls sichtbar machen“, sagt sie weiter und nennt als Beispiele Liegestütze an der Wand, am Schreibtisch oder am Couchtisch mit diversen Variationen in der Armhaltung oder den Aufstützpunkten der Hände und Fäuste.

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Beim Eigengewichtstraining sei es gegenüber einem herkömmlichen Gerätetraining „schwerer“ sich zu verletzen oder sich falsch einzuschätzen, so Schmidt. „Man merkt sehr schnell, was geht und was nicht geht. Gut ausgebildete koordinative Fähigkeiten dienen nachweislich der Verletzungsprophylaxe.“ Durch das Eigengewichtstraining erfolgt eine insgesamt harmonischere Ausbildung der Muskulatur, als es durch einen kleinen Zirkel mit herkömmlichen Geräten der Fall wäre, sagt die Sport-Professorin weiter. „Dies setzt natürlich voraus, dass das Eigengewichtstraining auf einer Übungsauswahl basiert, welche alle Körperbereiche in ausgewogenem Maße einbezieht.“

Training fast überall durchführbar

Im Vergleich zum Krafttraining im Fitness-Studio bräuchten die Übenden beim Eigengewichtstraining zunächst einmal finanziell und zeitlich nichts zu investieren, und es sei nahezu überall durchführbar, so Schmidt. Sie empfiehlt, Übungen aus der Literatur wie zum Beispiel in Mark Laurens Buch „Fit ohne Geräte“, aus einer App wie „Freeletics“, bei Youtube oder von Freunden abzuschauen. „Mit ein bisschen Erfahrung kann man natürlich auch seiner Kreativität freien Lauf lassen und Übungen selbst erfinden oder nach eigenen Bedürfnissen und Anforderungen abwandeln.“

Bei den „Redbars“ legt Oliver Borgward die Trainingspläne fest. Er findet sie ebenfalls bei Youtube von den Kollegen von Barstars oder Barbrothers. Ihre Gruppe ist bei Facebook unter „Redbars Germany“ zu finden. Bisweilen denkt sich Oliver Borgward eigene Übungen aus. Für die jungen Männer sind diese Trainingseinheiten natürlich freiwillig. Sie fühlen sich auch nicht dadurch gezwungen, Sport zu machen, weil sie einen Beitrag fürs Fitness-Studio bezahlt haben. Für Fatih, der seit sechs Monaten Calisthenics trainiert, ist das ein Vorteil: „Man wird disziplinierter, bekommt mehr Selbstbewusstsein und findet heraus, dass man mehr kann, als man gedacht hat.“

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Fitnesstrends 2016

„Das Leben besteht in der Bewegung“, hat der griechische Philosoph Aristoteles vor 2300 Jahren formuliert. „Wer rastet, der rostet“, ist eine andere Spruchweisheit. Es gibt viele Möglichkeiten, Körper und Geist fit zu halten – mit bewährten Methoden ebenso wie mit neuen Trends. US-amerikanische Wissenschaftler und Sportjournalisten ermitteln jedes Jahr die neusten Fitnesstrends. Für 2016 stehen auf der Top-20-Liste unter anderem verschiedene Spielarten des Wanderns, ausgefallene Yoga-Formen und auf Position 2 das Eigengewichtstraining, für das keine Geräte erforderlich sind. Um diese und andere Fitnesstrends dreht sich unsere neue Serie, deren Beiträge Sie in den nächsten Wochen in loser Folge lesen können.

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